Abschied von gestern Gebloggt

In Erinnerungen schwelgen

Erinnerungen. Jeder Mensch erinnert sich, doch jeder Mensch erinnert sich anders an etwas und wie wahr sind unsere Erinnerungen dann? Bereits Jean-Paul Sartre fragte sich, ob es denn überhaupt möglich sei, an jemanden in der Vergangenheit zu denken? Jeder Mensch erschafft sich anhand seiner Gedanken und Gefühle seine ganz eigenen Erinnerungen, doch ob diese Person in Wirklichkeit so war, kann niemand sagen.

Die Videoinstallation Quite likely,–I forget erzählt, inwiefern man sich erinnert und wie vielfältig Erinnerungen sein können. Man sieht zum einen die unscharfen verschwommenen Erinnerungen. Nebelhafte Bilder von Gesichtern und Personen, die sepiafarben über das Fenster flimmern. Ein Rückblick auf etwas, das schon lange vorbei ist oder auf etwas Flüchtiges, das man fast schon vergessen hat. Im Kontrast dazu gibt es gestochen scharfe Erinnerungen. Klare Bilder, die für einen selbst so wichtig scheinen, dass sie sich für immer in das Gedächtnis eingebrannt haben. Doch oft gibt es auch zu bestimmten Situationen nur noch ein einziges Bild. Man weiß nicht, wo es herkommt und was es eigentlich im Kopf zu tun hat, aber es ist da und gehört genauso zu seinen Erinnerungen, wie jede andere. Ab und zu blitzt ein solches Bild einfach auf und ist schon wieder fort, bevor man es greifen oder erfassen kann. Aber es gibt auch Erinnerungen, die in ständiger Wiederholung im Kopf umherschwirren. Ob nun Worte oder Bilder – man erinnert sich, entweder an ein besonders gutes oder an ein besonders schlimmes Ereignis. Ein schlimmes Ereignis, was einen ständig beschäftigt, das man aber am liebsten vergessen und verdrängen will. Einmal wird in der Installation ein älterer Herr gefragt, ob er von damals ein Trauma habe. Worauf er nur entgegnet, dass er dazu nicht neige. Doch Erinnerungen sind eben keine Sache, die man sich aussuchen kann, man hat sie, ob man will oder nicht. Erinnerungen gibt es in allen Gefühlslagen, ob man traurig oder glücklich war, seine Erinnerungen sind ein Querschnitt durch die eigene Gefühlswelt. Trauer, Freude, Glück, Unglück.

Erinnerungen sind zeitlos, oft kann man sich nicht mehr daran erinnern, wo man denn vor 5 Minuten seine Autoschlüssel hingelegt hat, aber man kann lückenlos, erzählen wo man vor 15 Jahren als kleines Kind die Puppe seiner großen Schwester versteckt hat. Die ganze Videoinstallation wird live unterlegt mit wunderschöner Musik, die mit den Bildern eine ganz eigene Atmosphäre schaffen und man selber in Erinnerungen schwelgt. Wie man als Kind immer Braut gespielt hat, obwohl man von Heirat keine Ahnung hatte. Wie man zum ersten Mal voller Aufregung in die Schule gegangen ist. Es zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht und man fragt sich, wie Woody Allen, ob Erinnerungen nun etwas sind, das man hat oder etwas, das man verloren hat.


Quite likely,–I forget
Video: Susanne Brendel, Julia Schaefer
Musik und Sound: llll \ (Jonas Bolle, Timm Roller)

Termine: 22. Januar um 22:30 Uhr und 23. Januar um 19 Uhr
Eintritt frei

Foto: Chris Hieronimus, Julia Schaefer

Programm und Übersicht zum Nordlabor 1 hier

0 Kommentare zu “In Erinnerungen schwelgen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: