Gebloggt

Gebloggt #21: Was ich nicht weiß

Nachdem ich unvorbereitet in die Peer Gynt- Inszenierung gegangen bin, um mich ganz unvoreingenommen damit zu konfrontieren (Sie hörten: Ausreden für Faulheit, Folge sechstausendvierhunderteinundachtzig), weiß ich: Es gibt negatives Wissen. Ich weiß also nach der Aufführung noch weniger als davor, denn die Inszenierung bezieht ihre Spannung aus dem, was ich nicht weiß.

„Der eine braucht Branntwein, der andere braucht Lügen“, sagt Peer Gynt (Edgar Selge). Er selbst braucht Lügen. Viele Lügen. Schon das Bühnenbild selbst ist eine, denn die Paläste, neu erbauten Häuser, Traumlandschaften und Bergseen, die ich als Zuschauer vor mir sehen soll, sind in Wahrheit nur Blecheimer, in die unaufhörlich Wasser tropft.  Dieses Pling-pling-pling ist bald die einzige Verbindung zur vermeintlichen Wahrheit, der ärmlichen Herkunft Peers, denn die Geschichte taucht in ein tiefes Geflecht aus Geschichten und überbordender Fantasie ein. Da eine durchgängige Handlung auszumachen, wird immer schwieriger, bis schließlich in der Pause die Verwirrung perfekt gemacht und das Publikum aufgefordert wird, doch Peer Gynts Geschichte weiter zu erzählen, und am Ende sogar, über das weitere Schicksal abzustimmen.

Soweit ist aber alles noch relativ klar, denn die Verschachtelung verschiedener Erzählebenen scheint der wilden Abenteuergeschichte Peer Gynts angemessen, zwischen den Funken Wahrheit und der funkelnden Lüge. Das negative Wissen aber, das im Rückblick am Tag nach dem Theaterbesuch überwiegt, beginnt schon während der Aufführung an mir zu nagen: Als Peer Gynt laut der Handlung des Stücks Ingrid entführt, die am nächsten Tag einen anderen heiraten soll, sucht er sich statt einer Schauspielerin lieber Frauen aus dem Publikum aus.  Und da kommen die erste Fragen auf: Was macht Peer Gynt draußen mit den vierundzwanzig für einen Akt aus dem Publikum entführten Frauen? Gibt es da eine kleine Exklusivvorstellung? Regieanweisungen für den späteren kurzen Auftritt der Frauen auf der Bühne? Autogrammstunde mit Edgar Selge? Und was machen die Schauspieler, wenn an einem Abend zufällig zu wenige Frauen im Publikum sitzen sollten? Im Saal jedenfalls geht die Aufführung mit dem Ensemble (Caroline Junghanns, Svenja Liesau, Nathalie Thiede, Birgit Unterweger, Julischka Eichel) weiter – mit Peer Gynts Ausflug in die Trollhöhle, dem lustigsten Teil des Stücks. Und den sollen die Zuschauerinnen draußen einfach verpassen?

Die nächste Frage stellt sich während der Pause, in der jeder erzählen darf, was ihm an Geschichten in den Sinn kommt: Welche Abenteuer mag das Publikum mit dem Ensemble zusammenfantasiert haben, während ich kurz draußen war? Aber vor allem: Was könnte Peer Gynt noch alles passieren? Welche Geschichten hätte man noch erzählen können?

Schließlich das Ende des Stücks, über das vom Publikum abgestimmt wird: Ist das wirklich eine echte Wahl zwischen einem tragischem und einem glücklichem Ausgang der Geschichte oder wird jeden Abend das selbe Ende gespielt, unabhängig vom Votum des Publikums? Und wenn es wirklich zwei verschiedene Ausgänge gibt, wie hätte dann der andere ausgesehen, den wir an diesem Abend nicht gesehen haben?

Dieser Effekt der Verunsicherung wird noch dadurch verstärkt, dass immer wieder Schauspielerinnen  durch den Zuschauerraum gehen, während sie ihren Text in Mikrophone sprechen, sodass nicht klar ist, woher die Stimme kommt. Ich bin ständig dabei, den Kopf zu drehen und verpasse so immer entweder das Geschehen auf der Bühne oder das im Zuschauerraum. Außerdem werden die Rollen munter hin- und hergetauscht, es gibt mehrere Peer Gynts, mehrere Mütter, einen Trollkönig, der eigentlich nicht der Trollkönig sein will. Und währenddessen werden immer wieder Stoffbündel wie Säuglinge beim Stillen vor die Brust gehalten – warum auch immer.

Leider bleiben für mich „unvoreingenommenen“ Zuschauer auch Teile der Handlung unklar: Wie hat sich Peer Gynt aus der Trollhöhle wieder befreit? Wo ist die entführte Ingrid geblieben? Warum stehen am Ende so viele Pappkartons auf der Bühne? Ein Symbol für den ständig rastlos umziehenden Peer?

Die Inszenierung (Regie: Christopher Rüping) macht aber gerade wegen all der Verunsicherung und der Fragen Lust, ins Theater zu gehen. Noch einmal in dieses Stück. Oder in ein ganz anderes, eine neue Geschichte aus Lügen und Wahrheiten.


Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Regie: Christopher Rüping

Zum letzetn Mal in dieser Spielzeit am 17. Juni im Schauspielhaus …mehr

Foto: Conny Mirbach

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