Gebloggt

Gebloggt: Lolita – Ein Drehbuch

Nabokovs Lolita ist ein Strudel aus Sprache, der einen verschlingt. Ein Feuerwerk aus Bildern. Der Roman ist fein, sanft und geschmeidig, gleichzeitig aber auch gnadenlos gegenüber allem Mittelmäßigen und brutal im Sinne eines Übertretens der Grenzen des gesellschaftlich Schicklichen.

Nabokovs Lolita ist Weltliteratur. Das Buch schockiert und amüsiert den Leser mit seiner bissigen Ironie, die vom Schmerz erzählt und doch lustvoll ist. Der Autor schreibt im Nachwort zu seinem Roman: „Für mich existiert ein Werk der Fiktion nur in dem Maße, wie es mir gewährt, was ich rundheraus ästhetische Lust nennen möchte – ein Gefühl, irgendwie, irgendwo mit anderen Seinszuständen in Berührung zu sein, bei denen Kunst (Neugier, Zärtlichkeit, Güte, Harmonie, Leidenschaft) die Norm ist.“

Lolita ist – auf einen Satz heruntergebrochen – die Geschichte eines Mannes Mitte Dreißig, der besessen ist von sogenannten ‚Nymphetten‘ und sich unsterblich in ein Mädchen von zwölf Jahren verliebt. Es ist keine leichte Aufgabe, eine solche Romanvorlage auf die Bühne zu bringen. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: Zum einen ist die Darstellung einer solchen Beziehung darauf vorprogrammiert, mit gesellschaftlichen Tabus zu kollidieren. Genauso wie in den fünfziger Jahren gilt Pädophilie auch heute kaum als salonfähig. Zum anderen gibt Nabokov mit seinem Roman eine enorm hohe Messlatte vor. Der Umstand, dass er eine für Kubricks Filmprojekt verfasste Drehbuchfassung hinterlassen hat, macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Die Filmvorlage, deren Entdeckung sich das Stuttgarter Ensemble zur Aufgabe gemacht hat, lebt ganz offensichtlich – ebenso wie der Roman – von der Perspektive der Erzählerfigur Humbert Humbert, von seinen schlafwandlerisch genau in Sprache gegossenen, verstörend-betörenden Empfindungen und Eindrücken.

All dies ließe sich verschmerzen. Wer den Film von Kubrick aus dem Jahre 1962 kennt, weiß, dass Lolita durchaus inszenierbar ist, zumindest auf der Leinwand. Der Film funktioniert, da Kubrick seinen Nabokov durchdrungen hat und es ihm dementsprechend gelingt, die Geschichte in eigene Kino-Bilder zu übersetzen. Er funktioniert auch aufgrund der ambitionierten schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten. Trotz allem war Nabokov, nachdem er Kubricks Film gesehen hatte, der Ansicht, dass dies nicht seine Lolita sei.

Wie also muss man sich die wahre Lolita vorstellen?  Christopher Rüping, der Regisseur der Stuttgarter Inszenierung, gibt darauf gleich drei Antworten: Zuerst betritt die noch sehr junge Jana Neumann die Bühne, tapsig, mit dünner Stimme und einem rosa Micky-Maus-T-Shirt. Sie ist sehr schmal und unscheinbar, fast durchscheinend. Die Rolle des unschuldigen Opferlamms spielt sie annähernd überzeugend. Nur die Anziehungskraft, die eigentlich von ihr ausgehen sollte, mag sich beim besten Willen nicht einstellen.

Kurz darauf schlüpft Svenja Liesau in die Haut der jungen Verführerin: eine Kehrtwende um 180 Grad. Diese zweite Lolita ist lasziv, frech, enthemmt. Liesau spielt ihre Rolle mit viel Talent, und doch fehlt etwas. Man glaubt ihr die aufmüpfige Teenagerin sofort, aber wo bleibt die Magie? Warum darf es nicht knistern zwischen ihr und Humbert? Wäre das Kunststück nicht gerade gewesen, beide Wesenszüge der Lolita, also das Unschuldige, Schmetterlingshafte genauso wie das Laszive, der Spielchen der Erwachsenenwelt sich bereits bewusste in ein und derselben Darstellerin zu vereinen?

Zuletzt wird auch noch Julischka Eichel, die zu Beginn mit einiger Überzeugungskraft die Mutter gespielt hatte, zur Hauptdarstellerin. Diese dritte Lolita wirkt so abgebrüht, als hätte sie den Kontakt zur Realität bereits komplett verloren. Im Hintergrund spielt der bekannte Pop-Hit „Je m’apèlle Lolita…“ und die Darstellerin tanzt ausgelassen, sie scheint Humbert zu dominieren, hat aber zugleich etwas Pervertiertes an sich, das den Reiz des Kindlichen bereits verloren hat.

Alles in allem hat die Inszenierung durchaus ihre Stärken. Viele Details der Drehbuchvorlage werden mit einfachen Mitteln gestalterisch so gekonnt umgesetzt, dass die Stimmungen und Eindrücke, die Humbert Humbert bewegen, nachfühlbar werden. So zum Beispiel der Tod seiner Mutter, die auf einem Berg vom Blitz erschlagen wird: Man sieht nur ein langes weißes Hemd, das unsichtbar in der Luft schwebt, und eine Gießkanne, die Regentropfen spendet. Die Erschütterung, die Unfassbarkeit, die Humbert als kleiner Junge durchlebt hat, wird greifbar.

Das Stück ist voller kreativer Ansätze. Leider kippt die Detailverliebtheit in Kombination mit der Doppelt- und Dreifachbesetzung der Hauptrollen bisweilen in eine Überfrachtung, die das Auge überfordert und das Ohr kaum zur Ruhe kommen lässt. Eine der stärksten Szenen der Inszenierung hingegen ist die, in der Humbert Humbert mit der Absicht, eine Wimper aus Lolitas Auge zu lecken,  langsam in ihr tunnelförmiges Bett kriecht, immer näher kommend. Keine Geräusche mehr auf der Bühne, Schweigen im Saal. Beklemmung macht sich breit. Das Bedrohliche und das Zärtliche dieser Situation auszuhalten, ist nicht leicht. Aber geht es nicht genau darum, sich als Zuschauer dem zu stellen, was da geschieht, ohne die widersprüchlichen Gefühle, die sich einstellen, ohne Lust und Ekel auflösen zu wollen? Ein wenig mehr solcher stillen, wahrhaftigen Momente hätten dem Stück gut getan.

von Sofia Schneeweiß


Lolita
ein Drehbuch von Vladimir Nabokov

Regie: Christopher Rüping
Mit Julischka Eichel, Paul Grill, Matti Krause, Andreas Leupold, Svenja Liesau, Peer Oscar Musinowski; Malwine Lauxmann/Jana Neumann

Karten und Infos hier

Titelfoto: Conny Mirbach

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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