Reingeschaut

Schauspiel×Die Offene Gesellschaft – Wie politisch soll Kunst sein?

Am Sonntag, den 21. Mai widmeten wir uns in Schauspiel×Die Offene Gesellschaft der Frage: Wie politisch soll Kunst sein? Es diskutierten Iris Dressler (Leiterin des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart), Martina Grohmann (Intendantin des Theaters Rampe), Petra Olschowski (Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg) und Armin Petras (Intendant des Schauspiel Stuttgart) gemeinsam mit Jörg Armbruster und dem Publikum.

Martina Grohmann und Jörg Armbruster Foto: Björn Klein

Martina Grohmann eröffnete die Veranstaltung mit dem folgenden Impulsreferat:

Wie politisch soll Kunst sein?

Dem „soll“ – im Sinne einer Forderung – will ich in dieser Frage nicht folgen. Den einzigen Anspruch, den ich an die Kunst formulieren will: Kunst soll den bedingten Freiraum, der ihr von einer demokratischen Gesellschaft zugesprochen wird, nutzen. Am besten soll sie ihn ausreizen und sogar überreizen. Sie soll ihn jederzeit verhandeln.

Ich frage mich hier von meiner Praxis an einer Theaterinstitution und von den Darstellenden Künsten ausgehend: Wie kann Theater politisch sein?

Theater ist zunächst Kommunikation in einem öffentlichen Raum, es findet ausschließlich vor Publikum statt, selbst wenn es als single experience auf einen Zuschauer limitiert ist. In einem Raum findet also eine Aktion vor anwesendem Publikum statt. Und das ist beim Kirschgarten hier auf der Schauspielbühne ebenso der Fall, wie es bei einer performativen Landpartie nach Michelbach an der Lücke. Der Unterschied zwischen diesen beiden Inszenierungen liegt in der Ordnung, die sie entwerfen und in den spezifischen Spielregeln, die darin angelegt sind.

Und darin, also in der Möglichkeit des Theaters eigene Ordnungen und Spielregeln für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Raum zu entwerfen und gleichzeitig erfahrbar und reflektierbar zu machen, darin liegt das enorme politische Potential, das auch im Sinne einer offenen Gesellschaft genutzt werden kann. Das heißt, Theater ist nicht nur Erzählraum, in dem Künstler*innen sich kritisch, politisch positionieren können, sondern es kann von ihnen als politischer Raum gestaltet werden.

Das politische Theater bzw. die Theaterpraxis geht heute vielfach über eine kritische Abbildung, hinaus und wird ästhetisch-politische Praxis, indem es Situationen herstellt, die dem Zuschauer subjektive Erfahrungen ermöglichen, ihn „Ko-Autor“ seiner Theatervorstellung sein lassen.

Dieses Verhältnis der Bühne zum/zur Zuschauer*in zu öffnen und anders als frontal zu gestalten, ihm eine aktive Rolle zu ermöglichen bzw. ihn Teil der Vorstellung sein zu lassen, darin liegt ein möglicher Faktor eines Theaters einer offenen Gesellschaft. Zuschauer*innen mit bedingtem Freiraum können unter Umständen Gesellschaft unmittelbar als veränderbar erfahren.

Theater kann zu einer Praxis werden, in der bestehende Hierarchien, Repräsentationen, Normen etc. ausgehebelt werden und alternative Ordnungen durchgespielt werden.

Diese Praxis setzt auch die Öffnung des Theaters in seiner Organisation voraus. Auch Institutionen müssen sich wandeln können, um als Spielorte für solche anderen Ordnungen offen zu sein. Und das hat immer auch etwas mit der Bereitschaft zu tun, Territorien neu zu verhandeln und Macht zu umzuverteilen oder programmatische Ziele zu reformulieren. Es hat damit zu tun, in der Produktion einen andauernden Prozess hervorzuheben. Theater könnten viel mehr Labore für künstlerische Forschung sein, die Modelle gesellschaftlicher Kommunikation und Konfrontation entwickeln.

Das umzusetzen erscheint mir eine Institutionskritik angezeigt, gerade wenn es um ein Theater in einer offenen Gesellschaft geht. (Selbstverständlich auch an meiner der Institution, die ich mit verantworte). Wir sind in der Theaterlandschaft z.B. immer noch weit davon entfernt uns über Race, gender, class, usf.-Normen hinwegzusetzen. Und eine klare Abgrenzung zu den Funktionen einer Kulturindustrie ist dringend.

Ebenso wie auf der Seite der Theatermacher*innen und Künstler*innen ist es ein Potential des Theaters, heterogene Öffentlichkeiten herzustellen und Echokammern zu durchkreuzen. Die Differenz, das Fremde oder auch die Leerstelle können hier vorkommen und verhandelt werden, statt Identität oder Identifikation und gesellschaftlichem Konsens die Erzählfolien zu liefern. Auch das kann ein entscheidender Faktor eines zeitgenössischen politischen Theaters sein. Keine Komfortzone und keine selbstreferentielle Blase. Theater kann ein Ort der Differenz sein.

Gerade eine offene Gesellschaft braucht öffentliche Räume, in denen Differenz, Vielfalt, pluralistische Positionen etc. verhandelt werden können dringend.

Öffentliche Räume, die nicht dem ständigen Druck ausgesetzt sind Konsens zu erzeugen, pragmatische Lösungen zu finden oder ökonomisch und konsumistisch überformt sind. Einen solcher Raum kann ein offenes Theater bieten und er hat einen großen Vorteil: den der Imagination – es ist real und fiktiv zugleich.


Schauspiel×Die Offene Gesellschaft
Diskussionsreihe in Zusammenarbeit mit der Initiative Die Offene Gesellschaft

Nächste Termine der Reihe:
Free to Rock – Filmvorführung Dokumentarfilm mit anschließenenden Gespräch mit den Produzenten Nick Binkley und Doug Yeager in Zusammenarbeit mit  der Schöpflin Stiftung am 6. Juni um 20 Uhr im Nord – Eintritt frei
Songs of Europe – zusammen mit Mitgliedern der Oper Stuttgart und des Staatsorchester Stuttgart feiern wir gemeinsam eine Lobeshymne auf unseren Kontinent in all seiner Vielfalt am 8. Juni um 20 Uhr im Nord
Festtag der Offenen Gesellschaft mit Stadtspaziergang, Picknick und Die Kollektion #11 am 17. Juni im Nord – Eintritt frei!
Kommunikation in Zeiten von Hate Speech und Fake News mit Muhterem Aras, Uta-Micaela Dürig, Prof. Dr. Mark Eisenegger, Franziska von Kempis, Moderation: Jörg Armbruster am 17. Juli um 19 Uhr im Foyer Schauspielhaus –  Eintritt frei!

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