Gebloggt

Gebloggt: Eines langen Tages Reise in die Nacht

Edmund Tyrone,
ein alter Bekannter

von Fabian Lehnhoff

Lange Tage gibt es viele, wohl jeder hat sie schon erlebt. Und in die Nacht reisen sie alle, dies entspricht ihrer Natur. Was kann es da zu erzählen geben? Der erste Eindruck lässt Großes erwarten: Eine Eingangshalle mit breiter Treppe und Dachkuppel, ein geräumiger Außenbereich, an dem die Familie zusammenkommen und ihre Mahlzeiten einnehmen kann – so präsentiert sich das Bühnenbild. Ein wenig könnte man neidisch sein auf die Familie Tyrone, deren Leben im Amerika des frühen zwanzigsten Jahrhunderts hier geschildert wird. Doch es dauert keine Minute, ehe dieser Eindruck verfliegt: James, seines Zeichens der Herr des Hauses, entpuppt sich gleich zu Anfang als Zyniker und Geizkragen ersten Ranges, seine Gattin Mary als nicht minder realitätsfern und egozentrisch. Und so beginnt das Stück bereits im Streit, oder doch wenigstens im Austausch boshafter Spitzen. Besser wird das nicht, im Gegenteil: Nichts deutet auf eine schlussendliche Versöhnung aller Beteiligten hin, stattdessen schält sich Schicht um Schicht die wahre Hässlichkeit der Verhältnisse heraus. Der ältere Sohn Jamie hat es angesichts der familiären Umstände zu nichts weiter gebracht, außer Alkoholiker zu werden; die Morphiumsucht Marys tritt zunehmend zu Tage, und selbst das Hausmädchen scheint mehr zu sein als eine bloße Hilfskraft. Dreh- und Angelpunkt dieses kleinen Universums jedoch ist der jüngere Sohn Edmund – zugleich ein Spiegelbild des Autors Eugene O‘Neill – dessen tödliche Schwindsucht trotz scheinbarer Bemühungen in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

All das wäre, der Dramatik zum Trotz, nicht halb so bemerkenswert, würde es nicht so unangenehm die eigene Erfahrung tangieren. Denn man muss weder Alkoholiker noch schwer Erkrankte zum Freund haben, um hier zumindest eins zu bemerken: Dass nämlich manch Wichtiges untergeht im Auf und Ab der eigenen Probleme. Und so lernen wir durchaus, warum James Tyrone ein Geizhals ist – geradezu sein muss – und auch Mary, Jamie und das Hausmädchen bleiben uns nicht fremd. Am Ende lässt sich niemandem die Schuld zuweisen, so gerne wir es würden. Allenfalls können wir es mit Humor nehmen. Immerhin Edmund tut dies die meiste Zeit lang.


Eines langen Tages Reise in die Nacht
von Eugene O’Neill

Regie: Armin Petras

Besetzung: Manolo Bertling, Julischka Eichel, Rebekka Irion/ Fanny Kampmann, Robert Kuchenbuch, Peter Kurth, Peter René Lüdicke, Edgar Selge, Céline Seifarth, Miles Perkin

Premiere: 18. Februar 2017 im Schauspielhaus
Zum letzten Mal in dieser Spielzeit am 17. Juni

Karten und Termine ..hier

Titelfoto: Thomas Aurin

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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