Gebloggt

Gebloggt: Stuttgart blickt auf seinen Stammbaum

Lange habe ich gerätselt, was das wohl sein soll: Ein unsterblicher Sterblicher. Und nun sitze ich hier, mich selbst betrachtend, während im Hintergrund die Antwort Gestalt annimmt. Der große Spiegel vor der Bühne wird zurückgefahren und der Blick auf das bunte – nun, Sammelsurium eben – freigegeben, welches Jan Neumanns Stück im Kern ausmacht. Und wer sich einmal darauf einlässt, beginnt auch schnell zu verstehen: Die „Söhne und Töchter der Stadt“ – so der Untertitel – sind nicht einfach nur Thema dieses Stücks. Sie bestimmen auch seine Form – und das ist gut so. Wie ich später lesen werde, hat Neumann kein umfängliches Drehbuch verfasst. Viel lieber entwickelte er die Szenen gemeinsam mit den Darstellern spontan, und das merkt man der Darbietung im Positiven an.

Doch der Reihe nach: E. Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen zeigt uns diverse historisch bedeutsame Stuttgarterinnen und Stuttgarter – die „Söhne und Töchter“ – in kurzen, stilistisch äußerst verschiedenartigen Ausschnitten. Vieles ist mir neu, man kann dazu lernen. Doch ist das nicht das Wesentliche. Denn Regisseur und Darsteller haben sich in Sachen Inszenierung keine Grenzen gesetzt: Im Laufe der knapp zweistündigen Aufführung sehe ich, wie Menschen mit Tierköpfen interviewt werden, ein Berg Luftballons von der Decke regnet und bekomme mehr als eine Gesangseinlage zu Gehör, währenddessen das schlicht-kreative Bühnenbild stetig neu arrangiert wird. Nichts davon ist zwecklos oder gar albern (auch wenn es mitunter so klingt), denn ebenso individuell, wie die Protagonisten des Stücks, sind auch ihre jeweiligen Ausarbeitungen. Reihenfolge, Logik oder gar so etwas wie ein Spannungsbogen hingegen sind Kategorien, die in diesem Fall nicht greifen. Und auch, wenn das bunte Treiben anfangs verwirren mag, so wird es doch mit zunehmendem Hinsehen Stück für Stück faszinierender – sofern man denn lernt im Augenblick zu denken, wie auch die Protagonisten selbst nur in ihrem Moment der Geschichte existierten.

Und E. Bauer selbst? Vielleicht sind er und seine kurze Geschichte, die das Stück einklammert, nur ein schlichter Aufhänger und eine Überleitung. Oder sind wir alle ein wenig wie E. Bauer?


E. Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen
Töchter und Söhne der Stadt
Stückentwicklung von Jan Neumann
Regie: Jan Neumann

Besetzung: Boris Burgstaller, Manuel Harder, Mark Ortel*, Lea Ruckpaul, Susanne Schieffer, Birgit Unterweger
(*Schauspiel Studio 2016/17)

Karten und  weitere Infos hier
Foto: JU

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