Gebloggt

Gebloggt: Das Stück als Egoist

Thomas Schmauser inszeniert Brechts Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer als vielstimmigen und egoistischen Theaterabend.

Ganz am Anfang des Theaterabends stehen die Darsteller hinter einer halbtransparenten Plane in der Unschärfe. Deutlich zu sehen ist nur der Finger, der Mund oder die Stirn, die an die schmutzige Folie gepresst werden. Und so geht es weiter, auch nachdem die Plane gefallen ist: Einzelne Themen nähern sich dem Zuschauer, werden scharf und sinken dann wieder in schemenhafte Abstraktion: Der „struggle“ mit dem „US-imperialism“, die Bourgeoisie als eigentlicher und gemeinsamer Feind aller Soldaten, das Darknet, Gesangseinlagen über Rollmöpse.

Bis der Zuschauer bemerkt, dass hinter Thomas Schmausers fragmentarischer Umsetzung von Brechts Fragment Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer mehr steckt als nur willkürliche Themenverknüpfungen, sind schon diverse Unmutsbekundungen im Publikum laut geflüstert worden, „ich verstehe nichts“ – „ich auch nicht“ – „lächerlich so was“ – „geht’s auch mal weiter?“
Nur ein Zuschauer spendet einsam, aber hartnäckig Szenenapplaus.

Teile des Publikums haben also offensichtlich das Gefühl, nicht das zu bekommen, was ihnen zusteht, nicht genügend mitgenommen, nicht erfreut oder angeregt zu werden. Und interessanterweise finden sich Parallelen auch im Geschehen auf der Bühne: Das Stück handelt, soweit Handlung erkennbar wird, von vier aus dem Krieg heimgekehrten oder desertierten Männern, die sich dem charismatischen Fatzer folgend zur Wohnung der Frau eines der Männer durchschlagen. Immer deutlicher treten dabei Konflikte zwischen ihnen zutage: Während Fatzer auf einen sozialistischen Umsturz wartet, sind seine vier Mitreisenden auf Essen und Sex fixiert und widerstehen seinen Mobilisierungsversuchen.

Diese vier Gefährten (die in dieser Inszenierung zwar immer als „die vier Gefährten“ tituliert, aber durch eine wechselnde Anzahl von Schauspielern verkörpert werden) verschwimmen zu einem unselbstständigen Kollektiv, das von Fatzer als einzigen individuellen Charakter Führung verlangt. Schnell kollidieren die Erwartungen: „Wir haben abgestimmt, zuerst Fleisch – der Kampf wird abgebrochen“, tönt das Kollektiv. Fatzer dagegen ist zerrissen vom Wunsch nach Ablösung einerseits und andererseits Abhängigkeit von der Gemeinschaft: „dass ihr mich versteht, das verbiete ich“, ruft er, leidet aber auch an dem Gefühl, die Gruppe könne nicht seine ganze Persönlichkeit anerkennen und schätze an ihm nur direkt ausnutzbaren Seiten. So wird auch das Seil, mit dem Fatzer schließlich angebunden ist, damit er die Gruppe nicht verlässt, von Fatzer selbst gedreht und erinnert immer wieder an eine Nabelschnur. Aber wer nutzt wen aus, wenn sich einzelne Individuen durch Abgrenzung von der Gruppe definieren und dafür von dieser Gruppe Verantwortung angelastet bekommen?
Es ist eine symbiotische Verbindung zwischen Fatzer und den Gefährten und sie ist so unverzichtbar wie zerstörerisch. Letztendlich geht nicht nur, wie im Titel schon angekündigt, der „Egoist“ Fatzer unter, der aus dem äußeren Anlass, dass er mit der Frau eines Gefährten geschlafen hat, von der Gruppe vermutlich getötet wird. Auch das Kollektiv kann nicht so weiterleben wie bisher – es ist ohne den charismatischen Anführer ganz auf sich allein gestellt: Es gibt keine Sieger mehr, nunmehr Besiegte.

Noch viele andere Diskurse hallen durch das Stück, manche fassbar, manche eher vage: Soll Geschlechtliches als natürlich oder als unnatürlich gelten, wann wird der Mensch zum Tier, wie mit Kriegstraumata umgehen – und was hat der bereits oben erwähnte, salopp in einer Gesangseinlage aufgerufene amerikanische Imperialismus damit zu tun?
Gespalten verlässt das Publikum den Saal, manche murrend, andere diskutierend, und der eine Zuschauer, der besonders gern nach Gesangseinlagen Szenenapplaus gespendet hat, wettert laut gegen den zu wenig begeisterungsfähigen Rest. Der Abend macht – ob von der Inszenierung intendiert oder nicht – bei den Anwesenden Erwartungen und Konflikte sichtbar, die auch in der Handlung des Stückes auftauchen: Will das Publikum vom Theater nur die effiziente Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, hier nach Unterhaltung? Schafft das Theater die Balance, diese Bedürfnisse zu bedienen oder vergessen zu machen, Anstöße anzubieten und sich dabei nicht von der Vorwegnahme eventueller Publikumserwartungen treiben zu lassen? Was ist stärker, der individualistische Impuls „dass ihr mich versteht, das verbiete ich“ oder die Nabelschnur zum Publikum? Und verstrickt sich diese Inszenierung nicht in den vielen Bezügen, so wie Fatzers Botschaft am Ende durch Privates (dem Sex mit der Frau seines Kumpanen) untergeht?
Die Antworten und Fragen, die diese Inszenierung bereitstellt, passen nicht immer zusammen und nicht immer in den Kopf des Zuschauers. Zumindest nicht in meinen. Was mir bleibt, ist dieser Gedanke: Das Stück ist ein Egoist. Das Publikum ist auch einer. Nur, ob wir wie Fatzer untergehen, entscheidet sich an jedem Abend und bei jedem Zuschauer neu.


Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer
von Bertolt Brecht
Bühnenfassung von Heiner Müller

Regie: Thomas Schmauser

Mit: Christian Czeremnych, Andreas Leupold, Rahel Ohm, Cuyén Biraben*, Georg Grohmann*, Lara Haucke*, Johannes Jannasch*, Sarah Siri Lee König*, David Krzysteczko*, Esther Schwartz*, Tommy Wiesner*, Ivica Vukelić,

*Studierende der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg

Weitere Termine und Infos ..hier

Titelbild: Conny Mirbach

0 comments on “Gebloggt: Das Stück als Egoist

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: