Gebloggt

Gebloggt #14: Raus aus dem Universum der Mülleimer und Papierschnitzel

Ein wilder Spaziergang durch einen wilden Abend.

Es ist ernst und aktuell. Es macht Spaß. Es ist vielfältiger, vielschichtiger, als auf so beschränktem Platz zu beschreiben, bei einmaligem Sehen zu begreifen wäre; dem Vergnügen tut das keinen Abbruch. Die Leiden der jungen Werther, inszeniert von Simon Solberg.

Der Realitätsflüchtling

Im Zentrum: Werther. Jung, männlich, mehr schlecht als recht in bürgerliche Aufnahme-Gesellschaft und Arbeitsunleben integriert; wiederholt unangenehm aufgefallen als peinlich berührend, exzentrisch, Schwärmer und Realitätsflüchtling; gestrandet an den Ufern Homers und Lessings – Einen russischen Geistesverwandten vorwegnehmend, hätte Goethe seinen Werther auch Der Idiot nennen können. Stattdessen: Die Leiden des jungen Werther, ein Titel, der mindestens so sehr wie die Person Werther dessen Leiden in den Fokus rückt, ja Leid überhaupt.

Die Leiden

Was ist es, das Leiden? Das Nichteintreten des Gewollten und das Eintreten des Nicht-Gewollten, vielleicht. Wollen, Wille, Wünsche, Sehnsucht, Angst, sie spielen ihre Rollen auf der Bühne der menschlichen Innen- und Außenwelt: Über materielle Bedürfnisse hinaus verfügen wir über Lücken, die zu füllen sind, nur womit: der Wunsch nach Wärme, Nähe, Liebe, Sinn. Grundsätzlich längst bekannt, stellen uns diese Sehnsüchte im Konkreten doch vor immense Schwierigkeiten, immer wieder neu: Was will ich wirklich – und was sind nur erlernte Bedürfnisse, künstliche, durch massenmediale Ikonen ins Unterbewusstsein geträufelt; nur donnernde Imperative (anders als zu Werthers Zeit) anonymer, doch nicht minder schrecklicher Gewalt, die gehorsamst zu befolgen sind? Für uns wie für Werther eine Gratwanderung, ein diffiziles Spiel.

Unerfüllbare Bedürfnisse

Werther hat es gelernt – und hat nichts davon: Die erlernten Bedürfnisse nach Hab und Gut und Rang und Namen weist er von sich; stattdessen sehnt er sich nach Echtheit: des Erlebnis, der Gefühle, der Liebe; einer Liebe, die nicht auf Besitzverhältnissen basiert; ferner nach der Schönheit des einfachen Lebens, der Überwindung lächerlicher Moralvorstellungen, Konventionen, Gesetze; nach dem Natürlichen. Mit all diesen Wünschen und Sehnsüchten lässt ihn die sich hochentwickelt und fortschrittlich wähnende Gesellschaft völlig allein; tief unglücklich auf sich selbst zurückgeworfen in einer feindlichen Welt, leidend nicht nur daran, die Lücke in sich durch das gesellschaftlich Anerkannte nicht stopfen zu können; es ist auch ein grundsätzliches Unbehagen der Welt gegenüber. Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allgemein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann, schreibt Jean-Paul Sartre über diesen Menschentyp.

Der kalt vernünftelnde Wahnsinn

Das einzige, was in dieser, vom kalt vernünftelnden Wahnsinn eingenommenen Welt noch irgendeinen Sinn ergibt, ist die Liebe. Werther und Lotte. Lotte und Werther. Doch nicht einmal das Ausleben dieses Gefühls wollen die Verhältnisse gestatten: Nach den kalten Abstrakta, die die gute Gesellschaft Recht und Gesetz genannt hat, ist dies‘ Weib Charlotten Buff im Besitze eines HERRN befindlich, Albert, nicht willens, seinen Beee-SITZ (wie Gunnar Teuber als Albert es gern artikuliert) preiszugeben.

Das tragische Ende

Aus der Unmöglichkeit für Werther, sowohl ohne als auch mit Lotte glücklich und erlöst zu werden, ergibt sich die Tragik der Geschichte. Leid ist unvermeidlich. Die Welt ist ein Jammertal. Tragödien handeln von der Unmöglichkeit, glücklich zu sein. Erlösung ist abwesend – kein gnädiger Gott, keine Technikwunder, kein Coaching mit Fünf-Sterne-Rating und Glücksgarantie. Hoffnungslos, sinnlos, lieblos. Werther bleibt nur – die Gnade der Pistole. Und selbst die muss er vorher ausleihen.

Solbergs Inszenierung

Die Inszenierung unter der Regie von Simon Solberg entführt uns zunächst in eine Bürolandschaft, von Menschen bevölkert, denen radikale Emotion fremd, Ineffizienz ein Graus ist, abgespalten, ausgemerzt; zu funktionieren hat man; zu funktionieren hat der Apparat, durch effizientere Produktion bei gleichzeitig schnellerem Konsum die Menschen beschäftigt zu halten. Die vor Leidenschaft überkochenden Briefe Werthers gleichen in dieser Welt archaischen Relikten, fremd, funktionslos; überflüssig gewordener Müll der Geschichte, dem nur noch ein kaltes, wissenschaftliches Interesse gilt. Es könnte auch eine desinteressierte Schulklasse sein, der nur die kühle Ratio einträufelt, sich auch brav für das kulturelle Erbe zu verausgaben, im Dienste des größten Ziels: der Lernzielerreichung.

