Das glaubst du ja wohl selber nicht! Gebloggt

Gebloggt #17: Mittendrin bei Schorsch Kamerun – Das glaubst du ja wohl selbst nicht!

Einige Besucher stehen schon bei Bier und Zigarette, als ich die eisernen Treppen des Nord erklimme. Von einem Bar-Wagen wird Dosenbier verkauft. Wir setzen uns auf den Boden. Während meine Begleitung und ich uns auf die Schulter klopfen – froh, hergefunden zu haben – füllt sich der kleine, gerüstartige Balkon. Der Blick auf die Eintrittskarte und das Stichwort „Stehplatz“ verrät uns, dass es sich heute nicht um klassisches Theater handeln wird. Das Krächzen eines Lautsprechers lässt die Nichtsahnenden plötzlich zusammenzucken. Eine Lesung beginnt. Nach dem kurzen Schreck wendet man sich wieder seinen Gesprächen zu, während die Stimme irgendwas vom Drogensumpf und dem körperlichen Zerfall erzählt: „Manchmal muss man warten, bis es dunkel wird. Dann hilft Speed…“ Nach dem kurzen Sicherheitshinweis, dass Smartphones und Selfies in der Vorstellung ausdrücklich erlaubt sind, strömen wir mit der Masse in Zweierreihen zum Einlass.

Durch einen Thekenbereich (darf man sich an der Palette Stuttgarter Hofbräu tatsächlich frei bedienen oder warum steht die hier so einladend rum?) geleitet, kommen wir voller Erwartung auf die Inszenierung in den ersten Saal – und stehen. Bunte Folien trennen unseren Besucherbereich von der „Bühne“. Dort tragen die Schauspieler in aller Ruhe Requisiten durcheinander. Hier und da verlassen sie „ihren“ Bereich und laufen durch die verwunderten Zuschauer. Ich komme mir dumm vor, weil ich nicht verstehe, was ich da sehe. Ich schaue mich genauer um, möchte etwas erkennen, das einen Sinn ergibt – möchte klüger als meine Mitbetrachter sein. Ich bin mir sicher, sie denken ähnlich. Bei der ganzen Verwirrung vergesse ich völlig, was da alles auf mich einwirkt. Vor mir läuft eine Schauspielerin vor sich hin brabbelnd durch die Menge, hinter der Folienwand liest der Erzähler weiter seinen Text vor (hier sitzt also die sympathische Stimme von draußen), an der Wand eine große Projektion des Regisseurs Schorsch Kamerun, der einen Text in ein Mikrophon singt und dessen Stimme mir – durch die Box vor der ich stehe – in die Ohren dröhnt. Ich höre so viel und verstehe kein Wort. Immer mehr Schauspieler mischen sich in die Menge. Mir geht der Überblick verloren und plötzlich kann ich nicht mehr unterscheiden, wer zum Ensemble gehört und wer selbst nur unwissender Zuschauer ist. Blicke ich von meinem Notizblock auf, sehe ich mich musternde Augen: Die Leute versuchen zu erkennen, ob wir Schreiberlinge auch Teil der Vorstellung sind. Eventuell der klischeebehaftete Lokaljournalist, der hier auf systemkritische Weise inszeniert wird? Nein, ich bin genauso unwissend, wie ihr.

Hinter uns öffnen sich die großen Türen, immer mehr folgen dem Drang, in den nächsten Raum weiterzugehen. Einige bleiben stehen, hier gibt es keine klare Anweisung. Und das merkt man den verwirrten Gesichtern an. Die Projektion wechselt auf die Ansicht einer Überwachungskamera, die die austretenden Leute auf die Leinwand bringt. Ich glaube wir dürfen uns ab jetzt frei bewegen. Wir folgen der Masse.

Stickig, warm und überfüllt. Dieser Raum ist kleiner als der erste. Eine Bühne, ein Radio-Set, viel Technik. Der Thekenbereich erfüllt jetzt tatsächlich seinen ursprünglichen Zweck. Das kostenlose (?) Bier von vorher kostet nun 2,50€ – dabei fühle ich mich schon wohler und nehme einen kräftigen Schluck, während ich mich langsam durch die Menge schiebe. Hier gibt es Sitzmöglichkeiten. Doch wer sitzt dort? Von der Hitze müde Besucher oder Schauspieler, die Teil dieser Installation sind? Unmöglich das zu unterscheiden. Über eine Treppe kommen wir zu einer weiteren Szene: Junge Menschen im Bademantel auf Sonnenliegen starren ins Leere. Wie Tiere im Zoo lassen sie unsere Blicke über sich ergehen. Von irgendwo ist ein Schrei zu hören. Der perfekte Ort für einen Mord, denke ich, jeder würde es für Kunst halten. Als die Schauspieler in den großen Saal aufbrechen, folgen wir und machen uns einen Spaß daraus, die Leute zu verwirren, ob wir wohl auch zu diesem Zug aus grotesken Kostümen gehören. Die Normalos verkörpernd versteht sich.

An der Tür ist für mich erstmal Schluss: Keine Glasflaschen im großen Saal. Die Sicherheitsfrau deutet auf für diesen Fall bereitstehende 0,3 l Pappbecher. Blöd, dass ich hier einen halben Liter in der Hand halte. Also heißt es austrinken und abwarten. Langeweile kommt bei mir dennoch nicht auf, hier ist man immer mittendrin, überall passiert etwas. Es gibt nicht DIE Inszenierung. Langbärtig kostümierte Personen laufen starrend vorbei, die vom Beginn bekannte Schauspielerin eilt schreiend schimpfend von A nach B. Ich bin mir sicher, ich könnte in dem Moment alles tun, jeder würde dahinter einen künstlerischen Act vermuten.

Zum Schluss wird doch noch klassisch Theater gespielt. Wir setzen uns in eine Ecke auf den Boden und lauschen der Szene. Ein Roman des Schriftstellers Jörg Fauser wird von dem Komitee des Ingeborg-Bachmann-Preises – unter anderem Marcel Reich-Ranicki – als belletristische Unterhaltungsliteratur zerrissen. Und tatsächlich: Am Ende gibt es Applaus. Endlich weiß ich, wer Schauspieler ist und wer zum Publikum gehört…oder doch nicht?!


Nordlabor 2
Das glaubst du ja wohl selber nicht!
Musiktheatrale Versuchsreihe von und mit Schorsch Kamerun

Vom 6. Mai bis 4. Juni 2016 im Nord
Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: Julian Marbach

0 comments on “Gebloggt #17: Mittendrin bei Schorsch Kamerun – Das glaubst du ja wohl selbst nicht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: