Gebloggt

Gebloggt: Unter Schnipseln

Die Bühne ist bedeckt von Schnipseln – der Erinnerung, der Jahre, der Geschichte, der Zeit an sich vielleicht. Überbleibsel einer verschwenderischen Zivilisation. Inmitten hockt eine Frau: Perlenkette, rotes Kleid, roter Lippenstift. Sie ist adrett, wohlsituiert, bürgerlich. Im Hintergrund ein großes Fensterkreuz. Was gibt es nun zu sagen? „Auch dieser Tag wird am Ende wieder ein glücklicher Tag gewesen sein.“ Die Stimmung steht auf Endzeit. Doch das ist egal. Dort laufen Visuals, in denen die Sonne zu explodieren scheint, die Erde dreht sich, das Universum vergeht in andächtiger Stille. Die Frau hat eine Geschichte. Vergänglichkeit, Wehmut und Gefühle. Eine Jugend hatte sie einst, von der sie monologartig fragmentarisch berichtet. Erfüllte Erwartungen und vor allem die nicht erfüllten. In ihrer Handtasche hat sie Kosmetika angesammelt, aber auch einen Revolver. An der Seite der Frau steht ein archaischer Mann. Er bringt Fleisch, spricht kaum, gibt eher Laute von sich. Mal ist er da, mal verschwindet er wieder. Obwohl sie miteinander verbunden zu sein scheinen, haben sie kaum etwas miteinander zu tun. Ihr scheint das auch egal. Sie bleibt dort auf der Stelle hocken, unbeweglich in all ihren Schnipseln, mit sich selbst zufrieden – oder nicht. Immer wieder drängt sie, die Zeit solle doch vorangehen. „Es ist vielleicht etwas früh, sich zur Nacht zu rüsten.“ Doch dann könne man sich am nächsten Tag doch wieder an seinem „Glück“ erfreuen.
Was hinter ihr geschieht kann sie nicht sehen, denn sie kann sich nicht umdrehen, aber sie möchte auch nicht. Voller Unzufriedenheit, ist sie doch zufrieden dort, auf der Stelle zu bleiben, irgendwie auch beschützt, von all den Schnipseln. So muss sie schon nichts anderes machen. Flieger- und Bombengeräusche durchdröhnen den Raum. Es ist Krieg, oder es war Krieg, oder es wird welcher sein. Jedes Mal, wenn das passiert scheint der Mann durchzudrehen. Eine posttraumatische Belastungsstörung? Die Zeiten in denen Winnie und Willie, so heißt das Paar, da leben, scheinen nicht besonders gut, nicht besonders glücklich zu sein. So wurde da Glück eben angesammelt. Winnie hat es um sich geschart. Angst – Glück – Absurdes. Ausgeliefert sind sie beide, sich selbst, sich gegenseitig, ihrer Umwelt. Doch trotz alldem, was nicht gefällt, was ein „Nichtglück“ zu sein scheint, liegt absurderweise immer wieder Zuversicht in der Luft. Etwas an der vermeintlich festgefahrenen Situation zu ändern wäre also auch falsch und nicht gewollt. Jeden Morgen aufstehen und den Tag mit einem Lächeln begrüßen – und dann wäre auch das erledigt.


Glückliche Tage
von Samuel Beckett

Regie: Armin Petras
Mit Peer Oskar Musinowski und Franziska Walser

Karten und Infos hier

Foto: Conny Mirbach

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