The Fairy Queen

The Fairy Queen #3: Ein Wald nahe Athen

All the world’s a stage, die ganze Welt ist eine Bühne, schreibt William Shakespeare in seiner Komödie Wie es euch gefällt. Der Satz stammt aus dem Mund des Melancholikers Jacques. Aber er könnte auch über Shakespeares Gesamtwerk stehen. Mit seinen Theaterfiguren reist der englische Dramatiker durch ein imaginäres Europa und weit darüber hinaus: durch die sommerlichen Gärten von Verona, ins nordische Schloss Helsingör, an die Küste von Illyrien, in den Ardenner Wald. Dass Shakespeare es mit der Realität nicht allzu genau nimmt, macht seine Geographie noch märchenhafter. Die Provinz Böhmen, in der Das Wintermärchen spielt, grenzt bei ihm wundersam ans Meer. Und die Insel, auf der Der Sturm losbricht, liegt nicht nur zwischen Tunis und Neapel, sondern gleichzeitig in der Nähe der Bermudas. Auf einem Globus wären diese Orte nicht zu finden. Es sind Niemandsländer, Welten schriftstellerischer Fantasie.

Auch der »Wald nahe Athen«, in dem Ein Sommernachtstraum spielt, ist einer dieser Orte: ein Fluchtort für vier junge Menschen, die vor der Stadt und ihren Regeln davonlaufen. »Come let us leave the town«, singen Purcells Waldflüchtige im Duett. Und dennoch hat der Ort, an den sie gelangen, nichts gemein mit den Zivilisationsoasen, nichts mit den Refugien des Guten, Schönen, Wahren und nichts mit den letzten Nischen des Geheimnisvollen, die die Aufklärungaus den Wäldern des 18. und 19. Jahrhunderts machte. Für die Antike war der Wald das Dionysische: der Ort der Bakchen, des orgiastischen Taumels in all seinen Schattierungen. Bei Dante wird er zur Vorhölle. Er ist Wildnis, Sünde und Tierhaftigkeit. Auch Shakespeares Wälder sind Orte der Verwirrung und der Grenzüberschreitung, der Ängste und des Unbekannten. Dunkle Welten, die jene Zivilisationsflecken bedrängen, die sich als kleine Lichtung in sie hineingehauen haben. Der Wald ist »ein Ort des Schreckens«, so schreibt Klaus Reichert, »wie die Nacht. Die Gesetze von Raum und Zeit sind auf den Kopf gestellt, aus dem die Träume kommen. Hier herrschen Elementargeister und Dämonen, bedrohlich, abgründig, unberechenbar, unerkannte Mächte, die für Elisabethaner ebenso real waren wie für Heutige das Unbewusste, erfahrbar an den Wirkungen, deren Ursachen sich im Dunkeln verlieren.«

In dieses Dunkel der Nacht begeben sich die vier Liebenden: Helena, die sich einsam und »hässlich wie ein Stier« fühlt, hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Hass auf ihre Freundin Hermia, die wie ein magnetischer Pol alles Begehren in ihrer gemeinsamen kleinen Welt auf sich zieht. Beide jungen Männer sind in Hermia verliebt. Dann, im Verlaufe der Nacht, wenden sich beide von ihr ab und verlieben sich in die andere, zumindest glauben sie das. Denn in den nebligen Wäldern des Unterbewussten kann bald keiner mehr unterscheiden zwischen einer wahren Liebe, die irrt, und einer falschen, die zur wahren verdreht wird. Auch der nächtliche Wald selbst, als Sinnbild des Unterbewussten, scheint in der Unordnung zu versinken: Die Natur gerät in Aufruhr, die Jahreszeiten verkehren sich, Flüsse treten über die Ufer und bringen Krankheiten übers Land, all dies in Analogie zur Verwirrung der Gefühle. So formuliert es Titania in ihrem Streit mit Oberon, bevor sie selbst im Chaos der Gefühle unter zugehen droht. Dazwischen agieren Wesen, die alle Ordnung der Lächerlichkeit preisgeben, sobald sie den Menschen im nächtlichen Zwischenraum von Bewusstsein und Unterbewusstsein begegnen: Puck »als Pferd, als Schwein, als Hund, / als schädelloser Bär, als Feuersbrunst.« Wiehernde, grunzende, brennende, brummende, bellende Schreckgespenster. Nattern, tanzende Fledermäuse, Würmer, Blindschleichen und Giftspinnen als Zerrbilder des eigenen Ichs.

