Reingeschaut

Erscheinungsbild 2017/18

Eine Geste des Demokratischen

Spurensuche in Stuttgart: Waren in der Spielzeit 2013/2014 der Maler Willi Baumeister und die auf körperliche Bewegungen zurückgehenden zeichnerisch-    gestischen Elemente seiner Bilder ein wichtiger Bezugspunkt bei der Entwicklung der visuellen Elemente des Erscheinungsbildes, so ist es für uns in der Spielzeit 2017/2018 der Architekt Frei Otto. Mit seinem in Stuttgart beheimateten Institut für Leichte Flächentragwerke hat er Architekturgeschichte geschrieben. Zeitlebens war er auf der  Suche nach einfachen und leichten  Konstruktionsprinzipien in der Architektur. In seinen offenen, dynamischen Zeltbauten – die leichten, schwebenden Wolken des Münchner Olympiastadions von 1972 sind das bekannteste Zeugnis dafür – fand Frei Otto zu einer Formensprache, in der sich eine unpathetische Vorstellung von gesellschaftlicher Repräsentation ausdrückt. Das Leichte, sich in Bewegung Befindende wird Teil der architektonischen Ikonografie. Frei Otto entwickelte in seinen Bauten eine Geste des Demokratischen – Formen, in denen Stabilität und Wechsel, Fragilität und Dauer eine Verbindung eingehen.

Die dünne Hülle

Um zu dynamischen Bauformen zu gelangen, orientierte sich Frei Otto an den Konstruktionsprinzipien, die er in der Natur vorfand. Er experimentierte mit Seifenblasen und untersuchte Einzeller. Ihn interessierte das Prinzip der dünnen Haut, der Membran. Eine Blase, ein mit Luft gefüllter elastischer Pneu, versinnbildlicht, was es heißt, an die Grenzen zu gehen. Blasen sind leichte und fragile Objekte. Man kann sie als ein Modell für das Prinzip des Ökonomischen ansehen: Mit einem Minimum an Material entsteht hier ein Maximum an Oberfläche und Volumen. Jede Blase demonstriert auch das Gesetz der Zeit: den Wechsel oder Kipppunkt. Ist der Zustand der  äußersten Dehnbarkeit überschritten, zerplatzt die Blase. Wo eben noch etwas war, ist jetzt nichts mehr – nicht nur Kinder beglückt dieser Moment. Sie spüren, dass Lebendigkeit fragil ist, fortgesetzter Wandel ist.

Antike Säulen und Luftballons

Menschen tragen unterschiedliche Wünsche in sich: die Sehnsucht nach Wechsel und Intensität ebenso wie das tiefe Bedürfnis nach Dauer, Stabilität, Sicherheit. Die verschiedenen Elemente des Erscheinungsbildes der Spielzeit 2017/2018 gehen von diesem Widerspruch aus. Touristische Schnappschüsse von antiken Bauwerken werden mit den leichten, elastisch wirkenden Versuchsaufbauten des Architekten Frei Otto kombiniert. Sowohl die blaustichigen Farbdias als auch die Architekturmodelle sind Zeitkapseln der „alten Bundesrepublik“. Das Bild von Europa und die Vorstellung von Zukunft, die in beidem aufscheint, wirken wie die Nachricht aus einer Epoche, von der wir uns mit jedem Tag mehr entfernen. Dasselbe gilt für die Modelle und grafischen Schemata, in denen sich ein Interesse an der Faktizität und Gesetzmäßigkeit der Welt zeigt, ein Vertrauen, in ihre Steuerbarkeit und die Fähigkeit zu deren Gestaltung. Vom Wunsch nach Formbarkeit erzählen auch die amorphen, ungeformten Tonklumpen – sie sind der Rest, der noch nicht Gestalt geworden ist. Ein wiederkehrendes Element des Erscheinungsbildes werden farbige,  prall gefüllte Ballons sein, die sich in ihrer Form der Umgebung – dem, was ihrer Hülle Widerstand entgegensetzt – anpassen. Die runde Form, die der Innendruck des Pneus erzeugt, wechseltmit harten geraden Linien, in denen das elastische Objekt seine Umgebung in sich aufnimmt. Das Weiche und das Harte, das Formbare und das Feste, das Verschwindende und das Dauerhafte – das sind die Grundmotive, aus denen die visuellen Konstellationen unseres Erscheinungsbildes in der Spielzeit 2017/2018 gebaut sind.

Spur der Steine

Lapidarium nennt man eine Sammlung  von Steinen. Da der Stein, der im Erscheinungsbild des Schauspiel Stuttgart mit dem S kombiniert wird, in jeder Spielzeit wechselte, ist im Laufe von fünf Jahren ein ganz eigenes Lapidarium entstanden: der Faustkeil der ersten Spielzeit liegt neben dem Coltanklumpen und dem genormten Stein, aus dem die mittelalterlichen Kathedralen erbaut wurden; die aufgestapelten Steine – das Steinmännchen – der vergangenen Spielzeit werden durch zwei halbe Steine abgelöst, die fest am S zusammengebunden sind. Der weiche Faden fügt die zuvor gespaltenen Steine wieder zusammen, eine fragile  Konstruktion, bei der der menschliche Eingriff sichtbar bleibt. In ihrer Form wiederholen die beiden Steinhälften die Kurven des Buchstabens. Ihre  Entstehungsgeschichte, die sich in den Oberflächen zeigt, könnte gegensätzlicher nicht sein: links ein vom Wasser glattgeschliffener Kiesel; rechts ein großporiger
Vulkanstein, erkaltetes Magma.

Die Sprechenden

Demokratien setzen sich aus Stimmen zusammen. Stimmen, die aufeinander reagieren, sich verstärken oder einander widersprechen. Diese Vielstimmigkeit verbindet sich letztlich zu einer Art sensiblen Haut. Denn nichts an- deres ist die Gesellschaft. Man müsste sie erforschen, ähnlich wie Frei Otto Seifenblasen erforscht hat; als das Fragile, auf das man aufbauen kann. – Wir porträtieren die Schauspielerinnen  und Schauspieler in der Spielzeit 2017/2018 als Sprechende. Für die Aufnahmen hat der Künstler Rozbeh Asmani auf der Probebühne eine Studiosituation geschaffen und die Ensemblemitglieder interviewt. Entstanden sind 32 Gespräche über das Sprechen, die in Ausschnitten in der nächsten Spielzeit auch im Theaterfoyer zu sehen sein werden. Die Schauspielerinnen und Schauspieler erzählen darin von jener dünnen Hülle, die immer aufs Neue einen Ausgleich schafft zwischen der Innenwelt des Einzelnen und den Anderen und wie es im alltäglichen Sprechen gelingt, Gemeinschaft herzustellen und Konflikte auszutragen. Und ist nicht das fortwährende, nie endende Gespräch – eine der Grundtätigkeiten des Menschen –, der Stoff,von dem das Theater handelt?


Der Text ist erschienen in unserem Faltblatt zum Erscheinungsbild der Spielzeit 2017/2018.

Spector Bureau ist ein Verbund von Gestaltern, Autoren, Künstlern, Fotografen und Programmierern, der sich um den Leipziger Verlag Spector Books gebildet
hat. An der Gestaltung für die Spielzeit 2017/2018 arbeiteten Markus Dreßen, Jakob Kirch, Katharina Köhler, Rozbeh Asmani und Jan Wenzel.

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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