Gebloggt

Gebloggt #20: [PEER GYNT]-PORTRÄT MIT DAMEN

Wer ist dieser Peer Gynt, dessen Einsamkeit sich schon im Stücktitel ankündigt – wer, und wenn ja, wie viele? Wir sehen ihn als verarmten Sohn eines Trinkers, als Träumer, als Narren. Als verlachten Geschichtenerzähler, als Dorftrottel und reichen Sklavenhändler. Wir folgen ihm auf seine Reise und wissen bis zuletzt nicht, ob diese überhaupt ein Ziel hat. Wir sehen ihm lang zu und lernen ihn doch nicht wirklich kennen.

Wer ist eigentlich nicht Peer Gynt?

Doch vielleicht sollte die Frage eher lauten: Wer ist nicht Peer Gynt? Wer besitzt den festen Identitätskern, der Peer fehlt? Wer lebt ausschließlich als objektiv korrekter Prozess, der sich darüber hinaus nichts andichtet oder andichten lässt? Wer belässt jede Erzählung bei den objektiven Fakten – der oder die werfe die erste Zwiebel!

Der Mensch – ein Geschichtenwesen?

Das menschliche Gehirn ist auf Geschichten angewiesen, um eine komplizierte Wirklichkeit zu verarbeiten – eine Erkenntnis, die längst zu Marketingzwecken eingesetzt wird. Ist der Mensch nicht ebenso sehr wie ein Vernunftwesen ein Geschichtenwesen? So gesehen, wäre Peer Gynts Geschichtensucht nicht außergewöhnlich, sondern sehr normal. Wie er seine Märchen und Anekdoten einsetzt – eskapistisch – ist seiner Situation geschuldet: Der abgerissene Bauernsohn träumt sich in eine gleißende Fantasiewelt, deren großer Held er selbst ist. Zeitgeschichtlich verkörpert Peer wohl die nationalromantisch dahindämmernde norwegische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die Ibsen als großmäulig und nichtsnutzig karikiert.

Überzeitlich ist Peer Gynt vielleicht der Mensch, der sich seine Realität erzählt. Er inszeniert sich, mal als Bocksreiter, mal als Kaiser, um der Banalität seiner eigentlichen Situation zu entfliehen. Auf den vermeintlichen wahren Kern der Geschichte oder des Charakters kommt es nicht an. Es gibt diesen Kern nicht.

Es gibt auch nicht den einen Peer, sondern viele, die wild durcheinander handeln. Entsprechend verkörpert nicht nur Edgar Selge den Peer, auch die Darstellerinnen   Svenja LiesauNathalie ThiedeBirgit Unterweger, Julischka Eichel und Caroline Junghanns treten immer wieder als Peer Gynts in Erscheinung. Sogar das Publikum bekommt die Möglichkeit, per Mikrofon wilde Geschichten zum Besten zu geben – und damit selbst zu lauter Peer Gynts zu werden. Ein kaleidoskopartiges, breitwandiges Peergynt-Porträt mit Damen.

Starkes Ich und Fortschrittsmensch

Trotz – oder gerade wegen – seines inkonsistenten Selbst ist Gynt ein starkes Ich, ein moderner Mensch, ein Karriererist. Hundert Jahre später hätte er als Verwandlungskünstler a la David Bowie Karriere machen können. Könnte We can be heroes, just for one day/ We can be us, just for one day! [1] nicht auch ein programmatischer Ausruf Peer Gynts sein? An Solvejg vielleicht? So aber verschlägt es ihn nach Afrika, wo er unter anderem als Sklavenhändler reich wird, nur um durch die Naturgewalt alles wieder zu verlieren; mit letzter Kraft gelangt er nach Hause, heim zur Jugendliebe Solvejg.

Unwillkürlich erinnert dieser Werdegang an einen anderen großen Dichter und Außenseiter – Arthur Rimbaud, der sich nach mehreren Meisterwerken schlagartig von der Literatur verabschiedet und sich später in Afrika mit verschiedenen Geschäften, wohl auch durch Sklavenhandel, über Wasser hält. Es ist absurd: Rimbaud war dreizehn, als Peer Gynt geschrieben wurde, und doch stammt von Rimbaud der Satz: „Ich ist ein anderer“, der auch aus Peer Gynts Mund nicht überrascht hätte. Ist Rimbauds anderer gar – Peer Gynt?

Der Fortschrittsmensch scheitert

Ibsen lässt den egozentrischen Inszenierungskünstler Gynt krachend scheitern – über hundert Jahre, bevor der SPIEGEL „Die Ego-Gesellschaft“ entdeckt. Gynts Erlösung ist für Ibsen die jahrelang treu auf ihn wartende Solvejg. In Christopher Rüpings Inszenierung muss dem zunächst das Publikum zustimmen. Und es lehnt ab! Gynt muss sich im Nichts verlieren. Das sicher moderne Publikum wünscht sich also keine Erlösung für den modernen Menschentyp? Wer verurteilt hier wen? Wer schaut zu, wer leidet, wer lebt?

[1] David Bowie, Heroes


Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Regie: Christopher Rüping
Mit Caroline Junghanns, Svenja Liesau, Edgar Selge, Nathalie Thiede, Birgit Unterweger, Julischka Eichel und einem Herrenchor

Weitere Informationen und Termine …hier

Foto: Conny Mirbach

Holt sich gerade das Jahr zurück, das G8 ihm genommen und gleichzeitig geschenkt hat. Wird nach dem Jahr Philosophy&Economics in Bayreuth studieren. Ist theaterinteressiert. Ist noch nicht desillusioniert genug zu glauben, er könne nicht eines Tages als kreativer Schriftsteller überleben. Isst gern.

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