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Peer Gynt: Ich ist ein anderer

Peer Gynt ist nicht für die Bühne geschrieben. Henrik Ibsen verfasst den Text, wie der Untertitel verrät, als „ein dramatisches Gedicht“. Erst der Erfolg dieser Lesefassung veranlasst den Autor, eine Bühnenbearbeitung zu erstellen. Er nimmt Kürzungen vor und fragt den jungen Komponisten Edvard Grieg, ob er „die nötige Musik dazu komponieren“ wolle. Doch was zunächst als glückhafte Konstellation erscheint, entpuppt sich bald als Missverständnis. Grieg kämpft mit den „fürchterlich widerspenstigen Themen“ der Vorlage; die Arbeit an der Bühnenmusik verzögert sich.

Gedankenreisen

Erst am 24. Februar 1876, neun Jahre nach der Fertigstellung des Gedichts, findet in Christiania, dem heutigen Oslo, die Uraufführung statt. Sie verläuft erfolgreich, die Fragen aber bleiben: Ibsens Text ist in metrischer Form verfasst und nimmt (ebenso wie die kongeniale Übersetzung durch Christian Morgenstern) statt auf naturalistischen Sprachduktus auf ein Reimschema Rücksicht, von dem sich der Autor nach der Abfassung des Peer Gynt für immer verabschiedet. Fortan sollte keine seiner Dramenfiguren – wie Ibsen selbst schreibt – „durch ein Versmaß vermischt und verwischt werden“. Hinzu kommt, dass Ibsens Bühnenfassung keine Zugeständnisse an eine szenische Umsetzung macht. „Kann man auf der Bühne einen Mann darstellen, der mit einem Schmelzlöffel herumläuft?“, fragt Ibsen einen dänischen Dichterkollegen. „Ja, warum nicht?“ „Es müsste ein großer Schmelzlöffel sein – einer, mit dem man Menschen umgießen kann.“So springt der Text durch alle Lebensalter, Orte und Ebenen schriftstellerischer Fantasie. Sein eigentliches Thema ist das Erzählen, nicht der Gehalt der Geschichten. Gerade die berühmtesten Episoden des Stücks – der Bocksritt über den Gendingrat oder die Schlittenfahrt mit der sterbenden Mutter – sind keine Szenen sondern Geschichten: Gedankenreisen, erzählt von Peer Gynt, geschrieben für die Imaginationskraft des Lesers, Hörers oder Zuschauers.
Mehr als der Inhalt seiner Geschichten ist es deshalb der Vorgang des Erzählens an sich, der Peer Gynt zu einer Theaterfigur macht. Seine Lügenmärchen brauchen das Publikum: Peer erzählt der Mutter Geschichten, um das ärmliche Zuhause in einen Palast der Fantasie zu verwandeln; er tischt der Hochzeitsgesellschaft Abenteuer auf, um der sozialen Ausgrenzung zu entfliehen; er erzählt seiner Solvejg Geschichten, seiner Trollbraut, sich selbst, seinen Reisebekanntschaften und dem Tod. Dabei ist ihm jedes Mittel Recht: Die himmlischen Heerscharen ruft er ebenso herbei wie den Teufel und den Kaiser von Engelland. Gegen das Leben und das Sterben, gegen das Vergessen und gegen das Erinnern setzt Peer Gynt das Spiel mit den realen und fiktiven Möglichkeiten eigener Existenz.

