Gebloggt

Gebloggt: Der Kirschgarten

Ein Kirschgarten ist hübsch, aber teuer. Profit wirft er selten ab. Das macht nichts, solange er Adeligen gehört, deren Wohlstand von Leibeigenen erwirtschaftet wird. Doch die russischen Bauern sind befreit, der Adel verarmt allmählich, und das Rezept zum Kirscheneinlegen ist um die Jahrhundertwende längst vergessen.

Was tun? Die Gutsbesitzerin flieht nach Paris, der Bruder verschwendet zuhause das Geld. Nach der Rückkehr ist das Gut hoch verschuldet. Letzte Hoffnung: ein vermögender Kaufmann, der vielleicht in die Familie einheiraten will. Seine Idee: den Kirschgarten abholzen, das Land parzellieren und Sommerhäuschen für das aufstrebende Bürgertum errichten, was immerhin den alten Reichtum bewahren könnte, wenn schon nicht die alte Welt.

Doch der Adel möchte nicht: „Sommerhäuschen – das ist so ordinär!“ Eher lässt man es auf eine Versteigerung ankommen, eher riskiert man, alles zu verlieren, als sich mit der neuen Zeit zu arrangieren.

Jede Epoche hat ihre Kirschgärten, liebgewonnene Privilegien, veraltete Strukturen, manchmal den politischen Traum, die Zeit anhalten oder sogar zurückdrehen zu können: gesellschaftlich, wirtschaftlich oder kulturell. Ob Grenzkontrollen gegen die sogenannte „Umvolkung“ oder Widerstand gegen wirtschaftliche Reformen, um obsolet gewordene Strukturen zu schützen: Auch heute gibt es denselben dünkelhaften Unwillen, Kompromisse mit dem Fortschritt einzugehen.

Doch der Kirschgarten ist mehr als nur das Alte und Überkommene. Er ist auch die überflüssige Schönheit (oder die Schönheit des Überflüssigen), in der sich Dekadenz und Eleganz verbunden haben. Dies kann nicht von Dauer sein. Nemesis schläft nicht. Die Unterdrückung schwindet – und könnte sich bald umkehren. 

Auf naturwissenschaftlichem Gebiet ist schon eine andere Revolution im Gange: Ein „Ding unter Dingen“ soll der Mensch sein, nur eine bestimmte Art Materie, die sich vollständig entschlüsseln und nach Belieben manipulieren lässt. Die alte Obrigkeitsgläubigkeit perpetuiert sich, indem sie sich mit dem naturwissenschaftlichen Optimismus verbindet: „Der Staat ist mein Vater und meine Mutter“, so der Langzeitstudent Trofimow, der schon den neuen Menschen heraufdämmern sieht. Der Staat als Erzieher und Versorger und Antwort auf alles. Der Totalitarismus kündigt sich an. Nicht mehr lange, dann könnten die wohlhabenden Bürgerfamilien durch Funktionäre der KPDSU ersetzt werden. An den Kirschgarten wird sich dann wohl kaum jemand erinnern.

Tschechow konzipierte sein letztes Stück als satirische Abrechnung mit dem Adel und stellt ihm den selfmade man Lopachin als Hoffnungsfigur entgegen. Seine liberalen Hoffnungen für Russland haben sich nicht bewahrheitet. Bis heute nicht. Die Unterdrückung kehrte zurück, noch radikaler. 

Ein halbes Jahr nach der Uraufführung 1904 starb Tschechow an Tuberkulose.


Der Kirschgarten

Komödie von Anton Tschechow
Regie: Robert Borgmann

Besetzung: Manolo Bertling, Christian Czeremnych, Julischka Eichel, Manuel Harder, Gina Henkel, Robert Kuchenbuch, Anna Gesa-Raija Lappe, Peter René Lüdicke, Astrid Meyerfeldt, Wolfgang Michalek, Elmar Roloff, Birgit Unterweger, Luca Harr/ Nikolai Krafft, Philipp Weber

Premiere am 13. April 2017 im Schauspielhaus

Infos und Karten …hier

Titelbild: JU

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