Gebloggt

Gebloggt: Des Lebens müde

Der Sturm

Dieser Prospero sieht fertig aus. Er wirkt erschöpft und ausgelaugt. Er ist des Lebens müde. All sein Wissen hilft ihm nicht. Ziemlich allein auf seiner Insel schlappt er mit dem Bade(zauber)mantel durch die Gegend. Machtspiele und ein intriganter Bruder haben ihn zum Ex-Herzog von Mailand gemacht und ins Exil gebracht. Himmel und Erde setzt er in Bewegung, den perfekten Sturm lässt er inszenieren, um die Fieslinge seiner Gnade auszuliefern.

Außerdem nervt Miranda, seine überaus schöne Tochter, die leider krass pubertiert, archaisch danach drängt, ihren Trieben zu folgen. Das kommt manchmal witzig daher, das Publikum gluckst und kichert.

„s‘ ist herrlich von Gestalt“

Gutmensch Miranda liebt alles. Alle Geschöpfe sind für sie Wunder, besonders die vom anderen Geschlecht – und die fahren auch alle ziemlich auf sie ab. So verliebt sie sich auch in den Erstbesten, der ihr begegnet, Ferdinand, Prinz Eisenherz im 70er Jahre Disco-Outfit. Keine schlechte Wahl, denn er ist der Sohn des König Alonso von Neapel. Prospero hat aber noch seinen Luftgeist Ariel. Der ist ein Transgender, ist übertrieben, freundlich und kitschig, fällt gerne auch mal aus der Rolle und will sich – „Tschüssikowski“ – gleich am liebsten verabschieden (und drückt einem Theatergast direkt mal ein lippenstiftrotes „Abschiedsgeschenk“ auf die Stirn) und wenn man mal nicht hinguckt (oder doch) dann „kokst“ er ganz ungeniert irgendein Zeug, dass er in einer Plastiktüte mit sich herum trägt, um es im nächsten Moment über alle anderen zu prusten. Da entfährt einem Theatergast schon einmal ein „eeeäähhhrrrr“. Rotz und Wasser wird da im wahrsten Sinne des Wortes geheult, als Ariel erfährt, dass heute noch nicht der Tag gekommen ist, an dem sein Meister ihn frei gibt. Noch hat Prospero seine Rache nicht bekommen.

Alien auf dem Eiland

Doch da gibt es auch noch das Wesen Caliban (ein Anagramm von Canibal). Schwarz-weiss und dreckig. Boshaft und doch sanftmütig. Ein wahrer Hingucker und -hörer. Es spricht wie ein Gelehrter, was es von den anderen eher hölzernen Insulanern unterscheidet. Caliban kennt die Insel wie seine Westentasche und weiß das für sich zu nutzen. Auch es ist auf Rache aus, es will den Alten los werden und die Macht über „seine“ Insel zurück erlangen.

Ein Königreich für einen Narren

Es spielt der Song „lust for life“ von Iggy Pop. Trinculo und Stephano, die beiden Saufbolde treten auf. Warum beschwert sich eigentlich keiner, als Trinculo plötzlich einfach ein Foto vom Publikum macht? Darf der das? Was macht er denn jetzt mit diesem Bild. Oder ist das einfach nur ein Andenken? Hat das was mit Persönlichkeitsrechten zu tun? Wird der jetzt etwa König, weil alle anderen sich nicht einigen können? Und reicht dafür der Wein?

„Zehn Gewissen möchten gefroren sein“

Die beiden Verräter Sebastian und Antonio zögern nicht lange. Sie sind eiskalt. Sie lassen sich gerne von den einheimischen Pflanzen berauschen, sind offensichtlich blutrünstig und scheuen sich nicht, ihre eigenen Brüder umzubringen. Ein Gewissen? Kennen die wohl nicht. Vielleicht sind das die Eisskulpturen, die Miranda am Ende in Tausend Teile zerspringen lässt – als wäre alles verziehen und auf Neuanfang.

Seltsame Szenen, Nebelschwadenbilder

Nach der Pause brennt ein Feuerwerk ab: Überall im Saal tanzen die Bilder, an der Decke, an den Wänden, die Bühne wird zum Kreis des Lebens, unaufhörlich – womit soll man nur beginnen? Hier „La Mer“, dort ein Hund, dann eine Drohne. Ein monotoner Rhythmus dröhnt durch den Raum. Geradeaus sind in Videos Bräute aus verschiedenen Kulturen zu sehen. Das ist hübsch. Tanzen sie etwa alle „Macarena“? Oder ist das „Just dance“ auf der Wii? Ein Blick nach links und da läuft das Blut – hier läuft der Sound. Mit gefällt’s, doch ich frage mich, was das 70jährige Paar zwei Reihen weiter vorne davon hält? Ich lächle, sie nicht. Der Tumult ist vorbei: und irgendwie jetzt doch Erleichterung.

Die Jugend wird es richten

Ach – die Jugend! Die wird’s schon richten – auch wenn man es ihr nicht so recht glauben mag. Aber was sollte man auch tun, wenn die Alten sich schon gegenseitig so zermürbt haben, dass sie nicht mehr können? Prinz Eisenherz sieht nun noch schnieker aus und Miranda ist ja so bereit.

Prospero: Ich bin raus Leute

All sein Pulver hat er nun verschossen. Seine Tochter ist vercheckt, seinen Zauberstab hat er ins Meer geworfen – der Zauber ist verpufft. Plansoll erfüllt. Bleibt er jetzt allein zurück?

Nachspiel

Soll man das jetzt Exploitation-Theater nennen? Es geht um Unterdrückung, Macht und irgendwie auch um Sex. Narren, die nicht König werden sollten und um den Tunnelblick in der Isolation. Kann man was dagegen tun?


Der Sturm
von William Shakespeare

Regie: Armin Petras

Mit Manolo Bertling, Julischka Eichel, Sandra Gerling, Paul Grill, Manuel Harder, Horst Kotterba, Robert Kuchenbuch, Manja Kuhl, Peter-René Lüdicke, Peer Oscar Musinowski

Termine und weitere Infos hier

Titelfoto: JU_OSTKREUZ

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