Gebloggt

Gebloggt #7: Ein Pferd, das Katholizismus heißt

Das Naheliegendste ist wohl das Karussell. Das Karussell, auf dem sich bunte Pferde, Löwen, Giraffen und Einhörner drehen. Und dann und wann ein weißer Elefant. „Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist“ ist in vielerlei Hinsicht so ein Karussell. Und auf den bunten Tieren, die hier Kreativität, Liebe und Katholizismus heißen, turnen Astrid Meyerfeldt, Peter Kurth, Christian Schneeweiß und Johann Jürgens akrobatisch durch die Textpassagen. Mal kichernd, mal voller Wut, mal jammernd über Kopf- und Augenschmerzen.  Alles scheint sich zu wiederholen: Anekdoten werden zweimal erzählt, es wird immer wieder über die Videoleinwand geschimpft, die immer noch läuft, noch einmal sagt jemand „Ich liebe dich“ und wird dafür zuverlässig auf den Mund geküsst, ein Kunde hat auch nach dem  dritten Nachfragen immer noch kein Hörgerät vom schwerhörigen Hörgeräteverkäufer kaufen können.

Sehr bald schon stellt sich der Eindruck ein, dass es hier nicht um das geht, was gesagt wird, nicht um eine Handlung, die sich höchstens in Ansätzen zeigt. Das hier ist vielmehr eine Aufforderung zum Spiel. Ein Spiel auf mehreren Ebenen.

Auf der obersten ist der mit einer Stunde fünf recht kurze Abend sehr unterhaltsam. Slapstick wie der vergebliche Versuch Peter Kurths, ins zweitunterste Bett eines Etagenbetts zu klettern, der bereits erwähnte schwerhörige Hörgeräteverkäufer, zu dem sich auch noch ein halb blinder Kontaktlinsenverkäufer gesellt oder gleich zu Anfang eine Italienischstunde, in der ein Lehrer mit starkem deutschem Akzent zwei Schüler unterrichten soll, die aus Neapel und Mailand kommen. Eine Ebene tiefer wird es abstrakter. Hier werden die theoretischen Überlegungen, die von den Schauspielern angestellt werden, subtil in die Spielszenen eingebaut.

Eines der kreiselnden Tiere auf diesem Theaterkarussell ist beispielsweise die Diskussion über Sprechakte, die genau die Situation hervorrufen, die sie beschreiben. „Die Sitzung ist geschlossen“ oder „Ich liebe dich“. Das Sprechen entwirft also die Realität. Und das führt dazu, „dass der der das und das sagt auch der und der ist“. Damit ist das Prinzip der Polleschen Spielszenen offengelegt: Jeder der vier Schauspieler kann innerhalb von Sekunden von einem Bischof zu einem Schauspieler zu einem Kommissar zu einem Lehrer zu einem Schauspieler werden, einfach indem er einen entsprechenden Satz sagt. Auch Situationen lassen sich herstellen, mit Wortkulissen, wie man sie von Shakespeare kennt: Statt durch das reale Bühnenbild entsteht nur durch Beschreibungen das Bild eines Schiffs auf hoher See: „Ganz schön stürmisch hier an Deck.“ Astrid Meyerfeldt in einer ihrer vielen Rollen antwortet: „Das ist kein Seerettungskahn, das ist die Parkstraße 28“ und lädt zu Kaffee und Kuchen ein. Realität ist, was ausgesprochen wird. Zur Not gibt es eben zwei Wirklichkeiten. Oder noch mehr. Das wird lustvoll durchexerziert, mit schnell wechselnden Situationen, die ineinandergreifen, sich widersprechen oder überlappen.

Wie schrecklich diese Erkenntnis aber auch sein kann, wird ebenfalls verhandelt, anhand der Unfassbarkeit des Satzes „Ich liebe dich“: Wird die Person, an die sich dieser Satz richtet, nicht festgelegt auf diesen geliebten Charakter, eingeengt, endgültig definiert? – „Nicht sprechen“, lautet daher einer der am häufigsten geäußerten Sätze des Stücks. „Nicht sprechen.“

Aber nicht nur durch Worte lassen sich derartige, flüchtige Situationen heraufbeschwören. Auch durch kleine Veränderungen an Kostüm oder Bühnenbild (das meistens eigentlich ein Hinterbühnenbild ist, da der Großteil des Stücks per Video übertragen hinter einer schwarzen Wand spielt) lassen sich neue Realitäten festmachen. Eine Tafel definiert die Schule, ein Tisch einen Laden, ein Loch in einem Brett einen Beichtstuhl. Fast wie bei spielenden Kindern. Ein Ritt auf Polleschs Karussell ist also auch einer durch viele verschiedene Wirklichkeiten.

