Gebloggt

Gebloggt #10: Die Leiden des jungen Werther

Der schlaksige Junge will sich das Herz aus der Brust reißen, sein Gehirn zertrümmern. Der Grund für diesen im Wahn der Liebe gesprochenen Wunsch ist Lotte. Doch der glücklose Liebende wird nichts dergleichen tun, er entscheidet sich schlussendlich für den Tod durch die Pistole – es ist der tragische Schlussstrich der Leiden des jungen Werthers. Goethes 1774 veröffentlichter Briefroman brachte die hemmungslose Sehnsucht zweier Menschen auf Papier, im Schauspielhaus wurde der Briefroman auf die Bühne gebracht. Der Regisseur Simon Solberg lässt Werther und seine Kollegenschaft in der Moderne zwischen Bürostühlen, Aktenschränken und Kopierern auferstehen. Gespielt von Ole Lagerpusch wird aus dem schüchternen Büroeinfaltspinsel der Werther, welcher sich während eines harten Rave in die verlobte Lotte verliebt.

Der Verzweifelte kämpft gegen den Realisten

Das Drama nimmt seinen Lauf, wobei es von außen betrachtet erst zum Schluss ein Drama wird. Aus dem komödiantischen Anfang entwickelt sich das Stück zum abwechslungsreichen Actionfilm. Die Bühne wird zum Kriegsschauplatz, zur Safari-Jagd und zu Werthers Gedankenwelt – atemlos wird dem Zuschauer. Die Darstellung der brennenden Liebe des Werthers erinnert an die Pubertät. In Werthers Rolle wird die Liebe zu etwas Naivem und Lächerlichem. Sein Konkurrent Albert sieht die Dinge schon pragmatischer. Er ist kein Träumer. Ein Jemand der ohne Skrupel anpackt, ein Mann der Stärke, Erfolg und Macht ausstrahlt. Neben ihm scheint Werther wie in kleiner Junge zu sein, welcher zum ersten Mal in seinem Herz (welches ihn auf der Bühne begleitet) Liebeskummer verspürt. Je verzweifelter Werther seiner geliebten Lotte hinterherrennt, umso düsterer wird das Stimmung. Blutbesudelte Figuren und ein emotional sichtlich gebrochener Werther spitzen das Stück auf das Unausweichliche zu. Nach zwei explosiven Stunden, in denen man alle seine Sinne benutzen muss um jede Szene in ihrer Vollständigkeit aufzusaugen, fällt der beendende Knall eher leise aus. Werther verlässt den Saal in Richtung des gleißend hellen Lichtes und lässt den Zuschauer mit einem zufriedenen Lächeln zum Applaus ansetzen.


Die Leiden des jungen Werther
nach dem Briefroman von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Simon Solberg
Mit: Ole Lagerpusch, Julischka Eichel, Gunnar Teuber, Hanna Plaß, Matti Krause, Sven Kaiser, Emma Oberpaur/ Anna Gesche

Weitere Informationen und Karten …hier

Foto: JU_OSTKREUZ

Am Samstagmittag läuft die Bundesliga, am Samstagabend laufe ich dann ins Theater - ein Sportwissenschaftler muss kein Kulturbanause sein. Zwischen einem Platz im Stadion und einem Sitz im Theater will ich mich nicht entscheiden. Nebenbei arbeite ich als Redakteur für die Helden der Unterklasse - FuPa Stuttgart.

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