Anlässlich des The Future of Europe-Festivals führt das Schauspiel Stuttgart Daumenregeln der serbischen Autorin Iva Brdar in der Regie von Wibke Schütt erstmals in deutscher Sprache auf.

Zwei junge Schwedinnen machen sich auf, ein Abenteuer zu bestehen. In einem Wettbewerb versuchen sie, ein zufällig ausgewähltes Dorf auf der Grenze zwischen Serbien und Bulgarien zu erreichen. Geografisch von Nord nach Süd, politisch von West nach Ost. Die beiden jungen Frauen sind am Anfang ihrer Reise den zahllosen westeuropäischen Backpackern nicht unähnlich, die sich auf der Suche nach Exotik und Abenteuer nach Australien, Südostasien und Amerika begeben. Ähnlich unbedarft tasten sie sich nur langsam an die Probleme der Einheimischen heran. In Daumenregeln offenbart sich, wie wenig den Europäern doch ihr eigener Kontinent bewusst und wie verschieden der Umgang mit gesellschaftlichen Problemen ist. Auf ihrem Trip begegnen Ana (Lucie Emons) und Monika (Nina Siewert) Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, einem fatalen Gesundheitssystem und den Folgen der Privatisierung nach dem Zerfall Jugoslawiens, personifiziert durch Jannik Mühlenweg. Probleme, die ihnen fern und unwirklich erscheinen. Doch das Stück zeigt feinsinnig auf, wo die grotesken Parallelen zwischen den Problemen von „West“ und „Ost“ liegen…

„Es gibt nie genug Orte, an denen man zu zu Hause ist
Wenn wir in einer Welt der Wohnraumkrise leben“

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Die Wohnraumkrise ist in Westeuropa allgegenwärtig. Steigende Mieten, Gentrifizierung und fehlender Wohnraum sorgen vor allem in den Großstädten für Probleme. Insbesondere in Deutschland treiben zu teures Eigentum, bedingt durch hohe Grundstückspreise, hohe Gebühren und viele Auflagen die Leute in immer teurere Mietwohnungen.

In Osteuropa weichen die in Zeiten des Sozialismus entstandenen Plattenbauten in den letzten Jahrzehnten immer mehr Neubauprojekten. Im  ehemaligen Jugoslawien haben darüber hinaus Krieg, die wirtschaftliche Krise in den 1990ern und die Neuordnung der Wirtschaft, die Besitzverhältnisse durcheinandergewirbelt.

„Üben Sie ruhig Druck auf mich aus
Ich werde Überstunden machen
Ich werde am Wochenende arbeiten
Ich liebe es, meine freien Tage
Im Büro zu verbringen“

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Die Arbeitslosigkeit ist in Skandinavien und Deutschland so niedrig wie nie, doch unbezahlte Praktika und befristete Verträge verfälschen die Statistiken und die westeuropäische Arbeitsmoral ist auf einem gefährlichen Niveau angekommen. Ständige Erreichbarkeit, unbezahlte Überstunden und Burn-Out betreffen schon seit Jahren nicht nur Top-Manager.

Die osteuropäischen EU-Länder haben oft ebenfalls eine geringe Arbeitslosenquote. Trotzdem treiben die niedrigen Gehälter immer noch viele Osteuropäer in den Westen. Die osteuropäischen Länder außerhalb der EU haben sehr mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. So hat Serbien eine Arbeitslosenquote von 14,4 %, eine Jugendarbeitslosigkeit von 33,7 %, und bietet Arbeitslosen kein Arbeitslosengeld oder sonstige finanzielle staatliche Unterstützung.  Im Gegensatz dazu steht das Nachbar- und EU-Land Bulgarien mit lediglich 6% Arbeitslosigkeit  und 15% Jugendarbeitslosigkeit (Werte von 2017).

„Warte in einer Schlange
Warte in der nächsten Schlange
Dann warte wieder in der ersten Schlange
Dann geh zum dritten Arzt
Und dann wieder zum ersten
Das war ein – so kann man wohl sagen – Labyrinth“

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Die Lage des Gesundheitssystems in Osteuropa ist prekär. Mit Ausnahme von Tschechien und der Slowakei geben die Osteuropäischen EU-Staaten unter fünf Prozent des Bruttosozialproduktes für das Gesundheitswesen aus – gegenüber dem EU-Durchschnitt von acht Prozent. In Polen, Bulgarien, Lettland, Tschechien und Rumänien kam es im vergangenen Oktober zu Streiks gegen die schlechte gesundheitliche Versorgung. In Serbien, Bosnien und Mazedonien ist die staatliche Krankenversorgung heillos überfordert und unterfinanziert. Eine private Versorgung können sich nur 2% der Bevölkerung leisten. Aus ganz Osteuropa wandert medizinisches Fachpersonal ab. 2016 stellten die Serben die drittgrößte Gruppe der neu zugelassenen Ärzte in Deutschland, hinter Syrern und Rumänen.

„Mir war übel geworden
Weil ich dreizehn Monate lang
Kein Gehalt bekommen hatte
Weil ich genauso lange gestreikt habe“

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Die Privatisierungswelle, mit der nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks alle ex-sozialistischen Länder zu kämpfen hatten,  zog sich in Serbien bis weit in die 2000er Jahre hinein und wurde von massiven Streiks begleitet.

Der Textilarbeiter Zoran Bulatovic, auf den auch Daumenregeln Bezug nimmt schrieb 2009 Geschichte, als er  sich im Streik für nicht ausgezahlte Gehälter, den Daumen abhackte und aufaß.

Daumenregeln zeigt, wie wenig uns Allen doch die Situation in anderen Teilen der vermeintlichen europäischen Gemeinschaft und vor allem außerhalb der EU, bewusst ist und zeigt die gesellschaftlichen Probleme des Balkans, aber auch Gesamt-Europas auf.

Weitere Vorstellungen  von Daumenregeln am 12. Mai und 9. Juni im Nord

Karten und Infos …hier

Fotos: Björn Klein

Quellen:

https://wko.at/statistik/laenderprofile/lp-serbien.pdf
(Zuletzt abgerufen am 30. 4. 2018)

https://wko.at/statistik/laenderprofile/lp-bulgarien.pdf
(Zuletzt abgerufen am 30. 4. 2018)

http://germany.iom.int/sites/default/files/ZIRF_downloads/2016/Serbien_CFS_DE_2016.pd
(Zuletzt abgerufen am 30. 4. 2018)

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/aerzte-protestieren-in-polen-tschechien-bulgarien-kranke-heiler-a-1175017.html
(Zuletzt abgerufen am 30. 4. 2018)

http://www.dw.com/de/krank-auf-dem-balkan-cash-oder-warten/a-43564087
(Zuletzt abgerufen am 30. 4. 2018)

http://www.taz.de/!5163604/
(Zuletzt abgerufen am 30. 4. 2018)

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