Nachgefragt

Sich im Lachen wiederfinden – Interview mit Sebastian Hartmann

Sich im Lachen wiederfinden

Ein Interview mit Sebastian Hartmann (Auszug aus dem Programmheft zu Der Raub der Sabinerinnen)

Du hast bereits mehrere Komödien inszeniert – Der nackte Wahnsinn, Arsen und Spitzenhäubchen, Pension Schöller – welche Erfahrung hast du mit der Gattung Komödie gemacht?

Sebastian Hartmann: Am Centraltheater in Leipzig haben wir Komödien gezielt auf den Spielplan gesetzt, weil wir uns davon große Publikumserfolge erhofft haben – was sich tatsächlich auch bewahrheitet hat. Dabei wollten wir uns – sowohl das Theater als auch die Schauspieler und ich – natürlich auch ununterbrochen im Lachen wiederfinden, um so die Schwere, die man mit den großen Tragödien entwirft, abschütteln zu können. Oft geht es mir so, dass ich mir, sobald ich eine Komödie probe, einen ernsten Text wünsche und wenn ich einen ernsteren Text bearbeite, ich mir eine Komödie wünsche – in diesem Zustand des Hin- und Hergerissenseins bin ich ununterbrochen. So scheine ich irgendwie an den Polen zu zerren. Ich glaube, dass die Komödie durchaus Wege in sich birgt, Dinge sehr ernst sehen zu können – mit einem Augenzwinkern.

Der Raub der Sabinerinnen ist deine dritte Arbeit hier am Schauspiel Stuttgart. Was hat dich dazu bewogen, den Titel für Stuttgart vorzuschlagen?

Sebastian Hartmann: Ich habe zwei, wie ich finde, sehr schöne Arbeiten hier gemacht, die für mich persönlich zu meinen künstlerisch interessantesten zählen. Staub und auch Im Stein sind für mich Inszenierungen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sowohl mit mir als auch mit dem Ensemble etwas passiert ist, was über das normale Proben – man trifft sich, organisiert sich und stemmt als soziale Skulptur eine Inszenierung in den Raum – hinausgeht. Das hatte für mich einen großen künstlerischen Mehrwert. Fakt ist, dass die beiden Inszenierungen beim Publikum aber nicht so erfolgreich waren, das bringt einen Macher wie mich natürlich ins Nachdenken: Wie kann ich das reflektieren? Kann ich das in eine Arbeit übergehen lassen? Entscheide ich mich gegen den Ort, weil meine Art Theater zu machen vielleicht dort nicht funktioniert? Oder komme ich zurück und reflektiere das in einer Arbeit, und wenn ja, mit welchen Mitteln mache ich das? Ich hatte das Gefühl, dass der Plot von Der Raub der Sabinerinnen – der sich sehr stark mit der Reflektion von Theater beschäftigt, damit, wie Theater funktioniert – sich eignet, um wieder nach Stuttgart zu kommen und meine eigene Arbeitsweise in einer Arbeit zu reflektieren. Ich finde es immer interessant, mit einer Arbeit zu jemandem zu sprechen, den man kennt. Da ich das Gefühl hatte, das Stuttgarter Publikum noch gar nicht richtig kennengelernt zu haben – oder das Publikum mich nicht – möchte ich versuchen, mit der Inszenierung einer Komödie auf das Publikum zu zugehen, und dann mit den Mitteln, die mir auf dem Theater zur Verfügung stehen, vielleicht ein Stück mehr von mir zu erzählen.

Du bist ja auch immer dein eigener Bühnenbildner – was sind die Grundüberlegungen zur Bühne? An welchem  Ort spielt bei dir dieser Schwank?

Sebastian Hartmann: Man kann den Raub der Sabinerinnen als eine Geschichte im Theater, auf dem Theater, lesen, in der sich das Theater zur Disposition stellt. Ich habe dementsprechend erst einmal versucht, dem Ganzen einen großen Theaterrahmen zu geben. Das ist bei uns der pompöse rote Vorhang und dahinter die „Bretter, die die Welt bedeuten“, mehr oder weniger eine Sperrholzkulisse. Da drauf stehen merkwürdige Säulen in einer Dreifaltigkeit, die so etwas wie einen imaginären Theaterhimmel stützen. Dass die Säulen dann auch noch in einem seltsamen Vorgang einstürzen können, führte für mich relativ schnell zu einer Konzeption, mit der ich mich von einem konventionellen Theaterraum – sprich: Gollwitz‘ Arbeitszimmer – entfernen wollte. Die Handlung spielt erst einmal vor dem Vorhang an der Bühnenrampe, hinter dem Vorhang befindet sich noch mal ein ganz anderes Land. Du erzählst den Schwank zunächst chronologisch und – im Sinne des Schwanks – komisch. Dann öffnet sich der Vorhang, die Säulen kippen…

Wann ist für dich der Moment, in dem die Komödie in eine Tragödie kippt, sich eine Art bürgerliche Welt in einen Alptraum verwandelt?