So gleicht die Waldeinsamkeit bald einem Bestiarium, das ausserdem besiedelt ist von Feen, Elfen, Elfenkönigen und einem illustren Trupp von Handwerkern auf der Suche nach der wahren Kunst. Es herrscht Betriebsamkeit in Shakespeares Wald; und die Begegnungen, die immer auch Begegnungen mit sich selbst sind, erreichen surreale Dimensionen, nicht nur im Aufeinandertreffen zwischen Titania und dem in einen Esel verwandelten Weber Zettel, sondern auch in Shakespeares Bühnendialogen selbst. Wenn im fünften Akt eine Figur namens »Mondlicht« auf die Bühne tritt, um dort gewandt zu deklamieren, dass »alles, was ich zu sagen habe, ist, euch zu sagen, dass die Laterne der Mond ist; ich der Mann im Mond; dieser Dornbusch mein Dornbusch; und dieser Hund mein Hund«, so erinnert das mehr an ein Lautgedicht der Dadaisten als an die Verswelten des antiken Athen. In Purcells The Fairy Queen steigert sich die Vielzahl dieser Verwirrspiele und Bezüglichkeiten schliesslich ins Unermessliche: Betrunkene Dichter, Vogelwesen, allegorische Gestalten aller Art treten auf, Faune, Dryaden, Najaden, Nymphen, die vier Jahreszeiten, Juno, Hymen, eine Gruppe Chinesen und sechs Schimpansen, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Spiegelbilder der eigenen Ängste, Wünsche und Begierden verdoppeln, verdrei- und vervierfachen sich. Am Ende wachen alle auf, aus dem letzten von vielen Albträumen dieser Nacht. Nun schauen sie zurück auf das Spiegelkabinett aus Traum und Realität, das sie durchlaufen haben, und reiben sich die Augen: Ob es die eigenen oder die fremden Dämonen waren, die sie heimgesucht haben in dieser Nacht, ist unentscheidbar geworden. Das Verwirrspiel der eigenen Träume zu formulieren, geht über den Menschenverstand des Webers Zettel. Aber nicht nur über seinen: »Lass uns deshalb, Königin / Schweigend mit den Schatten ziehn,« rät Oberon seiner Gattin Titania. Und sie entgegnet: »Ja, mein Herr; auf unsrer Bahn, / Sagst du mir, wie’s dazu kam, / Dass man heute Nacht im Schlaf / Unter Sterblichen mich traf.«

Der Morgen graut. Die jungen Liebenden, die sich eine Nacht lang gedemütigt, verletzt, geliebt und geschlagen haben, stehen nun in Paaren beisammen; die Geister der Nacht liegen wieder »in ihren verfaulten Betten«. Für den trügerischen Moment eines Tages herrscht Ordnung im Wald nahe Athen. »Immer, wenn die Sonne aufgeht, soll es ein neuer Hochzeitstag sein«, heisst es im Schlusschor zu The Fairy Queen, »und geht sie unter, eine neue Hochzeitsnacht.«

Ein Wald nahe Athen ist ein Originalbeitrag von Bernd Isele für das Programmheft zur Inszenierung The Fairy Queen.


The Fairy Queen
von Henry Purcell / William Shakespeare
Musikalische Leitung: Christian Curnyn
Regie: Calixto Bieito
Mit: Maja Beckmann, Lauryna Bendžiūnaitė, Susanne Böwe, Mirella Bunoaica, Josefin Feiler, Johann Jürgens, Caroline Junghanns, Mark Milhofer, Hanna Plaß, Arnaud Richard, Manolo Bertling/Christian Schneeweiß, Alexander Sprague, Michael Stiller, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

Foto: JU_OSTKREUZ

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