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Universen aus Fusch=Werk: Prospero und Setebos

Im Jahr 1864 veröffentlichte der englische Schriftsteller Robert Browning ein Gedicht, in dem Shakespeares „wilder und missgestalteter Sklave“ Caliban über seinen Gott nachdenkt. Dieser Gott der Insel trägt bereits bei Shakespeare einen Namen: Setebos. In 250 Verszeilen beschreibt Caliban den Erschaffer seiner Welt als unberechenbar und böse. Neidisch und grausam – so stellt Caliban sich vor – regiert Setebos über eine misslungene Schöpfung. Aus reiner Willkür habe er die Erde erschaffen – als „bauble-world“, als eine Lappalie ohne Sinn. Und nur wer selbst unglücklich sei, entgehe den Strafen des gescheiterten Gotts.

Das düstere Bild, das Browning im Gedicht Caliban upon Setebos entwirft, scheint auf den ersten Blick wenig gemein zu haben mit der Vorlage, dem letzten von William Shakespeare eigenständig verfassten Stück Der Sturm. Im Gegenteil galt The Tempest den Zeitgenossen als Komödie. In der First Folio, der ersten Shakespeare- Gesamtausgabe, erhielt das Stück im Jahr 1623 einen Ehrenplatz: es führte die Reihe der 36 Dramen an – unter der unmissverständlichen Überschrift „comedies“. Das Stück galt als Vermächtnis des Autors, als persönliches Testament, in das Shakespeare am Ende seines Schriftstellerlebens die ganze Weisheit seines Schaffens gegossen hatte. Wie sein Hauptheld Prospero schaut er mild und versöhnlich zurück auf die vergangenen Jahrzehnte, auf seine Konkurrenten und Zeitgenossen, auf sein Leben, auf sich selbst – so die über Jahrhunderte dominierende Lesart.
In der Tat kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als habe Shakespeare in Der Sturm viele Stücke statt eines einzigen geschrieben: eine Adelskomödie, ein derbes Volksstück und daneben, darüber oder darunter die Tragödie einer Insel und eines Lebens. Viele Prototypen seines Gesamtwerks finden sich auf Prosperos Insel wieder: Herrscher und Sklaven, Menschen und Geister, Narren ebenso wie Tyrannen und Brudermörder.

Bereits die erste Szene nach dem Schiffbruch, der das Stück in Gang setzt, erzählt von einem solchen Mordanschlag, von der gewaltsamen Absetzung Prosperos und vom gescheiterten Versuch, ihn selbst mit seiner kleinen Tochter Miranda im Meer zu ersäufen. Fast jede weitere Szene birgt neue Attentatspläne. Kaum auf der Insel gelandet, beschließen Antonio und Sebastian den ebenfalls gestrandeten König von Neapel zu erdolchen, samt seines Ratsherrn Gonzalo. Auch auf der untersten sozialen Stufe des Stücks, bei den Säufern Trinculo und Stephano, gebiert der Wein „blutige Gedanken“: aus der Liste möglicher Todesarten wählen sie die blutigste und beschließen, dem Herrn der Insel während seines Mittagsschlafs einen Nagel durch den Kopf zu schlagen.
Nicht zuletzt hat die Insel selbst eine blutige Geschichte. Prospero, der von seiner Heimat enttäuschte Europäer, war mit einer Vision in die neue Welt gekommen: mit dem Traum, eine andere Gesellschaft zu errichten – anders als diejenige, aus der er verstoßen worden war. Auch dieser Aussteigertraum ist längst zerbrochen: die ehemaligen Bewohner der Insel sind tot oder geknechtet. Prospero regiert als unberechenbarer Tyrann mit Hilfe von Ariel und mit ausgesuchten Foltermethoden über seinen als „Dreck“ und „Missgeburt“ betitelten Sklaven Caliban. Dessen Mutter, die ehemalige Inselherrscherin Sycorax, ist dämonisiert als Hexenweib. Der Philosophenkönig und Büchermensch, der Prospero einst war, steht vor den Trümmern seiner zivilisatorischen Pläne. Wohin er auch schaut auf seiner Insel: die Asche von alten Bränden liegt über den kümmerlichen Resten einer indigenen Gesellschaft. Wie schwer es ist, ein gerechter Gott zu sein, hat er am eigenen Leib erfahren. Wie Setebos blickt er gescheitert auf seine misslungene Schöpfung. „Natürlich gab’s auch ab & an ne gelungene Stelle im Universum; aber die Mehrzahl der Produkte von sete Boss war Fusch=Werk“, schreibt Arno Schmidt in der genau einhundert Jahre nach Robert Brownings Gedicht entstandenen Erzählung Caliban über Setebos.

Am Ende des Stücks steht der Versuch der Versöhnung. Die Gruppe der italienischen Adligen, die Gruppe der beiden Trinker und Prospero selbst: sie alle sind auf die Insel gekommen, um zu morden – zumindest in Gedanken. Nun verleben sie einen letzten gemeinsamen Abend. Dann fahren sie heim in die Alte Welt, im Wissen darum, dass es ihnen nicht gelungen ist, eine Neue zu erschaffen. Das Meer ist still, der Wind gewogen, die Überfahrt schnell. Sie alle, besonders aber Prospero, haben die bittere Erfahrung im Gepäck, dass ihre Zeit auf der Insel, die Begegnung zwischen Europa und dem Fremden, eine Geschichte des Scheiterns ist. Was sie erschaffen haben und nun zurücklassen, sind Welten des Setebos, sind Universen aus „Fusch=Werk“. Shakespeare schrieb im Zeitalter der Entdeckungen über eine auch heute bittere Erkenntnis.
Als Claude Lévi-Strauss im Alter von beinahe 90 Jahren nach seinen verbleibenden Wünschen gefragt wurde, antwortete der größte Ethnologe des 20. Jahrhunderts: „Es ist fast schmerzhaft für mich zu wissen, dass ich nie wirklich herausfinden kann, wie die Materie beschaffen ist oder die Struktur des Universums. Das hätte es für mich bedeutet, mit einem Vogel sprechen zu können. Diese Grenze zu überschreiten, wäre für mich das größte Glück. Wenn Sie mir eine Fee bringen würden, die mir einen Wunsch erfüllt, dann würde ich diesen nennen.“

Universen aus Fusch=Werk: Prospero und Setebos ist ein Originalbeitrag von Bernd Isele für das Programmheft zur Inszenierung Der Sturm


Der Sturm
von William Shakespeare
Regie: Armin Petras
Mit: Robert Kuchenbuch, Manja Kuhl, Manuel Harder, Abak Safaei-Rad, Manolo Bertling, Thomas Halle, Sandra Gerling, Horst Kotterba, Peter René Lüdicke, Julischka Eichel, Paul Grill, Stitch

Weitere Informationen und Karten hier

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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