Sebastian Hartmann: Ich glaube, dass das Bild für sich genommen extrem assoziationsreich ist. Auf einer Probe wurde vom „großen Bild des Scheiterns“ gesprochen – ich habe versucht, dem zu wiedersprechen, denn für mich erzählt das Bild nicht nur ein Scheitern, sondern man sieht einem Vorgang zu, der eine Wirklichkeit bekommt, obwohl man durch den unglaublich langsamen Fall der Säulen nicht genau sehen kann, wie das funktioniert. Das erinnert mich an das Bild vom Frosch, der in einen Topf mit kaltem Wasser gesetzt wird, das dann langsam erhitzt wird – der Frosch springt nicht raus, denn er bemerkt den Vorgang nicht bis es zu spät ist, und er elendig im Kochtopf verendet. So, wie wir uns permanent in der Politik des Klimaschutzes gegenseitig versichern, aber nebenbei der CO2 Ausstoss stetig steigt. In einem ähnlichen Vorgang fallen diese Säulen. Das scheint eine Schizophrenie zu sein im menschlichen Geist, der wir nicht wirklich gewahr werden.

Bei den Schönthans wird zu guter Letzt ein anderes Stück gespielt. So wird das Ganze zum Erfolg. Eine ziemlich traurige Geschichte eigentlich – was wird aus dem Stück von Gollwitz in deiner Inszenierung?

Sebastian Hartmann: Ich möchte versuchen, die Inszenierung wie den Fall der Säulen ablaufen zu lassen. So, dass man irgendwann sieht, dass der Schwank nicht funktioniert, dass das Stück nicht funktioniert, weil mitten in das Stück ein anderes Stück eingebrochen ist, ich als Zuschauer aber gar nicht gemerkt habe, wann das passiert ist. So versuche ich den Abend auch anzulegen, das bedeutet, dass sukzessive in eine Realität eine andere Realität einzieht, die zu einer doppelten und dreifachen Realität wird – so, dass ich mich in den entworfenen Realitäten noch reflektieren, aber daraus keine Schlüsse ziehen kann. So sieht Gollwitz, der seine Interessen – mit einem schlechten Stück Geld zu verdienen – immer weiter voran treibt, ab einem gewissen Zeitpunkt den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Gerade in unserer Zeit, in der wir mehrfach erlebt haben, wie groß aufgebauschte Blasen geplatzt sind, könnte das eine Übersetzung sein, ohne dass wir das an dem Abend vordergründig betreiben.

Die Technik des Beiseite-Sprechens ist schon im Stück der Schönthan Brüder angelegt. Gemeinsam mit den Schauspielern weitest du diese Technik aus. Was interessiert dich an dieser Technik? Welches Verhältnis geht man dadurch mit dem Publikum ein?

Sebastian Hartmann: Ich muss immer an diese Technik denken, wenn ich die Tagesthemen schaue: Man sieht Menschen dabei zu, wie sie wichtig in die Kamera gucken – obwohl sie natürlich vom Teleprompter ablesen – und das aktuelle gesellschaftspolitische Geschehen kommentieren. Man fragt sich dabei immer: bin ich tatsächlich so schwer von Verstand, dass ich das Gezeigte nicht begriffen habe, oder muss ich es mir tatsächlich noch einmal durch einen Kommentar erklären lassen. Diese Frage mag ich natürlich auf dem Theater sehr, das ist fast wie Kindertheater: Man erklärt dem Publikum etwas, was man einen Moment zuvor gesagt oder getan hat oder welches Handlungsziel man szenisch verfolgt, nur um das Ganze dann gleich im Anschluss szenisch darzustellen. Man vergewissert sich einer schweigenden Mehrheit – obwohl ich auch hier gar nicht genau weiß: ist der Zuschauer mein Partner oder mache ich mich einfach mehrheitsfähig mit dem schweigenden Partner.

Das Gespräch führten Jan Hein und Katrin Spira.


Der Raub der Sabinerinnen
nach dem Schwank von Paul und Franz von Schönthan

Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Jan Hein, Katrin Spira

Mit: Manolo Bertling, Sandra Gerling, Manuel Harder, Manja Kuhl, Peter René Lüdicke, Hanna Plaß, Birgit Unterweger, Abak Safaei-Rad, Holger Stockhaus

Premiere am 18. November 2016 im Schauspielhaus

Weitere Termine und Karten …hier

Titelbild: Conny Mirbach

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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