Gebloggt

Gebloggt #15: Vom Schließen der ironischen Hintertür

Simon Solbergs Inszenierung von „Die Leiden des jungen Werther“ bildet den Wandel von Dauerironie zu Postironie ab.

Ich erinnere mich noch verschwommen an ein Sams-Hörspiel (vielleicht war es auch eine andere Kinderhörspielreihe), in der eine Figur beschrieben wurde mit „bei ihr wusste man manchmal wirklich nicht, was sie ernst meinte und was nicht“. Falls meine ganze Generation so sozialisiert wurde, ist es nicht verwunderlich, dass „was von gleich mehreren jüngeren Generationen aus den Zehner-Jahren hängenzubleiben droht, (…) bestenfalls der Unwille, schlechtestenfalls die Unfähigkeit [ist], unironisch zu sprechen, zu handeln, zu sein.“ , wie Tobias Jochheim auf  RP-Online schreibt.

Beispiele dafür gibt es zuhauf in den letzten Jahren, und auch außerhalb der „jüngeren Generationen der Zehner-Jahre“. Peer Steinbrücks Mittelfinger, alljährlich die ironische Besprechung des Dschungelcamps in den Onlineauftritten vieler großer Zeitungen, Kalauerwettstreite auf Twitter, die viel beschriebene Hipsterkultur, die angeblich nur noch ironisch konsumiert, spricht und denkt. Um nur einige zu nennen.

„Ironie“, erklärt der als Moderator mit „feiger Ironiefassade“ (Der Standard) kritisierte Jan Böhmermann im Stern, „dient dazu, Dinge, die einem zu sehr zu Herzen gehen würden, von sich fern zu halten, um sich Zeit mit der Verarbeitung zu nehmen.“ Ironie demnach als Vorstufe zum Ernst, ein Mittel zum Zweck grundlegender Auseinandersetzung. Aber seit einigen Jahren wird analysiert und beklagt, die Ironie habe diesen Zweck verloren und sich verselbstständigt. Neben dem eingangs zitierten Tobias Jochhelm fordert auch die Princeton-Professorin Christy Wampole bei aller Unterstützung zur Ironie beispielsweise als Mittel der Satire im Deutschlandfunk „dass wir uns alle ein bisschen Zeit nehmen, uns überprüfen und darüber nachdenken, ob wir in unserem täglichen Leben vielleicht zu sehr auf Ironie setzen. (…)Wir merken ja gar nicht mehr, dass Ironie alles durchdringt.“

Diese Durchdringung hält ständig eine Hintertür offen, eine Möglichkeit, Kritik auszuweichen mit dem Verweis darauf, alles sei ja gar nicht ernst gemeint. Tobias Jochhelm bezeichnet das polemisch als „Maximum des Opportunismus“. Immer wieder wird in dieser schon Jahre andauernde Debatte permanente Ironie auch als Weigerung, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen dargestellt. Der dauerironische Sprecher hebt sich selbst auf eine andere Ebene als die Dinge, die er wahrnimmt und beschreibt, hält ständig Distanz zu sich selbst und zur Realität.

Dieser Diskurs ist nicht neu. Schon 2003 beklagt Zoe Williams im „Guardian“, dass alles ironisch sei. Tatsächlich scheint es, als würde mehr über das Problem der Ironie, ihre Vorherrschaft und vermeintlich notwendige Überwindung geschrieben als tatsächlich ironisch gesprochen. In den meisten Artikeln wird jedoch darauf hingewiesen, dass Dauerironie, die ständige Distanz als Grundhaltung, kritisiert wird und nicht die Ironie an sich, beispielsweise als Mittel der Satire.

Dieses Problem der Überironisierung aber kennt auch das Theater. In Simon Solbergs Inszenierung der „Leiden des jungen Werther“ steht leicht zu übersehen in der Ecke einer bekritzelten Kulisse „Post-Irony means creative freedom“. (Eine ausführlichere Besprechung der Inszenierung von Philipp Neudert …hier) Es handelt sich dabei um ein abgewandeltes Zitat aus dem „post-ironic manifesto“ des Künstlerduos Com&Com, das 2009 zum „Jahr der Postironie“ ausrief. Den Begriff der „Postironie“ definieren die beiden in vielen Disziplinen arbeitenden Künstler Johannes M. Hedinger und Marcus Gossolt von Com&Com als Abkehr von Ironie, die nur „zum Lebensstil überhöhte Unzufriedenheit“ sei. Stattdessen fordern sie auf, durch ernsthaften Umgang mit alltäglicher „Magie und Schönheit“ zur Wahrheit zu gelangen [1]. Dass dies zunächst ironisch klingt, beweist eines der Probleme, die das Manifest aufzeigen soll: Ironie reproduziert sich selbst. Einmal angefangen, lässt sich aus der Dauerironie nur schwer wieder ausbrechen – denn jeder Ausbruch könnte ja selbst wieder ironisch sein.

