Gebloggt

Gebloggt #5: zeit zu leben

Wenn der Novemberwind
Deine Hoffnung verweht
Und Du wirst so müde
Weil Du nicht mehr weißt wie es weiter geht
Wenn Dein kaltes Bett
Dich nicht schlafen lässt
Halt an Deiner Liebe fest
-Rio Reiser

Teenie(alb)-traum. Erste Liebe. Erstes Mal. Erstes Mal Eifersucht. Der erste Absturz. Irgendwo zwischen der schönsten Zeit des Lebens und der ersten Depression, irgendwo dazwischen befinden sich die Darsteller von zeit zu lieben zeit zu sterben. Sie stehen auf der Bühne und erzählen von früher, von ihrer Jugend. Man ist sich nicht ganz sicher, was denn davon wirklich wahr ist.  Als später einer von Ihnen sagt: Man kann alles rekonstruieren, außer Erinnerungen, trifft das den Nagel ziemlich genau auf den Kopf.  Sie berichten von typischen Jugenderlebnissen. Wer denn was mit wem hatte, wer beim saufen gehen, welchen Unsinn verzapft hat. Und obwohl sie von den 70/80er Jahren in der DDR reden, könnten, bis auf ein paar kleine Unterschiede, dort auch Jugendlichen von heute stehen. Sie könnten einem beinahe das Gleiche erzählen. Wenn der Chor (alle Schauspieler) wie es im Stück heißt, erzählt, dass man betrunken auf eine Ampel geklettert sei, rutschen vielleicht bei Einigen Gedanken in den Vordergrund, was man denn selber mit seinen Freunden im Vollrausch so angestellt hat. Gedanken, die man vielleicht lieber verdrängen möchte, bei denen einem gleichzeitig aber auch ein kleines Lächeln über das Gesicht huscht.
Begleitet wird der Chor von einer Live-Band. Immer wenn man selber gerade denkt, eine kleine Gedankenpausewäre nicht schlecht, , um das Erzählte einmal im Gehirnkarussell sich drehen lassen zu können, spielt sie einen kleinen Fetzen Musik und man kann wieder durchatmen und sich weiter entspannt dem Stück widmen. Dies hier war der erste Teil, doch der zweite folgt so gleich.
Im nächsten Teil hat der Chor sich nun aufgelöst und jeder Schauspieler hat seine eigene Rolle bekommen. Er handelt von einer dieser typischen DDR-Geschichten, wie man sie eben kennt. Der Vater ist in den Westen abgehauen und die Mutter bleibt allein mit ihren zwei Söhnen zurück. Der älteste Sohn darf deswegen nicht studieren und der Onkel sitzt im Gefängnis. Und während all diesen großen Problemen gibt es immer noch die kleinen Probleme eines jeden Pubertierenden. Probleme, die nach außen hin normal wirken, für die betreffende Person, aber das größte Unglück der Welt bedeuten. Auch typisch, diese Was-wäre-wenn-Gedanken gemischt mit einer großen Portion Zukunftsangst. Wenn also seine Freundin Adriana Peter fragt, ob er denn nicht mit rauf kommen möchte, weil ihre Eltern gerade nicht da sind, beginnt sich Peters Gedankenkarussell zu drehen. Von der Schwangerschaft, über das glückliche Leben bis hin zur Scheidung und dem Tod, alles dabei in diesem Tagtraum, der einem eine ganze Lebensgeschichte in nicht mal zwei Minuten erzählt. Peters Angst übermannt ihn und er lässt Adriana allein zurück. Während nun alles den Bach runter stürzt, Adriana eine Beziehung mit seinem Bruder anfängt und Peter in den Westen fliehen will, wird am Ende irgendwie doch alles gut. Das Kitschbarometer steigt, als die Band am Ende des zweiten Teils anfängt zu singen Halt dich an deiner Liebe fest. Das Publikum wird aufgefordert mitzusingen und als die Schauspieler im Publikum anfangen Getränke zu verteilen ist man schon ziemlich weit oben auf der Skala des Kitschbarometers angekommen

Doch wie im echten Leben ist eben nicht alles rosarot und wunderschön. Als Robert Kuchenbuch auf die Bühne kommt und seine Geschichte anfängt zu erzählen weicht die schöne rosa Welt ziemlich schnell einer grauen dunklen Regenwolke. Auf der Bühne befindet sich außer ihm nur noch Lisa Marie Neumann, die verlassen am Bühnenrand sitzt und leise singt. Der Mann erzählt seine Lebensgeschichte. Wie er von zu Hause fort geht, seine Familie verlässt, um Geld zu verdienen und sich dann in der Fremde neu verliebt. Wie er zwischen den zwei Seiten steht, nicht weiß, was er nun tun soll und deshalb immer mehr daran zerbricht. Er versucht vor seinen Problemen zu fliehen, doch es gelingt ihm nicht. Denn wie heißt es schon vor über 2000 Jahren bei Seneca: „Du magst das weite Meer überquert haben, es mögen, wie unser Vergil sagt, ’sowohl Länder als auch Städte entschwinden‘, es werden dir, wohin auch immer du kommst,deine Fehler folgen“.

So endet das Stück, gleichsam ob es zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort spielt, es berührt einen. Jeder hatte irgendwann ähnliche Probleme in seinem Leben, jeder von uns hat sich irgendwann in seinem Leben so gefühlt wie Peter oder Adriana. Vielleicht fällt es einem deswegen so leicht, sich in diesem Stück so fallen zu lassen und vielleicht zieht es einen deswegen auch so in seinen Bann.

 

Wer sich schon mal auf die Vorstellung einstimmen will, kann sich hier drei Versionen des unsterblichen Songs Halt dich an deiner Liebe fest anhören:

den Orginalsong von Ton, Steine, Scherben aus dem Jahr 1975:

Die Coverversion von Freundeskreis aus dem Jahr 1998:

und eine aktuelle Coverversion von Cluseo und Jan Plewka (Selig) aus dem Jahr 2011:

 


zeit zu lieben zeit zu sterben
von Fritz Kater
Regie: Antú Romero Nunes
Mit: Susanne Böwe, Christian Czeremnych, Julischka Eichel, Peter Jordan, Johann Jürgens, Robert Kuchenbuch, Svenja Liesau, Andreas Leupold, Konrad Hinsken, Wolfgang Morenz, Lukas Müller, Lisa Marie Neumann, Johann Seifert

Weitere Informationen und Karten hier

Foto: Bettina Stöß

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