Gebloggt

Gebloggt: Das bedingslose Streben, jemand zu sein

Ein haushoher, begehbarer Totenschädel ragt in der Mitte der Bühne auf. Seine Augenhöhlen haben Jalousien, die sich hoch- und runterfahren lassen. Dahinter zwei Innenräume: sie werden sichtbar und verschwinden wieder. Vor der Zahnreihe des Schädels ein Raum, durch Gitterstäbe begrenzt. Der Nasenknochen, wie auch die gesamte Bühne, eine dunkle schwarze Höhle.

Auf den seitlichen Video-Leinwänden werden Zahlen, Fakten und Bilder eingeblendet, die dem Stuttgarter Publikum die kulturgeschichtliche und wirtschaftliche Situation Russlands vor Augen führen sollen. So und so viele Menschen, die zu wenig zum Leben haben. So und so viele endgültig Resignierte, die nicht mehr daran glauben, dass gegen die Korruption irgendein Kraut gewachsen ist, die sich mit Ausbeutung und Unterdrückung abgefunden haben. Der Regisseur Sebastian Baumgarten eröffnet seine Toten Seelen mit einem durch und durch düsteren Blick auf aktuelle gesellschaftliche Zustände – nicht nur Russlands, wie im weiteren Verlauf des Abends deutlich werden wird. Wie gehen wir als Menschen miteinander um? In welcher verhängnisvollen Realität findet sich unsere Gesellschaft wieder? Was passiert, wenn Macht, Erfolg, vor allem aber das Geld als unantastbare Instanz unser Zusammenleben bestimmt? Bleiben menschliche Qualitäten wie Mitgefühl und Vertrauen innerhalb eines solchen Systems nicht unwiederbringlich auf der Strecke, im Leben jedes Individuums wie auch im Allgemeinen?

Die Figuren treten auf die Bühne und bauen sich in Reih und Glied auf. Es sind Frauen und Männer in nietenbesetzten, schwarzen Lederkostümen. Zwischen den Charakteren herrscht Beziehungslosigkeit. Der Einzelne erscheint als Entfremdeter, als leere Hülle. In der Interaktion der Figuren ergeben sich groteske Szenen, die an die Nummernrevue eines Gruselkabinetts erinnern. Aus dem Off dröhnt schallendes Sitcom-Gelächter. Während der Szenenübergänge dreht sich der haushohe Totenschädel um sich selbst. Figuren mit Leuchtgebissen im Mund hämmern auf Schreibmaschinen und schreien lauthals Absätze aus dem Manuskript Gogols. Bruchstückhaft werden Worte daraus vergrößert an die Leinwände projiziert. Der Betrachter wird damit, gewissermaßen als Vorbereitung auf den sich zuspitzenden Handlungsverlauf, Schmerz und Verzweiflung ausgesetzt.

Tschitschikow (Wolfgang Michalek) erscheint in Baumgartens Inszenierung als windiger Neureicher. In seinem flotten Daunenmantel und der imposanten Fellmütze würde er im Straßenbild Moskaus oder St. Petersburgs nicht weiter auffallen. Er ist gebildet, zuvorkommend und verfügt über die nötigen ‚Soft Skills‘, um in der höheren Gesellschaft anzukommen. Die schlammigen Wege der russischen Pampa mühsam durchquerend hat er nur ein Ziel vor Augen: Durch bedingungsloses Streben jemand zu sein. Von Gutshof zu Gutshof hält er seinen Geschäftskoffer fest umklammert. Und dennoch bleibt er Spielball einer sozial destruktiven Entwicklung. Tschitschikow ist ein Getriebener, der, verwickelt in Machenschaften, nur durch eine unverhoffte Wendung nicht mit seinem Leben bezahlen muss. Die eigentlichen menschlichen Werte, das Streben nach innerer Anbindung an ein höheres Sein verfehlt er allemal: Am Ende sitzt Tschitschikow, stumm wie ein Kasper, mit wahnhaft schäumendem Mund in der Nasenhöhle des Totenschädels.
Michalek verkörpert die Hauptfigur dank seiner subtilen, nachdenklichen und dennoch kraftvollen Spielweise sehr überzeugend. Sein offenes Gesicht verleiht der Figur die nötige Weichheit. Sie bildet gleichsam den Zugang zum Ganzen. Er setzt sich die knollige Kunstnase auf und wird zu einer Gogolschen Figur durch und durch.

