Gebloggt

Gebloggt: Von Genialität und Genealogie

Töchter und Söhne der Stadt! Aber ja doch! Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: E. Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen – was sollte sich nur dahinter verbergen? Es musste etwas mit Stuttgartern zu tun haben, die sich irgendwie unsterblich gemacht hatten. E. Bauer nimmt mich die nächsten zwei Stunden auf eine Zeitreise mit, auf den Spuren nach den Taten und Untaten von Persönlichkeiten der Stadt.

Revoluzzer und schräge Vögel

Es sind dabei nicht die Weltbekannten, sondern vielmehr die Skurrilen, Phantasten, Revoluzzer und die schrägen Vögel, deren Glück und Unglück sich auf der Bühne darstellt. Viele von ihnen waren hervorragend in dem, was sie taten. Aber sie waren auch immer etwas speziell. Pietisten, Tüftler, Eigenbrötler, Dichter und Denker: Ob es nun die Ahnen von Wilhelm Hauff und Ludwig Uhland sind, oder die Prinzessin Antonia aus dem 17. Jahrhundert, die ihr Herz in einer Kirche, hinter ihrer gestifteten Lehrtafel, einmauern ließ: Sie waren hier und haben die Bedingungen des Ortes und der Zeit für sich zu nutzen gewusst, waren deren Opfer und Gestalter, mussten sich irgendwie anpassen und trugen zum Fortschritt bei. Sie haben damit ihre mehr oder minder deutlichen Spuren hinterlassen. Da gab es zum Beispiel mal einen „Affenwerner“, der einen Tier-Biergarten in Stuttgart hatte und seine eigenen Löwen betrunken machte. Das ist so seltsam, aber wahr – und stuttgarterisch. Sein Motto: „Manches Tier bekam von mir, einen Schluck Bier“.

Luftballons fliegen

Welche Träume und Ideen haben unsere Vorfahren gehabt? Unter welchen Bedingungen mussten sie leben und welche Möglichkeiten hatten sie? Vielleicht ist das mit den vielen Luftballons gemeint, die irgendwann durchs Publikum fliegen. Je nachdem wie man den Luftballon aufbläst, wird er größer oder kleiner, fliegt er höher oder weiter. Er kann aber auch zerplatzen. Sie fliegen weit, sie fliegen hoch und manche stürzen auch wieder herunter, wie ein Cannstatter Schuster, der sich Flügel bastelte und vom Kirchturm sprang.

Lustig, lustig, lustig

Als Schwabe, oder auch nicht, hat man auf jeden Fall: „En Haufa zom lacha.“ Und zwar die ganze Zeit. Diesen Verstorbenen, mit neu eingehauchtem Leben, noch einmal zu begegnen, erzeugt unweigerlich komische Momente. Gleichzeitig aber bleibt das Tragische eines jeden Menschenlebens in all diesen Erzählungen erhalten.

Wir, als Teil des Ganzen

Als ich mich zu Beginn des Stücks in einem Spiegel auf der Bühne im Publikum sitzen sehe, ahne ich es: auch wir könnten Teil von E. Bauers Sammelsurium werden. Ein bisschen ein mulmiges Gefühl, das gleichzeitig neugierig macht. Überhaupt fühle ich mich während des Stücks immer wieder als Teil des Ganzen. Das Bühnenbild verrutscht nach hier und da, der Spiegel an der Decke verrät, was hinter den Kulissen passiert.

Und die Moral von der Geschicht‘

Es ist eine Stückentwicklung. Der Einsatz der Schauspieler ist wild, kraftvoll und ungestüm sie wirbeln durch die Jahrhunderte – ein bisschen hiervon und ein bisschen davon. Es geht um die infamen Menschen: Den anstößigen Pfarrer, die sexuell frustrierte Hebamme, den Trinker mit seinen Tieren, oder den von der Menschheit enttäuschten Tierschützer. Was sie erlebt und getan haben, hat sich auf andere Zeiten, unsere Zeiten, ausgedehnt. Am Ende möchte ich gerne mehr über diese unsterblichen Sterblichen erfahren und frage mich, ob sie auch an anderen Orten gelebt haben.


E. Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen
Töchter und Söhne der Stadt
Stückentwicklung von Jan Neumann

Regie: Jan Neumann
Besetzung: Boris Burgstaller, Manuel Harder, Mark Ortel*, Lea Ruckpaul, Susanne Schieffer, Birgit Unterweger
*Schauspiel Studio 2016/17

Uraufführung am 20. Januar 2017 im Kammertheater
Karten und Termine hier.
Titelfoto: JU

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