Gebloggt

Gebloggt #19 : Tod eines Handlungsreisenden

Ein Vorhang, beinahe so dick wie eine Wand, bewegte sich langsam, fast unmerklich, vor und zurück über die Bühne. Erst im zweiten Anlauf, begleitet von zwei sich auf der Bühne befindenden Live-Musikern (Sven Michelson und Philipp Weber), die wiederholend die Textzeile ‚Sometimes I feel like a motherless child‘ hauchten, enthüllte er das Ehepaar Loman in ihrer ersten Szene.

Willy Loman (Peter Kurth), dessen massiger Leib von einem schwarzen Tüll- Rock umfasst war, spielte authentisch seine Rolle, als die illusionäre Verkörperung des amerikanischen Traumes in Stimmlage, Ausdrucksweise und Gestalt. Seine Frau Linda (Susanne Böwe), die in einen Hosenanzug gekleidet war und ebenfalls geformt schien von den möglichen Vorteilen der gutbürgerlichen Mittelschicht, diente ihm als bemutterndes, alles schön reden wollende, Auffangbecken für seine Zweifel und Ängste. Nur heimlich, in der Zweisamkeit mit seiner Frau, ließ er jene emotionalen Schattenseiten und Zweifel heraus, die er in der offenbar maskulinen Welt, des Verhandelns und Verkaufens, nicht wagte zu zeigen.

Zunächst waren die Szenen eher kahl und übersichtlich gestaltet und die Reize mussten sich die Zuschauer lediglich aus dem Spiel der Darsteller ziehen. Doch langsam wurden die rhythmischen, gleichbleibenden Impulse, die der schleppende Vorhang zeigte, irritiert. So verschlang und offenbarte er die Szenen nicht nur in einer geordneten Abfolge, sondern es blitzen weitere Personen und Szenen der Erinnerungen und Gegenwart aus dem Vorhang und dem Publikum wurde auf diese Weise die komplexe Vielschichtigkeit, die in ein jedes Leben mit hineinspielt, visuell erkennbar.

So öffnete sich im Hintergrund einer Szene beispielsweise der Vorhang und aus dem tiefen, hinteren Bereich der Bühne, rannte in Zeitlupe die Vergangenheit in Form des Sohnes Biff (Manuel Harder) als einstiges Schulsportass auf den erinnernden Willy zu. Angefeuert von der eigenen Mutter im Cheerleader-Kostüm mit Pompons. Willy erinnerte an den Fehler seines Sohnes an diesem Spieltag und wollte dessen gegenwärtiges Versagen darauf zurückführen. Nur einer der vielen Versuche des Vaters, das Versagen seines Sohnes zu erklären und sein eigenes, seine eigene Verantwortung, los zu werden.

Eine zehrende, unangenehme Verantwortungsschieberei beinhaltete das Stück in jedem Fall. In dieser Hinsicht ein Familiendrama, klassischer und aktueller, als wahrscheinlich so mancher hätte zugeben wollen.

Letztlich erinnerte die Rolle Willys an die eines Riesenbabys, dass lediglich in Äußerlichkeiten, zum Beispiel in Form vom abbezahlten Haus und seiner scheinbar festen Anstellung als Handlungsreisender eine Entwicklung abzeichnen ließ. Doch als diese Äußerlichkeiten  ihren Wert zu verlieren schienen und immer wieder aus seinem Innersten die Sehnsucht nach dem Selbstmord herausblitzte, begann alles nach und nach zu zerfallen und zeigten ihn immer mehr in einer infantilen Hilflosigkeit, aus der er sich als letzten Ausweg durch tiefen Pessimismus und Übertragung wohl noch weiter heraus zu retten versuchte. Beispielsweise äußerte er die Feststellung, dass man selbst, wenn man nur einen Stern am Himmel sehen will, sich den Hals dafür brechen muss.

Ein mächtiger Fehltritt des Vaters vor vielen Jahren und Türme von Handlungen, Vorwürfen, Zweifeln und Fraglosigkeit legten sich in der Absicht zu verdrängen darüber. Und alle hatten sie mitzumachen und darunter zu leiden – zu leiden unter den verworrenen Ansprüchen und Begründungsversuchen des Vaters. Ein konkurrierendes Tauziehen um die Mutter, zwischen Willy und Biff und ein hetero geglaubten zweiten Sohn namens Happy, der als Verlängerung seine Vaters gesehen werden konnte. Ein verstorbener Bruder Willys, als idealisierte ‚Inkarnation des Erfolgs‘, der doch eigentlich, dargestellt in der Kostümierung  der Gründerväter, zeigen sollte mit welcher Willkürlichkeit und Zufälligkeit der Erfolg im amerikanischen Traum einhergeht.

Die einzig wirklich erwachsen gewordene Gestalt wurde von Elmar Roloff in der Rolle des Nachbarn Charly gespielt. Er und sein Sohn Bernard trugen letztlich Klarheit in das Stück und ließen Willy unter hysterischem Geschrei, aber auch vernünftiger Ruhe, seiner Wahrheit und seiner Verantwortung ein Stück weit näher kommen.

Geduld und Ruhe sollte man als Zuschauer dieses Stückes unbedingt mitbringen. Das Aufbrechen von Illusionen und das damit zurechtkommen wollen, oder auch nicht, scheint immer eine sehenswerte Thematik zu sein. Die Inszenierung von Robert Borgmann hat es zwar meiner Meinung nach geschafft es auf so eine langsame und behutsame Art darzustellen, dass es weder zu Langeweile noch zu unerträglicher Spannung meinerseits kam, jedoch liegt so eine Einschätzung ja so oder so im Ermessen des Einzelnen. Denn dass die Zuschauer sich während der Vorstellung viel geräuspert haben und ich auch viele Zappel- und auf den Sitzen Herumrutsch-Geräusche wahrnehmen konnte, spricht dann wohl eher gegen meine persönliche Sicht der Dinge.


Tod eines Handlungsreisenden
von Arthur Miller
Regie: Robert Borgmann

Foto: Julian Röder

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