Doch je intensiver die Beschäftigung mit den Briefen wird, desto mehr schwinden die Distanz und die Abspaltung der Gefühle; die Bürobewohner identifizieren sich mit den Protagonisten der Briefe; sie erkennen ihre eigene, von Zwängen und Entfremdung geprägte Welt wieder in den Verhältnissen, die Werther so abstoßen; die Gemeinsamkeiten überwiegen; die zeitlichen Unterschiede werden bedeutungslos; eine Odyssee beginnt.

Es ist eine Odyssee, raus aus dem Universum der Mülleimer, Papierschnitzel und quietschenden Schubladen – hinein in einen vor Leben strotzenden Urwald aus Topfpflanzen, unberührt von Zivilisation, frei, auch bedrohlich.

Das Dreieck

Hier trifft Werther (Ole Lagerpusch) die Lotte genannte Charlotte Buff (Julischka Eichel) und Albert (Gunnar Teuber), Europäer, die hier mit ihrer Selbstverwirklichung beschäftigt sind. Eine Dreiecksbeziehung entsteht, die zwar von gegenseitiger Zuneigung geprägt ist, aber durch die Vernünftelei und Zwänge der guten Gesellschaft zum tragischen Scheitern verurteilt ist.

Eine internationale Wallstreet

Meistens recht unvermittelt wandelt sich die Szene, Büro, Urwald, dann wieder eine Art internationale Wallstreet, Hochhäuser, Grau, das Logo der deutschen Bank und eine titanische Dollarnote. Der bekanntermaßen diese Scheine zierende Spruch In God We Trust wurde handschriftlich modifiziert: In Love We Trust – der verzweifelte Schrei nach einer Welt, die wieder menschliche Wirklichkeit an die Stelle sachlicher Abstraktionen setzt. Die Menschen taumeln desorientiert zwischen den Monolithen der Macht herum, im Zentrum der kühlen Verhältnisse, Zahl und Gewalt, Reichtum. Der kontrafaktische Glaube, dass es trotzdem irgendwie irgendwann vielleicht besser wird, auf diesem Weg, ist hohl geworden: Bruttosozialprodukt in Moll.

Gewalt – der ultimative Blödsinn

Die Zwänge und die kalte Vernunft der guten Gesellschaft, in der sich Werther, Lotte und Albert umkreisen, münden bald in Gewalt: Albert bewegt sich von Anfang an als Jäger mit cooler Sonnenbrille und Kolonialherren-Touch; auch Werther ruft in einem seiner vielen verzweifelten Momente: „Ich ziehe in den Krieg!“ und bewaffnet sich mit einer phallisch anmutenden Röhre, die er wild herumschwingt. Eine Safari als sinn- und zusammenhanglose Aneinanderreihung von Gewalttaten, Tiere taumeln desorientiert über die Bühne, um von Albert erschossen zu werden. Werther hantiert mit der Pistole herum, die später seine letzte Lösung wird. Lärm, Nebel, Werbeclips der Bundeswehr, und huch, schon wieder was erschossen, egal, wirds schon irgendwie verdient haben: Gewalt als ultimativer Blödsinn.

„Der Entschluß, die Welt zu verlassen“

Letztendlich hilft alles nichts, kein Verstand, kein Krieg, kein Weinen; Albert erwischt Werther und Lotte „in flagranti“, als Eisbär verkleidet, im Schneefall, am Ende: In der Welt (Werthers‘) wird es Winter, Nacht. Es geht voran, es geht vorbei. Das Herz, das in Kindergestalt (Emma Oberpauer) über die Bühne taumelte, wird nun getragen, tot, schlaff. Es schneit. Für den Schluss spart sich die Inszenierung noch ein letztes Sahnebonbon auf: Kein Schuss, kein Blut, kein Tod in Schmutz und Schmerz, ein idealisierter Tod. Eine Tür geht auf. Gleißendes Licht. Werther tritt hinaus – Anders als Odysseus gewinnt er nicht, keine Heimat, keine Gnade (als die der Pistole), keine Frau; er ver-endet. Der Hades, im dem die Inszenierung auch kurzzeitig vorbeispitzte, das Paradies, das Nichts – man weiß es nicht, die Tür schließt sich hinter Werther, aus. Hinterher führt die Tür nur noch zur Garderobe, zur Tür, zur Welt,  eine ganze Welt – genug Platz für eine Odyssee. Viel Vergnügen!

Musik als letzter Sinn?

Die wunderbare Livemusik Sven Kaisers (der auch den Part des Wilhelm übernahm) ist ebenso eine Odyssee – durch die Musikgeschichte, heute, damals, immer: Vom aus Tarantinos Kill Bill bekannten The Lonely Shepherd und Michael Jackons Heal The World über das als Titelsong von Titanic bekanntgewordene My Heart Will Go On zu einem in Moll übertragenen Bruttosozialprodukt und Beethovens bekannter Melodie zu Schillers Ode an die Freude, ebenfalls in Moll (von Zukunftsoptimismus und Wachstumsgläubigkeit scheinen die Menschen geheilt!) und vielen, vielen anderen Melodien – eine stimmungsvolle Odyssee durch die Musikgeschichte des Westens. Was er eben noch so hervorgebracht hat, neben Abstraktion und kalter Vernunft.


Die Leiden des jungen Werther
nach dem Briefroman von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Simon Solberg
Bühne und Kostüme: Maike Storf, Christina Schmitt
Video: Joscha Sliwinski
Musik: Sven Kaiser
Dramaturgie: Anna Haas
Mit Ole Lagerpusch, Julischka Eichel, Gunnar Teuber, Hanna Plaß, Matti Krause, Sven Kaiser und Emma Oberpaur
Infos, Termine und Karten hier

Foto: JU_OSTKREUZ

1 Kommentar zu “Gebloggt #14: Raus aus dem Universum der Mülleimer und Papierschnitzel

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