Gebloggt

Gebloggt: „Das ist doch alles bloß ein großer Haufen Scheiße, wenn du mich fragst“

Stell Dir eine Leinwand vor, auf der Du siehst, wie Du als Teil eines Paares in einem Autokino sitzt. Du schaust auf eine Leinwand, auf der namenlose Menschen Dinge tun, die nicht wichtig sind. Wichtig ist nur, dass es passiert, weil es die Anderen ablenkt und das Auto zu einem Schutzraum macht, in dem Du alles darfst. Das ist der Mythos des Autokinos. Stadion der Weltjugend greift ihn auf.

Die Wetterorakel aus dem App-Store hatten Recht: Es hat aufgehört zu nieseln. Regengeruch vermischt sich mit Zigarettenrauch und Wind und verbranntem Benzin. Es dämmert. In den vielen Autofenstern wie in den schillernden Ölpfützen spiegelt sich der Abendhimmel über Kornwestheim, ein eher gelbes als rotes Leuchten, vor dem sich dunkel die Kräne und Hochhäuser abzeichnen. Da ist er also, der Mythos des Autokinos. Die Welt wird dunkler und kühler und die leuchtende Leinwand umso heller, klarer, wirklicher, je finsterer es wird.

Einen Hyundai für ein Königreich

Da steht dieser sportliche Hyundai, zwei Sitze, leuchtend rot, unweit der Leinwand zwischen all den anderen Autos mit all den anderen Menschen. Ihre erloschenen Scheinwerferaugen haben sich an die Leinwand geheftet. Aus den Autoradios dringt Musik. Bierflaschen werden aneinandergestoßen. Menschen sitzen nebeneinander im Auto. Darin ist es still. Nur das Radio rauscht. Ein Königreich für diesen Hyundai. Sie sehen andere Menschen auf einer Leinwand, die nebeneinander im Autokino sitzen und eine Kamera und eine Leinwand betrachten, auf der Menschen, die sie selbst sind, nebeneinander in einem Autokino sitzen. Man sieht ein Paar nebeneinander im Autokino sitzen und das Ganze wird damit enden, dass beide auseinandergehen, erklärt Martin Wuttke. So sitzen also alle nebeneinander im Autokino und sehen einander zu, wie sie nebeneinander im Autokino sitzen und glauben, anderen dabei zusehen, im Autokino nebeneinander zu sitzen, zu reden und zu wissen, wie es enden wird, und zu wissen, dass alle es wissen – oder tun zumindest so.

Was passiert da auf der Leinwand?

Was da passiert? Das ist doch alles bloß ein großer Haufen Scheiße, wenn du mich fragst, heißt es einmal. Und: Es ist doch völlig egal, was da oben passiert. Ja? Vielleicht kommt es stattdessen darauf an, was während der Zeit, in der oben auf der Leinwand etwas geschieht – in den Autos stattfindet. Heimliche Erotik in der Öffentlichkeit. Jungfernfahrt mit Bierflasche. Deflorationsgymnastik. Was wir auch tun, wir denken nur an das eine. Die ganz große Inszenierung der Wirklichkeit, die wir einerseits beobachten und an der wir andererseits auch irgendwie teilnehmen könnten, das ist nur eine große, helle Leinwand irgendwo da oben. Mal schauen wir hin. Mal lachen wir. Mal nicht. Was zählt, ist allein, was in dem Auto vor sich geht, das zwar kein Mensch ist, aber ein Schutzraum für Menschen, von dem aus die Menschen diese Leinwand sehen können, die Verfolgungsjagden, die Autos, die Cops, die Diskussionen, die länger und kürzer werdenden Zigaretten, und dabei zählt doch immer nur das eine, wie uns immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird.

Wie soll das alles nur funktionieren?

