Das glaubst du ja wohl selber nicht! Gebloggt

Gebloggt #18: Das glaubst du ja wohl selber nicht!

Das glaubst du ja wohl selber nicht – der Name ist Programm. Bunt, schrill, laut und kaum zu fassen. Es beginnt bereits auf der Terrasse, während die Zuschauer noch gemütlich etwas trinken. „Rohstoff“ von Jörg Fauser ertönt aus den Lautsprechern, aber kaum einer hört hin, denn sie sind in ihre eigenen Geschichten vertieft. Hier habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die Terrasse zur Bühne wird und jeder ein Darsteller ist.
Es geht hinein, ein dunkler Raum mit bunten Lichtern. Statisten laufen hinter der bunten, durchsichtigen Plastikfolie auf und ab, tragen große Steine, Stühle, Folien. Ich habe den Eindruck, als wäre ich ein Besucher und beobachte sie wie Tiere im Zoo, bis sie auch mal aus ihrem Gehege herauskommen und durch das Publikum laufen. Langsam lichtet sich die Reihe der Zuschauer, es wird wohl zu langweilig, dieses ständige Auf und Ab der Statisten hinter der Folie. Es geht in einen anderen Raum, Musik wird gespielt, seltsame Songtexte, von denen aber nicht viel im Gedächtnis bleibt. Ich höre die Lesung nicht mehr, achte kaum noch auf die Musik. Sie wird zu einem Hintergrundrauschen, denn meine Sinne laufen fast über. Ich weiß nicht, wohin ich als erstes schauen soll, so viel passiert auf einmal. Die Lesung wird übertönt von der Musik, Bildschirme und Projektionen zeigen abwechselnd die Band und die Zuschauer, die durch die Gegend wandern und damit zu Darstellern werden. Überall laufen Statisten in seltsamen Kostümen herum. Ein viktorianisches Kleid, Bademäntel und Handtücher, enge Ganzkörperanzüge. Auch ein Astronaut ist dabei.
Jemand mit einem künstlichen Bart, der bis zu den Knien reicht, sieht mich unverhohlen an, sein Blick durchbohrt mich und obwohl ich diejenige von uns beiden bin, die normal aussieht, fühle ich mich unnatürlich, seltsam und irgendwie peinlich berührt.
Irgendwann merke ich, dass unter den Besuchern auch Statisten sind, die völlig normal aussehen. Sie laufen durch die Gegend, machen Bilder von sich und anderen und weil wir Schafe sind, tun wir es ihnen nach, folgen ihnen und machen wie sie Fotos. Einfach weil wir denken, dass sie sind wie wir. Grenzen verschwimmen. Eine normal gekleidete Frau starrt mich an, als wäre ich ein seltener Käfer und ich frage mich: Gehört sie zur Inszenierung oder denkt sie, dass ich dazu gehöre? Aber auch wenn ich anfangs dachte, ich bin ein Zuschauer, wird mir jetzt klar, dass ich auch einer von ihnen in diesem Freigehege bin. Denn hier gehört jeder zum Stück. Bei jeder etwas anders gearteten Bewegung, bei jeder speziellen Frisur kommt die Frage auf: Absicht oder Zufall? Ich könnte hier und jetzt tun und sein, was und wer immer ich will. Vielleicht würden die anderen etwas komisch gucken, aber niemand würde sich wundern auf dieser verrückten Party. Bier und andere Getränke werden ausgeschenkt, die Stimmung ist entspannt. Es fängt an Spaß zu machen, zu denken, dass andere sich fragen, ob ich mit meinem Schreibblock dazu gehöre. Und trotzdem bleibt immer die Frage: Was tun die eigentlich hier? Und was tue ich hier?


Nordlabor 2
Das glaubst du ja wohl selber nicht!
Musiktheatrale Versuchsreihe von und mit Schorsch Kamerun

Vom 6. Mai bis 4. Juni 2016 im Nord

Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: Julian Marbach

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