Gebloggt

Rasantes Stück zum Lachen und Staunen

Mortimers Leben scheint eigentlich recht normal zu sein – er ist ein mittelmäßiger Theaterkritiker in Brooklyn, der seiner angebeteten Elaine nun endlich einen Antrag machen will. Doch da hat er die Rechnung ohne seine beiden Tanten, Abby und Martha gemacht.

In Kesselrings Komödie Arsen und Spitzenhäubchen gehen die beiden älteren Damen nämlich seit geraumer Zeit einem Wohltätigkeitsprojekt nach, bei dem sie alte, einsame Männer für immer von ihrem Leid erlösen und in die ewigen Jagdgründe schicken. Nichtsahnender Komplize in diesem schockierenden Unterfangen ist Mortimers Bruder Teddy, der sich für den amerikanischen Präsidenten hält und die Leichen regelmäßig in seinem selbstgegrabenen „Panama-Kanal“ im Keller des Hauses vergräbt.

Es braucht nicht lange, da entlarvt Mortimer seine Tanten, entdeckt das neueste Opfer der Wohltätigkeitsbehandlung und ist mehr als schockiert – er schreit, schluchzt und springt nur so auf der Bühne herum, um seiner Panik Luft zu machen, denn er möchte auf keinen Fall, dass seiner Elaine, einer unschuldigen Pfarrerstochter, etwas passiert.

Die Situation scheint sich gerade zu entspannen, da kommt Mortimers und Teddys verlorener Bruder ins Haus der Tanten – Jonathan. Dieser ist ein landesweit gesuchter Schwerverbrecher, immer in Begleitung von Dr. Einstein (nein, nicht dem), einem Schönheitschirurgen, der „Johnny“ garantiert, stets unerkannt zu bleiben und ihm ein neues Gesicht zu schenken (seit dem letzten Mal sieht er nun aus wie Frankenstein-Darsteller Boris Karloff, was Jonathan wenig Freude macht).

Die Geschichte spitzt sich zu, als anstatt nur einer sogar zwei Leichen auftauchen – und Mortimer springt im Viereck. Er will Elaine davor beschützen, das gruselige Wohltätigkeitsprojekt seiner Tanten zu entdecken, unschuldige, einsame Männer vor den Händen seiner Tanten bewahren, seinen Bruder Jonathan und dessen Kumpanen schnellstmöglich loswerden und alles brühwarm Officer O’Hara erzählen – wenn dieser nicht so sehr abgelenkt wäre von Mortimers Erscheinung und seinem Beruf.

Es kommt zu einem spannenden Showdown mit einem gefesselten Mortimer, einem Handrührgerät und einem großen Plüschbären – was verrückt klingt, wird in dem Stück Arsen und Spitzenhäubchen genial umgesetzt: viele Sequenzen erinnern an Comics, in denen Sachen oder Menschen durch die Gegend fliegen, doch hier ist es Realität, mithilfe einer spektakulären Inszenierung.

Das Bühnenbild dreht und wendet sich auf interessante Art und Weise während des Stückes, dauernd passieren mehrere Sachen gleichzeitig und es gibt ständig etwas zu lachen – das Stück ist ein wahres Fest für die Augen. Dies liegt nicht zuletzt an den großartigen Darstellern des Stückes – besonders fällt hier natürlich die Hauptperson Mortimer auf, der dauernd über die Bühne rennt, brüllt oder tanzt – und dabei alles so leicht und unkompliziert aussehen lässt, dass man nur begeistert den Kopf schütteln und klatschen kann über so viel Einsatz, bei dem ihm die anderen Darsteller in nichts nachstehen.

Arsen und Spitzenhäubchen begeistert Groß und Klein, es ist ein rasantes Stück mit genial pointierten Dialogen und Szenen, die einfach Spaß machen.  Eine große Empfehlung, nicht nur für Freunde der Komödie, denn, egal welcher Humor – ob Slapstick, Situationskomik, Schadenfreude oder Running Gag – Ihren trifft, hier ist alles in großer Bandbreite vertreten und alles andere als Klamauk.

Oh, aber nicht vergessen: sollte Ihnen in nächster Zeit ein Glas selbstgebrannter Wein mit Arsen darin auf einem Spitzenhäubchen angeboten werden – lehnen Sie besser ab! Sie werden es mir danken!

Marie Brüggemann


Arsen und Spitzenhäubchen
Komödie von Joseph Kesselring
Regie: Jan Bosse

Es spielen Marietta Meguid, Astrid Meyerfeldt, Rahel Ohm, Lea Ruckpaul, Manolo Bertling, Ferdinand Lehmann, Sebastian Röhrle, Christian Schneeweiß, Michael Stiller

Infos und Karten hier

Foto: Bettina Stöß

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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