Die Menschen auf der Leinwand können es uns nicht sagen. Aber sie können viel darüber sagen, dort oben auf ihrer Leinwand, und sie tun es ununterbrochen. Sie sagen Sätze wie: Ohne Phantasma wäre Sex mechanistischer Unsinn, und diese Sätze rauschen in hohem Tempo durch die Menschen hindurch, die als Individuum wahrscheinlich gar nie existiert haben, ohne Namen, ohne Eigenschaften, nur als Vermittler einer Sprache fungierend, die ganz über sie verfügt. Ob sie nun Männer sind, die Frauen spielen, oder Frauen, die Frauen spielen und sich fragen, wie albern diese Natürlichkeit nun ist, weil es ja ziemlich unplausibel ist, zu spielen, was man ist, wenn man es denn wirklich ist. Ob sie gelb-schwarze Anzüge tragen wie Bea aus Kill Bill, mit dem flauschigen Schlüssel zum Pussy-Waggon herumwedeln oder mit dem Cabrio über Achterbahnen brettern. Ob sie sich bemühen, aufblasbare Riesensexpuppen zu besteigen (Gar nicht so leicht, auf so eine Frau draufzukommen…) oder als menschliche Anschlussfehler mal kurze, mal lange, mal unangezündete Zigaretten oder auch Kugelschreiber zwischen die Lippen klemmen – das ist alles ziemlich unverständlich und ziemlich egal, denn es ist ja nur ein Leinwand-Geschehen. Mal schaut man hin. Mal nicht. Es ist nicht wichtig. Vor allem im Verhältnis zu den Menschen, die da in ihren Autos sitzen und die – jetzt in diesem Moment – einander küssen, die Augen schließen, diese Leinwand vergessen.

Könnten.

Wo ist der Witz?

Es bleibt noch zu sagen, dass alles sehr lustig war. Auch wenn man nicht in der Lage war, sich als Publikum soweit in die Inszenierung einbeziehen zu lassen, dass diese nur noch das Hintergrundrauschen der Autokinoerotik fungiert hätte. Es ist ein mit intellektuellen Formeln oder Filminterpretationen gespicktes Boulevard, das von einer Pointe zur nächsten hechelt, keinen Abschluss findet, auch gar keinen sucht. Die Leinwandmenschen scheinen verstanden zu haben, dass sie nur ein Hintergrundgeschehen sind für etwas, das größer ist als eine Natürlichkeit oder eine richtige Geschichte mit richtigen Personen. Vielleicht auch, weil solche richtigen Personen mit richtiger Persönlichkeit in der Welt, aus der die Leute ins Autokino strömen, sowieso nicht mehr vorhanden sind, und die richtigen Geschichten nur hohler und unglaubwürdiger Kitsch. 

Weil sich das Stück nie ernst nimmt, ist es umso ernster, denn es entspricht dadurch eher der Welt, aus der die Besucher kommen, anstatt als Opium und Eiapopeia der Seele zu dienen. Vielleicht ist es so, dass man heute ins Kino gehen und sich eineinhalb Stunden lustigen Unsinn anhören muss, um einmal zu einem einzigen klaren Gedanken oder vielleicht sogar einem Gefühl zu kommen. Im Kino oder im Theater stolpert man noch über die Belanglosigkeit, weil man im Gegensatz zur „echten Welt“ im Kino nichts Belangloses erwartet – sondern eine Unterhaltung, sodass der ehemalige Ort der Zerstreuuung zur letzten Bastion einer individuellen oder sogar erotischen Selbsthauptung geworden sein könnte. – Solche Gedanken mögen das Konzept beeinflusst haben. Vielleicht ging es auch nur um den schönen gelben Sonnenuntergang und bierflaschenklappernde, nach Zigaretten und Bier riechende Autokinostimmung. Wie auch immer. Es hat schon funktioniert. Irgendwie. 

Holt sich gerade das Jahr zurück, das G8 ihm genommen und gleichzeitig geschenkt hat. Wird nach dem Jahr Philosophy&Economics in Bayreuth studieren. Ist theaterinteressiert. Ist noch nicht desillusioniert genug zu glauben, er könne nicht eines Tages als kreativer Schriftsteller überleben. Isst gern.

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