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„Eine Komödie, drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte …“

„Eine Komödie, drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte …“ – Anton Tschechow

„Ich schreibe an einem Stück, das ich wahrscheinlich nicht vor November abschließen werde. Ich schreibe nicht ohne Vergnügen daran, obwohl ich mich schrecklich an den Bedingungen der Bühne vergehe. Eine Komödie, drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte, eine Landschaft (Blick auf einen See); viele Gespräche über die Literatur, wenig Handlung, ein Pud Liebe“, schreibt Tschechow 1885 über Die Möwe. Er untertreibt, denn es geht um weit mehr. Um die Frage, ob Kunst nicht die Welt verändern muss. In einem Reigen unerwiderter Liebe suchen, irren und hoffen Tschechows Figuren: Mascha, die den Lehrer Medwedenko heiraten könnte, liebt insgeheim Kostja, der Nina vergöttert, die ein Auge auf den berühmten Schriftsteller Trigorin geworfen hat, der eigentlich mit Kostjas Mutter Arkadina zusammen ist, aber letzten Endes vor allem eines liebt: wenn ihm jemand zu Füßen liegt. Neben dem Liebesreigen ist das Stück vom Vorabend der Revolution geprägt, was sich in der Möwe auch im Kontext von Literatur und Theater zeigt: Ein Spiel im Spiel steht am Anfang. Der junge Schriftsteller Kostja hat ein Stück für seine Liebe, die angehende Schauspielerin Nina geschrieben und lädt zur Uraufführung. Dass Nina die Hauptrolle spielt,könnte für Kostjas Mutter Arkadina schon Provokation genug sein, immerhin hält sie sich für die beste und einzig wahre Schauspielerin überhaupt. Doch Kostja setzt noch einen drauf – sein Stück fordert von Kunst und Theater neuen Mut und neue Formen – und scheitert kläglich. Es kommt nicht einmal zum Schlussapplaus und Arkadina vernichtet nicht nur ihren Sohn.

„Die Möwe handelt von Literaten und Schauspielerinnen, von ihrem Erfolg und ihrem Scheitern, im gleichen Maße aber auch von der Grenze, die den schöpferischen Künstler vom Mittelmaß bzw. vom Poseur, vom Künstlerimitator trennt. Dieses „Theater im Theater“ nach dem Vorbild von Shakespeares Hamlet thematisiert nicht nur den Generationenkonflikt, der sich zwischen etablierten Theatermachern, den Routiniers und „Realisten“, und den rebellierenden Dekadenten und Symbolisten abspielt, sondern antizipiert und problematisiert die Theatralisierung von Kunst und Lebensstil in der russischen Moderne.“ – Wolfgang Stephan Kissel

Banale, grobe und sinnlose Streitereien reihen sich in der Folge des zweiten Akts aneinander und entzaubern die Künstlerfamilie selbst in Ninas Augen. Der frustrierte Kostja legt ihr nach langem Schweigen eine Möwe zu Füßen, die er erschossen hat und droht, dass er sich bald ebenso erschießen würde. Nina wiederum erklärt Kostja, mit seinen Symbolen nichts anfangen zu können – und prompt werden beide von Kostjas verhasstem Widersacher Trigorin gestört, der in den beiden „ein Sujet für eine Erzählung“ wittert und dem Nina sofort verfallen ist.
Kostjas Selbstmordversuch steht am Anfang des 3. Aktes. Seine Mutter Arkadina redet ihrem Sohn die Forderung nach einem Duell aus, will aber unverzüglich mit ihrem Geliebten Trigorin abreisen. Dieser Abschied ist für Trigorin allerdings kein leichter, er versucht Arkadina klarzumachen, dass er sich in Nina verliebt hat. Arkadina inszeniert daraufhin nach allen Regeln der Kunst einen hysterischen Anfall und wirft sich Trigorin zu Füßen. Trigorin ergibt sich dieser Szene und reist ab – nicht ohne sich Nina als Geliebte „zu sichern“.
Zwischen dem dritten und vierten Akt vergehen zwei Jahre, die die Figuren einander nicht näher gebracht haben. Im Gegenteil: Nina hatte ein Verhältnis mit Trigorin, der sie aber zugunsten von Arkadina wieder verlassen hat – nicht ohne sich über Ninas Schauspielkunst lustig zu machen und sie mit dem gemeinsamen Kind allein zu lassen. Kostja ist zwar Schriftsteller geworden, doch  seinen Glauben an die Kunst, an neue Formen, hat er verloren. Seine Liebe Nina ist ihm entglitten. Arkadina hingegen gefällt sich weiterhin darin, geschmeichelt zu werden, hat aber selbst von ihrem Sohn nicht eine Zeile gelesen. Die sich wiederholende und selbst bespiegelnde Eitelkeit wird zur Farce, in der Kostjas Selbstmord geradezu untergeht.

„Eine Komödie, drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte …“ ist ein ist ein Originalbeitrag von Katrin Spira für das Programmheft zur Inszenierung Die Möwe.


Die Möwe
von Anton Tschechow
Regie: Martin Laberenz
Mit: Cristin König, Manolo Bertling, Peter René Lüdicke, Svenja Liesau, Robert Kuchenbuch, Abak Safaei-Rad, Caroline Junghanns, Manuel Harder, Paul Grill, Christian Schneeweiß, Friederike Bernhardt, Niklas Kraft

Zum letzten Mal am 13. und 26. Mai, 2. und 12. Juni 2016 im Schauspielhaus

Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: Birgit Hupfeld

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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