Da der Gegensatz des indirekten ironischen Sprechens ein direktes, unverstelltes ist, bietet sich die Epoche des Sturm und Drang für die Auseinandersetzung mit ernstgemeintem Pathos, mit großen Gefühlen an. Diese Gegenbewegung zur distanziert-rationalen Aufklärung forderte Echtheit der Emotion und eine ausdrucksstarke, gern auch pathetische Sprache. Gewisse Parallelen zur Postironie sind also erkennbar, die sich ebenfalls mit echten Gefühlen in einer teils pathetischen Sprache (wie schon das Postironische Manifest zeigt) auseinandersetzt. Wenn er wirklich mit der Postironie sympathisiert, wie das Zitat auf der Kulisse nahelegt, ist es daher nicht verwunderlich, dass Simon Solberg zum wiederholten Mal ein Stück aus dieser Epoche auf die Bühne bringt.

Seine Inszenierung bildet den (idealisierten) Wandel von übermäßiger Ironie zu Postironie ab. Die Sterbeszene Werthers, die einmal am Anfang und einmal am Ende des Stücks gespielt wird, zeigt diesen Kontrast. Die erste Darstellung des Suizids findet noch in einem Büro der Gegenwart statt, in dem Büroangestellte (Darsteller: Ole Lagerpusch, Julischka Eichel, Gunnar Teuber, Hanna Plaß, Matti Krause, Emma Oberpaur) mit verstaubten, feinsäuberlich etikettierten Requisiten einen ironischen Klamauk veranstalten. Grimassierend, mit absurden Geräuschen und akrobatischen Einlagen wird die in der Romanvorlage sehr bedrückende Szene der Lächerlichkeit preisgegeben. Im Lauf der Inszenierung wird die dadurch aufgebaute Distanz der Schauspieler und damit auch des Publikums zu den Figuren und ihren Emotionen immer kleiner. Zwar gibt es immer noch lustige Momente, maßgeblich ausgelöst durch die Szene kommentierende Anklänge an die verschiedensten bekannten Melodien (Livemusik: Sven Kaiser), aber die Spielweise der Schauspieler wandelt sich von der Persiflage zu ernsthafter Verkörperung der Figuren. Gänzlich ohne Ironie wird Kritik an Egoismus und Geldgier geübt, und die Bilder, die Solberg findet, sind teils recht pathetisch: Werthers Herz beispielsweise wird durch ein in rot gekleidetes Kind dargestellt, das als Werther vollends in Depression versinkt tot von der Bühne getragen wird.

Werthers zweite Sterbeszene an diesem Abend ist schließlich ebenso ernst gemeint wie die der Romanvorlage. Ohne Slapstick und Grimassen wird  der Tod des Protagonisten dargestellt, wiederum in einem ausdrucksstarken Bild nahe am Pathos: Werther geht durch die Seitentür des Theatersaals in strahlendes Licht. Und diese Überhöhung bringt niemanden im Publikum zum Lachen. Die gefühlskalten Büromenschen vom Anfang des Stücks und das Publikum, das die ironischen Einlagen am Anfang des Stücks noch mit Gelächter und Szenenapplaus honorierte, sind also doch zu echten, unverstellten Gefühlen fähig, zum Leiden und Mitleiden. Dem Zuschauer werden also beide Systeme, das der ständigen Ironie und das der Postironie, vorgeführt. Und nicht nur wegen der prominenteren Stellung am Schluss des Stücks, sondern auch wegen der mitreißenderen emotionalen Wirkung bleibt die Postironie als die beeindruckendere, ehrlichere Haltung im Gedächtnis.

[1] Der Einfachheit halber gehe ich im Folgenden von der Definition der „Postironie“ von Com&Com aus, um die Bewertung der unzähligen, teils sehr schwammigen Definitionen des Begriffs zu umgehen, die den Rahmen sprengen würden. Dies soll allerdings nicht den Eindruck erwecken, es gäbe einen allgemein anerkannten Begriff, unter dem sich alle, die sich als Gegner übermäßiger Ironie oder teils auch der Ironie an sich verstehen, vereinigen.


Die Leiden des jungen Werther
nach dem Briefroman von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Simon Solberg
Mit: Ole Lagerpusch, Julischka Eichel, Gunnar Teuber, Hanna Plaß, Matti Krause, Sven Kaiser, Emma Oberpaur/ Anna Gesche

Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: JU_OSTKREUZ

0 Kommentare zu “Gebloggt #15: Vom Schließen der ironischen Hintertür

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: