Reingeschaut

Erscheinungsbild 2016/2017

Spielfeldmarkierungen, Zäune, Haut

Das Spiel von Regel und Überschreitung wird in der Spielzeit 2016/17 auch die wechselnden Elemente des Erscheinungsbildes des Schauspiel Stuttgart bestimmen: Linien, harte und weiche Übergänge, Grenzen, Fahrbahnmarkierungen, das bunte Geflecht der Spielfelder von Multifunktionsturnhallen in Überlagerung mit Fotografien von Zäunen, Türen und Aufnahmen der menschlichen Haut.

Pragmatismus und Expression

Wir umarmen uns oder gehen auf Abstand, wählen ritualisierte Begrüßungsformen oder spontane. Gibt es eine komplexere Geste als eine Umarmung? Sie kann Spuren von Zuneigung, Vereinnahmung, Zärtlichkeit und Gewalt enthalten und Unterschiedliches signalisieren. Unser Alltag ist durchzogen von Übereinkünften, mit denen wir immer wieder aufs neue Distanz und Nähe herstellen. Wir machen uns oft überhaupt nicht bewusst, dass wir gerade Grenzen ausloten, Offenheit vermitteln oder eine rote Linie beachten, denn all diese Handlungen sind tief in unseren alltäglichen Abläufen verankert. Auf der Bühne können wir diese Mischungsverhältnisse wie unter einem Brennglas beobachten. Wir sehen zu wie durch winzige Verschiebungen Distanz in Nähe umschlagen kann; wie die Fluchtlinien zwischen beiden unscharf verlaufen, wie wir Aufnahmebereitschaft signalisieren oder uns Konflikten entziehen, indem wir Abstand nehmen.

Überlagerung und Regulierung

Das Bedürfnis nach Grenzen besteht als eine grundsätzliche Relation von Nähe und Distanz – sozusagen als Organisationsprinzip. Wir alle führen das Schauspiel von Grenzsetzung und -überschreitung, von Regel, Ritual und Übertretung tagtäglich auf. In seiner Summe führt es dazu, dass aus einer unüberschaubaren Anzahl Menschen durch viele beiläufige Handlungen die Gesellschaft entsteht – ein Zusammenhang, der sich selbst fortschreibt und immer wieder ausbalanciert.

Steine, gestapelt

An die Stelle des genormten Steins tritt in der Spielzeit 2016/17 ein Stapel kleiner Kiesel – ein sogenanntes „Steinmännchen“, eine  archaische Markierung im Raum, die fast überall auf der Welt zu finden ist. Jeder, der eine solche Auftürmung sieht, versteht sofort, dass die Steine nicht zufällig aufeinander geraten sind. Diese künstlichen Hügel stellen Wegzeichen dar, den Hinweis auf einen besonderen Ort oder eine Grenze. Sie sind ein Zeichen dafür, dass andere Menschen bereits an diesem Ort waren: Im Gebirge oder in der Steppe ist das oft ein beruhigendes Zeichen, weshalb Wanderer oft ihrerseits einen weiteren Stein auf den Turm legen.

Maske, Persona

Die Haut schützt uns und sie macht uns antastbar, sie ist die Oberfläche, die uns mit der Welt verbindet, unsere Grenze. Die neuen  bildverarbeitenden Technologien ermöglichen es, diese Grenze zu extrahieren, um uns diese Oberfläche wie eine Hülle abzunehmen. Für die Ensemblefotos wurden die Schauspielerinnen und Schauspieler des Schauspiel Stuttgart in diesem Jahr visuell vermessen: Ein Ensemble en miniatur. Der so entstandene Datensatz kann am Computer weiterverarbeitet werden. Das digitale Double zirkuliert. Aber welchen Status hat diese Form der Reproduktionen, sind es noch Fotografien, Abbilder? Eine persona, die wie ein winziger Gulliver neben den wirklichen Menschen tritt? Ein Avatar, ein simpel gebauter Stellvertreter, den wir von uns ablösen, um mit ihm in andere Möglichkeitsräume vorzudringen, um so die Grenze zwischen biologischem Körper und digitalem Datensatz zu überschreiten?

Die digitale Höhlenwand

Mit der Ensemblefotografie wagen wir uns in diesem Jahr in eine problematische Zone. In welcher Weise repräsentieren diese  Reproduktionen noch die Schauspielerinnen und Schauspieler? – Für uns stellen diese Datensätze einen Versuchsaufbau dar – das Erscheinungsbild wird zu einem Debattenort, zu einer Erweiterung der Bühne, denn auch hier werden Fragen der Gegenwart durchgespielt, um uns über sie verständigen zu können. War es in der ersten Spielzeit der Intendanz von Armin Petras die Höhlenwand, auf die wir das Theater mit unserem Erscheinungsbild zurückbezogen haben, so ist es in der vierten Spielzeit nun der Screen, die digitale Höhlenwand. Wir brauchen diese Wand immer noch und immer wieder – wir brauchen sie als Ort, an dem wir die Konflikte einer gefahrvollen und oft unverständlich bleibenden Außenwelt in Gemeinschaft durchspielen und verarbeiten können. Die alten Fragen, die mit unseren Körpern zu tun haben, damit wie wir zusammenleben und die neuen Fragen, die mit unseren digitalen Doubles zusammenhängen. Immer wieder kehren wir zu der Höhlenwand zurück und erfinden an ihr neue Darstellungsformen, um uns unsere Konflikte gegenseitig erzählen und vorführen  zu können: all das, was da draußen mit uns geschieht, zwischenmenschlich, gesellschaftlich, technologisch.


Unser Erscheinungsbild wird seit der Spielzeit 2013/14 von Spector Bureau gestaltet. Spector Bureau ist ein Verbund von Gestaltern, Autoren, Künstlern, Fotografen und Programmierern, der sich um den Leipziger Verlag Spector Books gebildet hat. An der Gestaltung für die Spielzeit 2016 / 2017 arbeiteten Markus Dreßen, Jakob Kirch, Katharina Köhler und Jan Wenzel.
www.spectorbureau.com

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

1 Kommentar zu “Erscheinungsbild 2016/2017

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