Das glaubst du ja wohl selber nicht!

Schorsch Kamerun – Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens

Als er auf die Bühne kommt, steht er erst einmal ganz entspannt da und packt dann in Ruhe aus seiner Tasche mehrere Bücher, ein Musikinstrument und schließlich eine Bierflasche aus, erst dann setzt er sich. Schorsch Kamerun, Leadsänger der Punkband Die goldenen Zitronen, Theaterregisseur und nun auch noch Autor. Am 3. Mai 2016 stellte er im Literaturhaus in Stuttgart seinen Debütroman Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens vor.
Mit ihm auf der Bühne sitzen Bernd Isele, Dramaturg am Schauspiel Stuttgart und Sebastian Röhrle, Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart, der immer wieder Stellen aus dem Roman liest. Mit beiden arbeitet Schorsch Kamerun  gerade im Nord an einer musiktheatralen Versuchsreihe mit dem Titel Das glaubst du ja wohl selber nicht!.

Der Roman zeigt viele biografische Ähnlichkeiten mit dem Autor und doch soll es keine direkte Biografie sein. Warum? Oft wurde zu Schorsch Kamerun gesagt „Schreiben Sie doch mal über ihr Leben“, doch er traute sich nicht. Zu groß die Angst genannte Personen könnten sich falsch verstanden fühlen. Außerdem habe ihm bei einer reinen Biografie die Fantasie gefehlt. Nun also ein Roman über Horsti, der in einem kleinen Ort namens Bimmelsdorfer Strand aufwächst.

Johnny Rotten war in jeder Faser verführerisches anti

»Anarckeeey!« ruft Horsti betrunken über den Strand, in schlechtem Englisch und natürlich ohne zu wissen, was Anarchie eigentlich bedeutet. So beginnt der Roman. Im Gespräch mit Bernd Isele erzählt Kamerun: „Wir brüllten Anarchie und tranken zum ersten Mal etwas, was wir nicht gut vertrugen“. Ein Auflehnen gegen die autoritäre Umgebung, zwischen Altnazi- Lehrern und strengem Stiefvater. Mit kleinen Rebellionen versuchte man die Ostseeidylle zu stören. Man schrieb an die Rathauswand Sätze wie „Bimmelsdorfer Cafés haben keine Ahnung von Kaffee“ oder verbreitete diverse Lügengeschichten unter dem Motto: Falscher-Kuckuck-beim-Schwarzfahren-entwischt, das man selbstverständlich auch als Graffiti an Häuserwänden hinterließ.

In Tommis Freundeskreis fanden sich einige, die früh, manche auch erst sehr viel später, real kaputtgingen. Oder sogar ganz aufgaben, sich das Leben nahmen. Aus Schuld und Scham, aus Verlorenheit und nicht nachlassendem Alleinseinschmerz. Diesen widmete Tommi später ein Lied.

Schorsch Kamerun wäre nicht Schorsch Kamerun, wenn er nicht auch musikalisch etwas zum Besten geben würde. Passend zum Buch gibt es eben auch ein Lied namens Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens. Geschrieben hatte er es damals für seine Freundin Martina. Manche konnten mit dem Druck der autoritären Eltern umgehen. Manche schafften es den Weltschmerz zu verstehen. Martina nicht, sie beging später Suizid.

Neulich in einem TV-Werbeclip sah Tommi from Germany einen bekannten Rennfahrer mit seinem brandneuen Serien-Mercedes durch die Nacht einer aufregenden Großstadt brausen. Da er sich nicht auskannte, übernahm das intelligente Fahrzeug die Führung. Undergroundclubs, Off-Galerien und ArthouseKinos, das waren die heißen Ziele, die der Bordcomputer der coolen Edelkarosse dem unkundigen Motorsportler empfahl. Nachdem der sich dann für etwas entschieden hatte, fand das mobile Statussymbol die ehemals rauen Quartiere, in denen die supergeheimen Szene-Locations gelegen waren, ohne Umwege. Früher hätte man ihm dort die Scheiben eingeschlagen. Aber früher war eben auch nicht alles besser.

Auch Schorsch Kamerun selber hatte mit Zweifel und Verzweiflung zu kämpfen, doch er flüchtete auf der Suche nach dem Fremden aus der Enge des Dorfes in die Großstadt.  Hamburg, St. Pauli. Zu einer Zeit, wo St. Pauli noch ein heruntergekommener Stadtteil für Punks, Hausbesetzer und andere Aussteiger war. Doch eine Ansiedlung von Gegenkultur bedeutet auch immer eine Aufwertung des Viertels. Heutzutage kann man sich in St. Pauli als Normalverdienender kaum eine Wohnung leisten. Davon erzählt Schorsch Kamerun auch, doch nicht unbedingt nur im negativen Sinne, vielmehr stellt er sich die Frage, ob wir durch die ganze Gentrifizierung nicht die Orte des Freiseins, des Auslebens von Möglichkeiten verloren haben.

Vielmehr fragte er sich, warum er selbst in seinem Vorgehen manchmal so schlimm – bis zur Widersprüchlichkeit – ungenau wurde.

Eine Frage, die man sich schon den ganzen Abend stellte, ist die Widersprüchlichkeit, die Schorsch Kamerun immer umgibt. Er experimentiert mit den Texten der Beatpoeten in einem Staatstheater. Sein Buch über Rebellion und Punk wird heute im Feuilleton besprochen.  Er selber ist sich dieser Widersprüchlichkeit durchaus bewusst, sagt Schorsch Kamerun und dennoch schafft er trotzdem den Spagat zwischen diesen zwei Welten, vielleicht auch, weil die Welt heute im Allgemeinen ungemein widersprüchlich ist.


Schorsch Kamerun – Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, erschienen 2016 im Ullstein Verlag

Nordlabor 2
Das glaubst du ja wohl selber nicht!
Musiktheatrale Versuchsreihe von und mit Schorsch Kamerun

Vom 6. Mai bis 4. Juni 2016 im Nord
Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: Julian Marbach

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