Gebloggt

Gebloggt: Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer

Vier Deserteure irren in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs durch ein Niemandsland zwischen den Fronten und murmeln von Umsturz und Revolution. Schluss mit dem Weltkrieg: Der Klassenkampf soll beginnen. Nicht Nation soll Nation, sondern das Proletariat die Bourgeoise bekämpfen. Denn im Krieg zwischen den Nationen steht das Bürgertum hinter allen Fronten und gewinnt unter allen Umständen. Die Kluft zwischen arm und reich wird tiefer, die Menschen hungern. Aber: „Das Volk ist dumm, deshalb dauert der Krieg so lange.“

Dann sitzt man in der kleinen Stadt Mühlheim und wartet auf die Revolution – oder zumindest auf das nächste Essen. Fleisch muss her. Hunger treibt zwar zur Revolution an, verhungern will man jedoch nicht. Gleichzeitig schlittern die Desperados ihrem selbstverschuldeten Untergang entgegen: „Die Schlacht hat uns nicht umgebracht, aber bei ruhiger Luft im stillen Zimmer bringen wir uns selbst um.“ Wofür man auch gekämpft hat – es ist nicht gekommen. Es gibt keinen Gott. Mal dreht sich ein projizierter Mercedesstern. Mal wird mit gerolltem R von Rollmöpsen gesungen. Mal wird die Szenerie von synthetischen Höllenklängen erschüttert.

Der „Egoist“ Fatzer, der ursprünglich als Führer und Versorger der Gruppe unverzichtbar war, wird vom Kollektiv der Massengesellschaft überrollt. Die „neue Zeit“, der heraufdämmernde Totalitarismus, hält keine starken Individuen aus. Wo die Menschen noch von sich sprechen, sprechen sie nur von ihrem Hunger und ihrer Geilheit. Individuelle Ziele und geistige Werte verschwinden. Fatzer, der notorische Ich-Sager, wirkt so überkommen und verlogen wie die reaktionären Erklärungen, warum das Geschlechtliche grundsätzlich falsch und „unnatürlich“ sei. Essen und Erotik verschwimmen zu einem großen Begehren, einer großen Orgie, in der die Einzelnen verschwinden. Allein Fatzer will sich nicht auflösen – und macht sich so für das Kollektiv unerträglich. 

Was hat uns Brechts tief in den Konflikten des 20. Jahrhunderts wurzelndem Kriegsdrama heute zu sagen? Wir leben in großem und wachsendem Wohlstand und historisch einmaliger Freiheit. Der Totalitarismus schien bereits besiegt, das Ende der Geschichte greifbar nah. Und lässt weiter auf sich warten. Ängste grassieren: vor Abstieg, unkontrollierbarem Fortschritt und „Überfremdung“, die Populisten geschickt anzufachen und zu nutzen verstehen. Autoritäre und illiberale Politik erlebt eine globale Renaissance. Staaten wie China beweisen, dass der Kapitalismus auch ohne bürgerliche Freiheiten gedeihen kann. Könnte die Ehe zwischen Marktwirtschaft und Liberalismus bald geschieden werden? Heißt Modernisierung plötzlich weniger, nicht immer mehr Freiheit? Führt die Digitalisierung unweigerlich in einen High-Tech-Kollektivismus? Untergraben Big-Data-Analysen das aufklärerische Versprechen von Autonomie? Sind wir wirklich final berechenbar geworden, damit leicht zu beherrschen, ausbeutbar? Ist die Freiheit am Ende selbstaufhebend? Das Vokabular dieser Fragen mag neu und zeitgeistig daherkommen, ihre Struktur hat sich seit Brechts Zeit nicht geändert: Ist es einem Individuum im Licht der jeweiligen Entwicklung möglich, frei und selbstbestimmt und überhaupt ein Individuum zu bleiben – und wie? Antworten zu geben, fällt uns so schwer wie Brecht. Sicher ist nur: Sein Fatzer, der den Untergang des Protagonisten schon im Titel vorwegnimmt, kennt keinen Ausweg, den wir akzeptieren könnten. Als Fragment ist es keine Antwort, es ist eine verzweifelte Warnung.


Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer
von Bertolt Brecht
Bühnenfassung von Heiner Müller

Regie: Thomas Schmauser

Weitere Termine und Infos ..hier

Titelbild: Conny Mirbach

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