The Future of Europe

Für ein Europa mit Zukunft

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems und Gründerin des European Democracy Lab (EDL) in Berlin versieht ihr 2016 erschienenes Buch mit dem Untertitel „Eine politische Utopie“. Europa muss neu gedacht werden – so Guérot, die sich in ihrem Konzept eines modernen, demokratischen, sozialen, nachhaltigen Europa an den Grundsätzen der Ideengeschichte des Republikanismus orientiert. Die mit Bürokratie, merkwürdigen Gesetzen und verkrusteten Strukturen versehene EU muß ihrer Meinung nach neuen Impulsen und Ideen weichen. Sie zeigt auf, wie die strukturellen Mängel der EU Krisen provozieren und den sich immer weiter ausbreitenden Populismus und Nationalismus befördern. Guérot verlangt nach einer Rückbesinnung auf die Grundideen einer antiken res publica, bei der das allgemeine Glück zum Ziel der Gesellschaft bestimmt wurde. Dies wünscht sie sich als anthropologische Konstante, die bestimmte Setzungen beinhalten, wie das Recht auf Arbeit oder die Leitbegriffe der französischen Revolution „Freiheit“ und „Gleichheit“. Das Recht auf Arbeit und daran gekoppelt ein umfassendes Arbeitslosengesetz müsse auf europäischer Ebene definiert und vorangebracht werden. Die einzige Freiheit, die Europa derzeit verspricht, ist die Freiheit des Marktes, so Guérot. Republikanismus versteht sie nicht als liberales ‚anything goes‘, nicht als penetrantes Schweigen zu den offenen, versteckten oder sublimierten Formen der Ungleichheit, sondern begründet drei gesellschaftliche Kernforderungen für die zukünftige Europäische Republik: Chancengleichheit, Bildung und die soziale Ermöglichung von politischer Teilhabe.
Das ist leichter gesagt als getan und Frau Guérot ist das utopische Moment ihrer Zielformulierung immer gegenwärtig. Dennoch wagt sie den Schritt in die Beschreibung einer Umsetzung, auch dieser behält stets den Hauch des Utopischen. Statt beispielsweise die EU-Außengrenzen besser schützen zu wollen, solle sich die EU vielmehr darüber Gedanken machen, wie das früher Mare Nostrum „unser“ Meer genannte Mittelmeer, den Mittelmeerraum als Kulturraum einer neuen Verbindung von Europa und Nordafrika wiederbeleben könne. Konkret hätte während des arabischen Frühlings ein politisches und wirtschaftliches Hilfsangebot der EU dazu beitragen können. Dies blieb aus – stattdessen führen Projekte wie Desertec, also die Nutzung von mediterraner Sonnenenergie für Europa zu asymmetrischen Strukturen zugunsten der EU.
Außerdem fordert Guérot eine „echte“ Zentralbank, die Einführung einer Umsatzsteuer auf Bankenumsätze – wie auf jede Transaktion auch. Dafür müsse allerdings mit der Dominanz des (US-) Finanz-Kapitalismus gebrochen werden, wie bereits vom demokratischen Präsidentschaftskandidat der USA, Bernard Sanders formuliert.
Da EU-Institutionen keine wirklich ernst zu nehmenden, sinnvoll agierenden Organe sind, werden sie, laut Guérot von der gebildeten, mobilen politisch aktiven Jugend nicht als demokratische Entscheidungsinstrumentarien wahrgenommen. Die Jugend diskutiere und entwerfe eine neue europäische Welt in Apps, sie mache europäischen Punk Rock wie Rock the Union oder toure in Bussen durch Europa. Sie organisiere sich transnational, für Flüchtlinge, gegen Grexit und Brexit. Ihre Helden seien Edward Snowden und Julian Assange, der slowenische Starphilosoph Slavoj Žižek oder der französische Ökonom Thomas Piketty. Gerade junge Frauen, die für Guérot die wichtigsten Protagonisten eines zukunftsfähigen Europas sind, machen sich Europa abseits der Institutionen zum Thema ihres Lebens, ihres Berufes, ihres Nachdenkens und ihres Engagements. Bildungsferne Jugendliche hingegen, abgehängt, sozial schwach, in tristen Vorstädten ansässig und immobil, seien ein gefundenes Fressen für populistische, rechte Parteien. Europa habe seine Jugend damit in doppelter Hinsicht verloren.
Grund, aufzugeben? Keineswegs! Im avantgardistischen Denken hin zu einer Weltbürgerschaft, im Glauben an die weiblichen Prinzipien, die sie u.a. an der Ikonografie der Kunstgeschichte in Bezug auf den Mythos Europa festmacht, sieht Guérot die utopische Kraft der europäischen Zukunft.

Ulrike Guérot
Warum Europa eine Republik werden muss!
Eine politische Utopie
Dietz-Verlag, Bonn, 2016

Am 29. April im Schauspielhaus: Theater×Wirklichkeit: Die politische Zukunft Europas
Gesprächsreihe
Diesmal mit Ulrike Guérot (Politikwissenschaftlerin), Daniel Cohn-Bendit (Politiker Bündnis 90/Die Grünen)
In Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung und der Stuttgarter Zeitung


„For a Europe with a future!”

Ulrike Guérot, political scientist, professor of European Policy and the Study of Democracy at the Danube University Krems and founder and director of the European Democracy Lab (EDL) in Berlin, introduces her book that came out in 2016 under the subtitle “a political utopia”. We need to rethink Europe, claims Guérot, who relates her concept of modern, democratic, social and sustained Europe to the ground principals of republicanism. She urges the EU, with its bureaucracy, odd laws and decrepit structures, to give way to new impulses and ideas. She shows how the structural problems of the EU provoke crises and promote the increasing populism and nationalism. Guérot calls for a return to the basic idea of the ancient res publica, which chose general happiness to be the goal of the society. She wants this goal to become an anthropological constant that includes such propositions as, for instance, the right to work or the guiding notions of the French revolution – „freedom“ and „equality“. The right to work and the closely connected to it a comprehensive unemployment law must be defined and promoted at a European level. The only freedom that is guaranteed in nowadays Europe, states Guérot, is the freedom of the market. She does not consider republicanism as the liberal ‚anything goes‘ concept or as a penetrating silence towards any open, hidden or sublimated forms of inequality, but rather establishes three main social demands for the future European Republic: the quality of opportunity, education and the possibility of political participation.

Easier said than done, and Ulrike Guérot is very much aware of the utopian touch in her goal formulation. Nevertheless, she dares to step into the description of its implementation, which remains utopian as well. For instance, instead of wanting better protection to its external borders, the EU should reflect on how the Mediterranean sea, sometimes referred to as ‚Mare Nostrum‘,  “our” sea, could be revived as a cultural space and a new connection between Europe and North Africa. A practical contribution to it could have been done by offering political and economic aid during the Arab Spring. This, however, did not happen – whereas such implemented project as DESERTEC, i.e. the use of the Mediterranean solar energy for Europe, lead to the establishment of asymmetric structures in favor of the EU.

Moreover, Guérot demands a „real” central bank, the introduction of a turnover tax on banking revenues, just as on any other transaction as well. This, however, calls for breaking the dominance of the (US-) financial capitalism, as already framed by the Democratic presidential candidate of the United States, Bernard Sanders.

According to Guérot, since the existing EU-institutions seem to be neither serious nor meaningful, they cannot be perceived as democratic decision-making instruments by the educated, mobile and politically active youth. Young people discuss and design new European world in their apps, they make European Punk Rock like Rock the Union and travel by bus across Europe. They organize themselves transnationally, for refugees, against Grexit and Brexit. Their heroes are Edward Snowden und Julian Assange, the Slovenian star philosopher Slavoj Žižek or the French economist Thomas Piketty. Especially young women, whom Guérot considers to be the most important protagonists of the sustainable Europe, create Europe aloof from the institutions with regard to their lives, their occupation, their reflection and their commitment. Non-educated young people are, on the contrary, detached, socially weak, living in dreary suburbs and immobile, and become an easy target for populist, right-wing parties. Europe has therefore lost its youth in a double sense.

Reason to give up? No way! It is in the avant-garde thinking towards a world citizenship and in the belief in the feminine principals that she associates with the iconography of art history in relation to the myth of Europe that Guérot finds her utopian strength towards the European future.

Ulrike Guérot
Warum Europa eine Republik werden muss!
Eine politische Utopie
Dietz-Verlag, Bonn, 2016

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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