Aber auch die schauspielerische Leistung von Johann Jürgens, der auf der Bühne zum schlitzohrigen und versoffenen Gutsbesitzer Nosdrjow wird, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Jürgens hat das, was man gemeinhin die ‚russische Seele‘ nennt, durchdrungen. Nicht nur, dass er den russischen Akzent perfekt imitiert. Es sind darüber hinaus seine Gesten, der tänzelnde Gang, das Feuer und seine Fähigkeit zur Ekstase, die ihn unvergesslich machen. Jürgensʼ Nosdrjow berührt, da er dieses Leben ohne Scheu durch seine Person auszumessen weiß. Allein, um ihn in dieser Rolle zu erleben, lohnt sich der Theaterbesuch.

Bleibt nur noch, die Leistung des Regisseurs zu würdigen. Baumgarten meistert die Herausforderungen, die die Romanvorlage mit sich bringt – zum Beispiel ein offenes Ende – mit Virtuosität: seiner Inszenierung gelingt es, den Romantext ins Hier und Jetzt zu verfrachten, ohne dass dabei das Gogolsche verloren ginge. Auch Bezüge zum heutigen Russland werden – beispielsweise durch ein Putin-Portrait im Hintergrund – immer wieder hergestellt. Das Stück ist komplex angelegt, mit intertextuellen Bezügen, anspruchsvoller Musik- und Tongestaltung – Baumgarten lernte ursprünglich Opernregie – und einer feinen Symbolsprache, die nie vordergründig oder platt wirkt. Der Christus am Kreuz, der gegen Ende des Stücks auf der Videoleinwand erscheint, kann vielleicht als Erinnerung daran verstanden werden, dass wir als Menschen einander nicht nur durch Liebe, sondern vor allem im Leid verbunden sind. Das menschliche Mitgefühl, die Früchte des Vertrauens, die  sich als Konsequenz daraus ergeben, sind Werte, die es unter allen Umständen zu verteidigen gilt.

Das Stück ist zu Ende, der Applaus wallt fünf Mal auf, fast wie eingeübt, und verstummt plötzlich, als gäbe es ein Tabu. Die Kunst hat geliefert und wurde bezahlt, der Konsum funktioniert. Alles weitere würde verstören, empören, verunsichern und möglicherweise schmerzen. Es wäre das MEHR des Schauspiels, es wäre innerstes Berührtwerden durch kunstvolle Darstellung. In einem Augenblick des Stücks steckt Svenja Liesau ihren Kopf durch die imaginäre Linie zwischen Publikum und Bühne. Ihr irrend-suchender und zugleich bohrender Blick dringt beinahe geisterhaft in den Zuschauerraum ein – fast so, als würde sie dabei von einer abgrundtiefen Leere erfasst und als müsse sich die dargebotene Geschichte  ohne unmittelbare Ergriffenheit bereits im Heimgang des Zuschauers schicksalhaft vollenden.

von Sofia Schneeweiss


Tote Seelen
nach dem Roman von Nikolai Gogol
Regie: Sebastian Baumgarten

Mit Christian Czeremnych, Paul Grill, Johann Jürgens, Horst Kotterba, Svenja Liesau, Wolfgang Michalek, Hanna Plaß, Michael Stiller

Termine und weitere Infos hier

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

1 comment on “Gebloggt: Das bedingslose Streben, jemand zu sein

  1. Giovanna

    Sehr gute Rezension! Gern gelesen.

    Gefällt mir

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