Abschied von gestern Gebloggt

Gebloggt #11: „Die Anmaßung“

„Lebenszeit, Leeebenszeit“. Das schoss ihm durch den Kopf, als er erzählte, wie er sich als Call-Center Agent in einem Großraumbüro befand und an der anderen Leitung eine gebrechliche Oma durch das Zimmer mit ihrer Gehhilfe schlurfen hörte. Nach dieser Erkenntnis gab es einen Bruch. Ein Bruch mit dem Telefonat, ein Bruch mit seiner Arbeit und wenige Stunden später einen Bruch mit seiner Familie.

Etwa der Kunst wegen?

Wer ist dieser Manuel Harder? Welcher Teil ist das Spiel und welcher ist Wahrheit und in welchem Zusammenhang stehen die beiden dann? Darum ging es letztlich im Stück. Um scheinbare Einblicke in seine Biografie und sein hardern um fragen, was die Liebe sei, was die Freiheit ist und allem voran was diese zum verzweifelnden Narben sind, eingeschrieben als unwiderrufliche Narben in seiner Seele.

„Eine ungesetzliche Verdopplung sieht die Natur nicht vor“, das sagte er, also was war dann diese Verdopplung von ihm? Wer ist der wahre Manuel Harder?

Gespielt sei er erst dann richtig, so warnte er schon ziemlich früh im Stück, wenn man ihn danach im Foyer treffen würde. Ich habe ihn nicht getroffen. Aber schon auf der Bühne fiel es mir ja schwer ein Spiel zu erkennen. War das Spiel zu gut oder war es einfach er da auf der Bühne?

Anmaßend, ja anmaßend intim und beinahe unangenehm war es mir zwischendurch in meiner Rolle als Zuschauer im Publikum. Ins Theater gehen, um jemandem anderen wirkliche in die Seele zu schauen? Keine Ahnung. Obs nun gespielt war oder nicht, ob alles gespielt ist oder nicht, ob er es war oder nicht, wann er er war und wann er der andere war. Das Stück, Manuel Harder auf den Leib geschrieben, hinterließ trotz alledem Eindruck.


Nordlabor 1 – Abschied von gestern
Die Anmaßung

von Carsten Brandau

Regie: Florian von Hoermann
Bühne: Julian Marbach
Kostüme: Cinzia Fossati
Chorleitung: Wilhelm Bäuml
Dramaturgie: Katrin Spira
Mit: Manuel Harder, Egon Bässler, Christiane Burgmann, Hilmar Friedel, Daniela Krol-Zenkowitz, Annette Kuppler, Iska Leibßle, Roland Möll, Edmund Ortwein, Ingrid Schönleber, Eugen Völlm, Regina Weber und Detlev Wolf.

Foto: Julian Marbach

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