Auf einer dritten Ebene ist sich das ganze Ensemble sehr deutlich der Theatersituation bewusst. Die Klage über die Zwangskreativität, (noch ein Tier fürs Karussell) die „selbst in die postmaterialistische Mittelschicht“, in die „Stadtverwaltung“ eingesickert sei, erstreckt sich auch auf das Publikum. Den ganzen Tag sitze dieses Publikum im Büro und komme abends ins Theater, um zuzuschauen, wie andere kreativ seien. Und noch obendrein versuche es, selbst kreativ zu sein. Auch diese Aussage wird praktisch umgesetzt, indem das Bühnenbild als eine Art Scherz enttarnt wird: Die Holzscholle, die (kommunistische?) Sichel, das Stockbett, der riesenhafte aufblasbare Hammer: Alle Erklärungen, die das Publikum sich zurechtgelegt hat, schon bevor es vor Beginn des Stücks überhaupt auf seinen Plätzen saß, werden zunichte gemacht, indem das Bühnenbild fast das ganze Stück über ignoriert wird. Nur einmal gerät es in den Blick: Als erklärt wird, das Publikum denke sich immer zu viel aus. Zum Beispiel zu diesem Bühnenbild. Die Schauspieler drehen dem Publikum durch solche Sätze flink eine Nase und verschwinden wieder hinter die Bühne.

Dieses Nasendrehen geht aber noch weiter. Jede Haltung, die ein Zuschauer einnehmen kann, ob ironisch-distanziert oder ernsthaft auf Erkenntnis hoffend, wird reflektiert und parodiert. Wer einen komplett ironisch gebrochenen Abend erwartet, wird wohl überrascht sein von den theoretischen Implikationen beispielsweise über Kommunikation, die teils auch ganz ernsthaft als Beobachtungen funktionieren. Wer auf Erkenntnis hofft, wird vom Slapstick irritiert und wohl auch davon, dass sich die Beobachtungen schnell im Kreis drehen und ineinander verworren im Wechsel der Realitäten aufgehen. Wer das postmoderne Theater schätzt wird ebenso hochgenommen („Wir spielen doch hier nicht diese Videokacke, oder?“) wie die Freunde des klassischen Theaters (indem ihre Klagen über die gute alte Theaterzeit überspitzt aufgenommen werden).

Hieß es eingangs, das Stück sei eine Aufforderung zum Spiel, bedeutet das aber auch Gleichberechtigung. Denn die übliche Situation im Theater,  mit Schauspielern, die für das Publikum spielen und das Publikum, das für die Schauspieler kommt, wird aufgebrochen. In diesem Stück spielen die Schauspieler, versteckt hinter der Bühne und immer wieder beschäftigt mit sich selbst und dem Theater an sich, genauso für sich selbst wie das Publikum ins Theater kommt, um sich kreativ zu fühlen. Hier ist keiner bloß Dienstleister oder Konsument. Hier können sich Theater und Publikum in der Mitte zwischen ihren üblichen Positionen treffen – vorausgesetzt, beide haben Lust dazu. Und das heißt eben auch, dass der Zuschauer ebenfalls ein Karussell im Kopf nach Hause trägt. Mit kreiselnden Gedanken, Interpretationen, der Erinnerung an lustige Szenen und dem vergeblichen Versuch, sich an all die theoretischen Gedankengänge zu erinnern, die auf einen eingeprasselt sind – und mit der Frage: Wer weiß denn eigentlich, was die Arbeit ist?


 

Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Mit: Johann Jürgens, Peter Kurth, Astrid Meyerfeldt, Christian Schneeweiß, Tobias Dusche und Linda Krieg

Foto: JU_Ostkreuz

0 Kommentare zu “Gebloggt #7: Ein Pferd, das Katholizismus heißt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: