Gebloggt

Gebloggt #16: Orest. Elektra. Frauen von Troja

„Hass soll Hass tilgen/Blutige Schläge den blutigen Schlag“

Wer geht schon allein ins Theater? Weiterempfehlen kann ich es nicht. Nur vom Getränk in der Senkrechten gehalten steht man herum wie auf einer Party, wo alle sich lieben, nur man selbst niemand kennt. Fremde Stimmen verschmelzen zu Stimmengewirr, das wie ein Sprechchor klingt, dessen Sprache man nicht versteht. Mit wem lacht man über den alten Mann, dem seine Frau Rotwein ins Hemd schüttet? Wen textet man zu mit Ideen? Wohin mit Euphorie und Beklemmung? Die Menschen in der S-Bahn sind wenig erfreut. Wobei, es gibt Notizblöcke und Tastaturen, die geduldiger sind als Menschen, jeden Blödsinn verzeihen. Eigentlich die besseren Menschen. 

Die aufkommende Demokratiediskussion in unserer Gesellschaft habe ihn am antiken Orest gereizt, sagt John von Düffel. Wie die Verbindung von Demokratie und Theater in der Antike war, als beide zeitgleich erfunden wurden, habe er herausfinden wollen. Im Foyer des Schauspielhauses sehe ich mich um: Sind es „nur“ Bürger im Sinne der Polis, denkende, selbstbestimmte Individuen und kleinste Einheit des Staates – oder sind auch Politiker im engeren Sinne anwesend? Ich erkenne keine, aber sie bevorzugen, wie ich hörte, die Oper.

Im wunderschön gestalteten Programmheft stoße ich auf einen Nietzsche-Text: Das Pathos der Wahrheit, die „schwärmerischer Wahn eines Gottes“ genannt wird. Sind wir Menschen nur erkennende „Thiere“? Doch dann hätten wir nur die Wahrheit, ewig zur Unwahrheit verdammt zu sein, weil unsere Zeit auf der Erde, ja die Zeit der Erde selbst, zu kurz bemessen ist. Stattdessen – die Kunst. „Die Kunst ist mächtiger als die Erkenntniß, denn sie will das Leben, und jene erreicht als letztes Ziel nur – Vernichtung.“ Schreibt Nietzsche. Wundervoll. Es ist 19:28. Parkett, links. 

Der Vorhang ist geschlossen. Es wird dunkel, es wird ernst. Kurz nachgedacht, wie war das noch? Agamemnon tötet Hirschkuh von Artemis. Artemis fordert Iphigenies Tod. Klytemnestra – die meine Autokorrektur ernsthaft zu kostenneutral ummodeln will! – ihre Mutter, rächt Iphigenie. Sohn Orest rächt – von Schwester Elektra angestachelt – durch Muttermord den Vatermord. Und theoretisch kommen hier die Erynnen ins Spiel, Rachegeister, die Orest für den Muttermord verfolgen und vor denen Athene Orest beschützt, Mutter- gegen Vatermord abwägend, sich für das Patriarchat entscheidend, dessen Zeit nun anbricht. Doch das wird heute Abend anders werden.

Zunächst einmal geht es um einen Krieg, der gerade vorbei ist. Die Beute wird verteilt, Ex-Königin und Neusklavin Hekabe wird verschleppt, ebenso ihre überlebenden Kinder, von denen sie getrennt wird. Kassandra, die die Zukunft kennt, aber nie gehört wird, geht mit Agamemnon nach Argos. Hier wird der Kriegsherr ermordet, im Bad, und auch seine unfreiwillige Geliebte Kassandra stirbt, nicht ohne beide Tode vorausgesehen zu haben. Die Bühne ist als antikes Theater mit einem Mast in der Mitte gestaltet, ansonsten karg und in eine Schieflage geraten wie die ganze friedlose Welt der griechischen Mythologie. Astrid Meyerfeld und Svenja Liesau als Mutter Hekabe und Tochter Kassandra speien in beunruhigend gelbstichigem Licht ihre bitteren Sätze heraus, dass einem Angst und Bange werden kann. Gerade durch die karge Umgebung gewinnt das Spiel umso größere Kraft: Es schmerzt, diesem Schmerz zuzusehen und zuzuhören, weil nichts davon ablenken kann, keine bunten Kostüme, kein opulentes Bühnenbild, keine Musik. Die Leistung aller Darstellerinnen ist enorm. Die Textmasse und die Tatsache, dass wenig da ist, was von Fehlern ablenken könnte, bewältigen sie ohne sichtbare Schwierigkeiten – und zwar so, dass es wehtut, wenn man sich wirklich darauf konzentriert. Davon lebt die Inszenierung: den Darstellerinnen und der tragischen Geschichte den Raum zu geben, sich voll zu entfalten.