Das Spiel der Möglichkeiten

Der vierte Akt – der einzige, der nicht in Ibsens Heimat Norwegen spielt – zeigt Gynt auf seiner Reise um die Welt. Der Akt ist reich an zeitpolitischen Anspielungen, die längst historisch und heute unverständlich sind. Ibsen befindet sich, als er Peer Gynt verfasst, im selbstgewählten Exil in Italien. Gynts Flucht – hinaus aus der Märchen- und Sagenwelt Norwegens und hinein in die Welt und ins Heute – ist auch die Flucht von Henrik Ibsen selbst. Er schickt den Lügner, Betrüger, Geschichtenerfinder, Sinnsucher, Brauträuber, Frauenaufreißer und -wegschmeißer, Sklaven- und Waffenhändler durch afrikanische Wüsten, ägyptische Irrenhäuser und nordische Meere. Erst im fünften Akt – in den buchstäblich letzten Versen eines auf zweihundert Seiten entfalteten Lebens – wendet sich für den unsteten Sinnsucher das Blatt. Peer Gynt beginnt damit, sich selbst zu häuten, zu schälen, Schicht um Schicht abzulegen, bis er sich im Nichts auflöst. Dann führt die Dichterfantasie Henrik Ibsens Peer Gynt zur Hütte Solvejgs.
Besonders dieses Ende von Peer Gynt hat bereits die Zeitgenossen herausgefordert. Frühe Frauenrechtlerinnen wie Camilla Colett hielten die Figur der Solvejg, die ein Leben lang nichts für sich, alles für Peer Gynt will und ihn, „nachdem er seiner Unersättlichkeit müde geworden ist“, hoch droben in ihrer Fjordhütte in ihrem Schoß birgt, für eine ausgemachte Männerfantasie. Auch Clemens Petersen, der für Henrik Ibsen wichtigste Literaturkritiker seiner Zeit, fand deutliche Worte: Die Volte, die der Autor am Ende vollziehe, sei als Gedanke „zwar blendend, aber nicht aufklärend“, die von Ibsen formulierte Lösung gebe dem „Buch in seiner Gesamtsicht“ keinen befriedigenden Schluss: der Peer des Endes sei nur zu einem gewissen Teil der Peer des ganzen Stücks. In der Tat weicht die Kraft der Fülle, das flirrende Spiel mit den Möglichkeiten mit der Rückkehr zu Solvejg dem einen, reinen Moment.

Sei du selbst

Dass das Stück mehrere „Peers“ statt einem (oder mehrere in einem einzigen) enthält, dürfte Ibsen selbst bewusst gewesen sein. Für die beiden Herzen, die in Peer Gynts Brust schlagen, findet er zwei Formeln, die das Stück wie einen roten Faden durchziehen – dabei allerdings merkwürdig vage bleiben. Die erste dieser Formeln ist das Trollmotto: „Troll, sei dir selbst genug“. Die andere ist die Formel für ein gelungenes Menschenleben: „Mensch, sei du“. Henrik Ibsen lässt Peer Gynt ein Leben lang nach dem Motto der Trolle handeln: Dieser Gynt, der „sich selbst genug“ ist, löst sich aus allen Abhängigkeiten und macht sich frei – in seinen Erkenntnismöglichkeiten ebenso wie in seiner Gier nach Genuss: er ist der autonome Mensch der Moderne, der sich – wie Goethes Faust – auf „seine eigenen Kräfte“ verlässt: „sich selbst genug ist“. Er ist der Mensch des Fortschritts, der Suche, der Karriere, der Selbstverwirklichung, des Glaubens an sich selbst. Gegen dieses Leben der Trolle stellt Ibsen das Menschenmotto, das er seinem Helden ein Bühnenleben lang als Ideal vor Augen hält: „Sei du selbst“. Für Peer Gynt (und für den Leser) bleibt dieser Leitspruch nebulös bis zum Ende: „Was ist dieses ‚sei du du selbst‘ im Grunde?“, fragt Gynt noch mitten im fünften Akt – und kann mit der Antwort wenig anfangen. Erst ganz am Ende ahnt er, was „du selbst sein“ bedeuten könnte: Solvejg sitzt, wartet und ruht in der Erinnerung, in der Natur, in sich selbst und im Glauben an ihre Bestimmung: in dem für Gynt so fernen, romantischen Märchenland zweckfreier Liebe. Für beide Gynts, für den Liebenden und für den ziellosen Sinnsucher, hat Henrik Ibsen einen Stückschluss geschrieben. Der eine Peer (derjenige, mit dem die zeitgenössischen Kritiker so hart ins Gericht gingen), darf bleiben und überdauern. Er kehrt zu Solvejg zurück und findet bei ihr Ziel, Sinn und Bestimmung. Der andere (der Gynt, mit dem der Leser durch ein ganzes Leben gegangen ist) verschwindet im Nichts: „Hinauf will ich, hoch, wo die Gipfel blauen“, ruft er bei seinem Gang durch die Berge aus. „Einmal die Sonne noch aufgehen schauen, / Starren mich müd‘ aufs gelobte Land, / In einem Schneesturz mein Ruhbett haben; / Man mag drüber schreiben: ‚Hier ist niemand begraben‘ “.

Ich ist ein anderer ist ein Originalbeitrag von Bernd Isele für das Programmheft zur Inszenierung Peer Gynt.


Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Regie: Christopher Rüping
Besetzung: Caroline Junghanns, Svenja Liesau, Edgar Selge, Nathalie Thiede, Birgit Unterweger, Julischka Eichel, Herrenchor

Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: Conny Mirbach

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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