Gebloggt

Gebloggt: Langsam wirkendes, von innen zersetzendes Gift

Arsen, mit dem chemisches Symbol As, ist ein Spurenelement, das natürlicherweise in der Umwelt vorkommt. Es zählt laut Pschyrembel zu den wichtigsten anorganischen Verbindungen und ist in geringsten Mengen Bestandteil von Wasser und Luft. Das weiße Arsenik, auch Arsentrioxid oder Giftmehl genannt, ist ein  geschmack- und geruchloses Pulver. In sehr kleinen Dosen steigert es die Oxidation, das heißt, die Gewichtszunahme, weswegen es früher auch in der Schweinemast Anwendung fand. Bei größeren und längeren Arsenikgaben kommt es zur Gewichtsabnahme, Organverfettung, Gewebezerfall, besonders in der Leber sowie in Nieren und Blutkapillaren. Die toxische Arsenikdosis liegt bei 0,01–0,05 Gramm; als tödlich gelten 0,1–0,3 Gramm (bei Gewöhnung mehr).

In der Heilkunde macht ja bekanntlich immer die Dosis das Gift, und so wurde Arsen auch über die Jahrhunderte hinweg als Heilmittel eingesetzt, etwa gegen Schuppenflechte, Diabetes oder Syphilis. Eine Arsenvergiftung führt nach etwa zwei Stunden zu Symptomen wie, heftigem Bauchschmerz, blutiger Diarrhö, akutem Nierenversagen und Atemlähmung und noch etwas später schließlich zum Tod. Ganz wunderbar geeignet also, für die schrulligen Schwestern Brewster, um all die alleinstehenden Männer ihres Lebens zu erleichtern und in ihrem Keller zu verscharren. Aus reiner Nächstenliebe versteht sich. So ein trauriges Dasein kann doch nicht gut sein. Arsen und Spitzenhäubchen – der Name ist Programm. Hinter der Fassade der Biederkeit entpuppen sich die alten Damen aus Brooklyn als kaltblütige Killerinnen. Eine Kritik der Kritiker an fehlgeleitetem, heuchlerischem Wohltätigkeitsgebaren einer zersplitternden Gesellschaft. Boulevard am zukünftigen Stadtboulevard. Theater, Theater – ist das alles großes Theater? Im Hause Brewster geht jedenfalls der Teufel um, ebenso, wie in der Welt da draußen. Schwarzer Humor in Krisenzeiten. Das könnte beruhigend wirken. Wäre da nicht immer so viel Skurriles und Absurdes. Slapstick en masse. Leichen in der türkisgrünen Fenstertruhe, die Bühne dreht sich, und zeigt einfach so, mal eben den Blick hinter die Kulissen. Officer O’Hara wird gerufen, um in diesem Gruselhaus einmal nach dem Rechten zu sehen, doch er träumt davon, selbst ein Theaterstück zu schreiben, und ist daher ganz versessen auf den berühmten Theaterkritiker Mortimer Brewster. In seinem Village People Police-Outfit wirkt O‘Hara leider ebenso deplatziert, wie alle anderen. In gewisser Hinsicht sind sie alle verloren.

Sehr viel gelacht wird da, bei diesem Klamauk. Ein Klamauk, der 1941 am Broadway seine Uraufführung hatte und heute, 76 Jahre später, noch immer wirkt. Sprechende Namen und Theater im Theater, bei jeder Gelegenheit wird dem Publikum der Spiegel vorgehalten. Der deutsche Literaturhistoriker und -kritiker August Wilhelm Schlegel hielt die Komödie für „demokratische Poesie“, für „durchgehends politisch“. Im Athen des 4. Jahrhunderts vor Christus war es üblich, die Komödie dazu zu nutzen, die derzeitigen Verhältnisse anzuprangern. Martin Opitz hielt in seinem „Buch von der deutschen Poeterey“ fest, dass es die Regel sein müsse, dass die Tragödie traurig ende, die Komödie aber glücklich: alle heiraten und sind froh. Das trifft für diese Inszenierung nicht zu. Am Ende bleibt alles offen. Niemand ist glücklich. Die erwartete Morbidität bricht sich in dem Bühnenbild einer goldenen Art-Déco Treppe und quietschigen Kostümen – irgendwie ganz hübsch. Mortimer verzweifelt zunehmend. Die Giftmischer in diesem Haus des Wahnsinns verfolgen ihre Ziele durchaus geplant und das, so erfährt man noch, schon seit Generationen. Alles muss seine Ordnung haben. Woher der Wahnsinn im Hause Brewster kommt? Nun, er kommt, so wie das Arsen, natürlicherweise vor.


Arsen und Spitzenhäubchen
Komödie von Joseph Kesselring
Regie: Jan Bosse

Besetzung: Marietta Meguid, Astrid Meyerfeldt, Rahel Ohm, Lea Ruckpaul, Manolo Bertling, Ferdinand Lehmann, Sebastian Röhrle, Christian Schneeweiß, Michael Stiller

Premiere am 10. Juni 2017 im Schauspielhaus
Infos und Karten …hier

Titelbild: Bettina Stöß

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