Dieses Prinzip funktioniert für mich gut. Es tut weh, es lässt die Welt verschwinden. Doch es ergibt sich ein Problem: Diese Einfühlung lässt sich nicht ohne Weiteres über fast drei Stunden halten oder steigern. Es entstehen Lücken, wenn die Einfühlung bricht, und das muss sie über die lange Zeit, bei so verhältnismäßig wenig Abwechslung, kaum Musik, kaum Humor oder Spezialeffekte. So vergibt die Inszenierung ungewollt Chancen – könnte im Teaser einer Kritik der Tageszeitung stehen. Oder ist nicht genau das ihr Kalkül? Sagt sie uns nicht: Mensch, wenn du dich nicht verlieren kannst in der Kunst, dann ist die Welt sehr leer und abweisend – und auch langweilig! Es bedarf nicht der Erkenntnis, sondern der Kunst. Jenseits des Pathos der Wahrheit. Könnte man also sagen. Erkenntnis – egal! Kunst, rein, pur. Die unbändige Gewalt des Stoffes und der Bilder und der Darstellerinnen – und wer damit nicht klarkommt, hat eben Pech gehabt. So vielleicht.

Pause. Halbzeit. Ein Bier, bitte. Was für eins, wir haben noch Wulle, Augustiner und, äh. Augustiner, bitte. Gern, oh, ist jetzt aber doch Chiemseer Lager. Wunderbar! Ich beobachte und belausche die denkenden Polisbewohner*innen. „Wie isches?“ – „Ah, I bin miad wie dr Deifel!“ Verstehe. Los, halt dich fest am Getränk. Wirke heiter. Stehe senkrecht. Ein Mann, der alt aussieht und schon ein bisschen verwest, wahrscheinlichst ist er ein berühmter Schriftsteller, steht auch allein. Ich hätte ihn kennenlernen können.

Nach der Pause ist es sichtbar leerer geworden. Elektra (Anja Schneider) und Orest (Sandra Gerling), dieses hellhäutige, blonde, ausschließlich Schwarz tragende Geschwisterpaar, wird vereint. Die Rache beginnt. Aigisthos (Birgit Unterweger), der den Handel dem Krieg vorzieht, kommt als Erster unter die Axt. Klytemnestra droht Orest mit ihrer eigenen Axt, die schon Agamemnon kennenlernen musste. Doch weder das noch gutes Zureden retten sie. Für die Zuschauer nicht zu sehen, aber umso mehr zu hören – als Kakaphonie tierähnlichen Gebrülls und Gestöhnes – stirbt sie. Mama ist tot. Glückwunsch. Obwohl von Elektra beschworen, stellt sich kein Triumph ein. „Ich habs getan“, murmelt Orest, nicht enthusiastisch, vielmehr traumatisiert, verloren. Die Geschwister reichen einander die bleichen, blutigen Hände. Vor kurzem noch tobten sie in kindliche Unbeschwertheit herum. Nun beschließt eine Stadt mündiger Bürger demokratisch ihren Tod.

Die Liebe zwischen Hermione und Orest scheint gegen Ende unter anderem eingeführt zu werden, um die Ermordung Hermiones – Menelaos soll damit verletzt werden, nachdem Orest es nicht fertigbringt, Helena (Birgit Unterweger) zu ermorden – durch den selber todgeweihten Orest noch tragischer wirken zu lassen. Ungeachtet dessen ist es ein schmerzhaftes Ende. Hermione wird in einem Eimer ertränkt. Lange schaut man ihrem Zappeln zu. Wartet, dass es vorbei ist. Wartet. Es gibt keine Erlösung in diesem Drama. Nur Gewalt und Leere.

So lässt mich das Ende zwar verängstigt und verunsichert zurück, entspricht aber gerade in seiner Verweigerung von Hoffnung oder einer positiven Auflösung dem Vorangegangenen. Keine Vergebung. Keine Athene. Kein Gericht. Kein Recht. „Hass soll Hass tilgen/Blutige Schläge den blutigen Schlag“, fordert Elektra – und es klingt wie ein polemologischer Kommentar zu unserer Gegenwart und zu jeder.

Da bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen, wie gerne ich drei wildgewordene Erynnen gesehen hätte, die über Orest herfallen, und von Astrid Meyerfeld als Athene in die Schranken verwiesen werden.. Wer weiß. Nächstes Mal vielleicht.


Orest. Elektra. Frauen von Troja
nach Euripides, Sophokles und Aischylos
In einer Bearbeitung von John von Düffel
Stuttgarter Fassung von Stephan Kimmig

Regie: Stephan Kimmig
Besetzung: Sandra Gerling, Svenja Liesau, Astrid Meyerfeldt, Anja Schneider und Birgit Unterweger
Weitere Informationen und Karten …hier

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