Schlossgarten Stuttgart. Eine Gruppe Punks sitzt rauchend in einer Ecke. Bunte Haare, laute Musik. Menschen kommen und gehen, doch keiner interessiert sich für die Gruppe, die dort ihre Zeit verstreichen lässt. Keiner schaut zu ihnen, nicht einmal der Streifenpolizist der im Park seine Kreise zieht. Anders in den 70er und 80er Jahren in der BRD. Da wurde man durchaus auch einmal für seine Klamotten und seine Haare von anderen Jugendbanden bespuckt und verfolgt.
Heutzutage wird man, wenn man einen anderen Lebens oder Kleidungsstil hat nur noch selten dafür angefeindet. Besitzen wir im 21. Jahrhundert etwa mehr Toleranz oder kann es sein, dass man heutzutage gar nicht mehr anders sein kann? In irgendeiner Weise war doch alles schon einmal da. Die zerrissenen Jeans von damals sieht man heute auch wieder, aber nicht an den Beinen der Punks, sondern an kleinen Teenagermädchen, die ihre Handtasche über die Königstraße spazieren tragen. Früher als die zerrissene Jeans kein Modeelement, sondern ein Zeichen des Auflehnens darstellte, war es einfacher anders zu sein. Für die Jungpunker gab es nur ein Feindbild. Es nervten einen diese festgefahrenen Traditionen, die Strenge der konservativen Nachkriegseltern. Dagegen lehnte man sich auf und fand seinen Platz in der Subkultur. Menschen, die für die gleichen Dinge einstanden fanden sich zusammen und rebellierten gemeinsam gegen alle üblichen Konventionen. Endlich sollte man einmal laut sagen, was alles falsch läuft. Bands wie Malaria und Einstürzende Neubauten, die die Rebellion schon im Namen trugen, fanden eine Menge von Anhängern, die sich endlich verstanden fühlten. Eine Kollektivbewegung gegen das bürgerliche Leben, die Konsumgesellschaft und das große ganze System. Man hatte seinen Platz in der Gesellschaft gefunden, auch wenn er ziemlich außerhalb am Rand war. Aber das war dem Punker damals ziemlich egal, warum sollte man dann seine Zeit in der Schule absitzen, eine Lehre machen und sein ganzes Leben arbeiten, wenn am Ende sowieso alles den Bach runter geht?
Heutzutage ist es schwieriger seinen festen Platz in der Gesellschaft zu finden. Man besitzt eine Vielzahl von Identitäten, so dass man eigentlich jeden Tag allein damit verbringen könnten sich selbst zu finden, um sich dann selbst verwirklichen zu können. Die meisten sind mit ihrer Identitätsfindung und Selbstoptimierung so beschäftigt, dass sie es nicht mehr schaffen, sich für oder gegen etwas einzusetzen.
Viele der jungen Leute ziehen sich in einer immer schnelleren und unübersichtlicheren Welt zurück ins Private, man knüpft an die Traditionen derer an, gegen die die jungen Rebellen der 70er und 80er so gekämpft haben. Journalisten sprechen auch von einer neuen Biedermeiergeneration. Doch kann man es ihnen verdenken?
Im Jahr 2016 gibt es aber leider nicht mehr die einfache Möglichkeit gegen eine einzige Sache zu sein, das Feindbild ist zu multikomplex, als das man es so einfach beschreiben könnte. Man fügt sich dem immer steigenden Leistungsdruck und dem Perfektionismus des Mainstreams und wird Teil der kapitalistischen Massenkonsumgesellschaft. Doch vielleicht reicht es einfach, wenn wir aufhören nur im Strom mit zu schwimmen und endlich einmal nur wir selber sind. Denn nur wenn wir ganz wir selber sind, können wir individuell und anders sein.

Mit dem Thema des ‚Anders sein‘ beschäftigt sich auch Schorsch Kamerun in seiner musiktheatralen Versuchsreihe Das glaubst du ja wohl selber nicht!, die ab dem 6. Mai im Nord startet.


Nordlabor 2
Das glaubst du ja wohl selber nicht!
Musiktheatrale Versuchsreihe von und mit Schorsch Kamerun

Ab 6. Mai 2016 im  Nord

Weitere Informationen und Karten …hier

0 comments on “Anders sein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: