Das glaubst du ja wohl selber nicht!

Zwischen Anarchie und Wellnesssalon

Das Erste, was einem dazu wahrscheinlich einfällt ist Reizüberflutung. Wilde Farben, bunte Plastikfolien. Ein orangefarbener Berg in der Mitte des Saales. Leute, die verschiedene Dinge aus dem Saal raus und wieder reintragen: Gartenmöbel, Liegestühle, Bademäntel. In der Mitte sitzt Matti Krause und liest aus Jörg Fausers Roman Rohstoff. Man fühlt sich ein wenig fehl am Platz, als ob man zu früh ist und noch nicht alles aufgebaut wäre.
Gerade als man sich fragt, ob denn noch mehr passiert, als Leute, die Gegenstände hin und her trage, gehen die Saaltüren wieder auf, man gelangt in weitere Räume. Man entdeckt einige der  Dinge, die zuvor hinaus getragen wurden. Zum Beispiel, die Gartenmöbel, die nun aufgebaut vor einer Bühne stehen, wo Schorsch Kamerun und die Opernsängerin Jeanne Seguin ein kleines Konzert geben, begleitet von der experimentellen Band Metabolismus. Hier gibt es auch eine Bar, an der man sich jederzeit ein Getränk kaufen kann.
Und auch wenn eine Frau, die die ganze Zeit ständig vor sich hin schimpft, auf einmal schreit: „Alles ist in Deutschland verboten“, hat man hier an diesem Ort das Gefühl, seine anarchische Seite entdecken zu können. Alles was man sonst im Theater nicht darf, ist erlaubt. Stehen, Rumlaufen, sich unterhalten.
Noch vor Beginn wird man, von einem Herrn des Abenddienstes darauf hingewiesen, seine Smartphones nicht auszuschalten oder in der Tasche zu lassen. Fotografieren, Aufnehmen, all das, ist hier erlaubt. Fast ein bisschen Anti-Theater im Theater.
Ein weiterer Grund, warum wir doch bitte unsere Smartphones anlassen sollen, ist, dass man uns dann später besser orten könne. Es gibt einem ein bisschen das Gefühl eines Überwachungsstaates, auch durch die vielen Videokameras, die überall angebracht sind. Übertragen wird das Ganze auf unzählige Leinwände, Monitore und Bildschirme, so dass man eigentlich in jedem Raum sehen kann, was in einem anderen Raum passiert.
Und sonst darf eigentlich alles passieren, was man nicht erwarten würde. So kann es sein, dass man sich umdreht und plötzlich vor einer riesigen umher laufenden Agave oder Wasserpfeife steht. Hier ist alles möglich.
Und während nun im oberen Foyer eine Gruppe in Bademänteln einen Wellnesssalon eingerichtet hat und sich gegenseitig mit verschiedenen Körperpflegeprodukten eincremt, bauen zwei Wanderer mitten vor der Bühne ein Zelt, mit allerlei Campingausrüstung auf.
So ganz verstehen kann man einige Sachen nicht, was vielleicht auch daran liegt, das so viel gleichzeitig passiert, dass man über das gerade erlebte gar nicht groß nachdenken kann. Denn wenn man sich eigentlich das Interview mit dem Freien Radio Stuttgart anhören wollte, hört man wieder Matti Krauses Stimme, der immer noch Fauser liest oder es marschiert eine langer Prozessionszug  durch den Raum. Tänzer in psychedelischen Kostümen, ein Chor in Regenkleidung und angeführt wird das Ganze von einem lebensgroßen grellleuchtenden Martiniglas.
Und nun am Ende versteht man nun doch, warum dieser erste Abend Das Expressive heißt. Hier begegnet man nicht den normalen alltäglichen Dingen und Personen, alles hier ist so anders und ausdrucksstark, dass man auch weiß, warum man sich hier mit den Beatpoeten, der 60er Jahre beschäftigt hat. Auch sie haben sich mit dem Thema des Anders sein, des nicht alltäglichen gewidmet. Hier findet man die Rebellion, das Anders sein, was vielen heute verloren gegangen ist.


Nordlabor 2
Das glaubst du ja wohl selber nicht!
Musiktheatrale Versuchsreihe von und mit Schorsch Kamerun

Vom 6. Mai bis 4. Juni 2016 im Nord
Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: Julian Marbach

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