Gebloggt

Gebloggt #1: In Stroboskopgewittern

Die Insel ist voll Klang – die Insel ist auch voll Leben, was gerade bei Shakespeare voll Liebe, Tod und dunkler Machenschaften heißt, doch auch: voll Witz. Welche Gestalten sich hier tummeln, hier auf der Insel, wo ein gestürzter König seiner Zauberei und seinem dienstbaren Geiste Ariel Macht verdankt, wo Gestrandete aus der Alten Welt von Machtgier wie auch von Liebe bewegt werden – alles auf den verrottenden Überbleibseln kolonialer Massaker.

Prospero beherrscht das Eiland. Er sei mit einer Vision in die neue Welt gekommen, mit dem Traum, eine andere Gesellschaft zu errichten, schreibt der Dramaturg Bernd Isele in seinem Programmheft-Beitrag Universen aus Fusch=Werk: Prospero und Setebos. Der so gebildete wie frustrierte Aussteiger und Inselflüchtling von Prosperos Schlag, dieser Typ fasziniert Autoren bis heute. Sicher nicht zuletzt Krachts‘ Imperium und Juli Zehs‘ Nullzeit sind Zeugnisse dieser Faszination. Die Schöne Neue Welt zu errichten, der Traum davon will und will nicht sterben, so oft die Umsetzung auch scheitert. Ob es die magische Macht eines Prospero, die strukturelle Gewalt in Huxleys‘ Brave New World oder eben das Geld eines August Engelhardt (Imperium) ist – keines der vom Zweck geheiligten Mittel scheint lange bestehen zu können. So gibt auch Prospero nach seiner Vergebungsorgie gegenüber den von Mirandas isolationsbedingter Naivität so gefeierten Schurken die Magie auf und sich ganz dem Urteil anderer hin: Wie ihr wollt, dass man euch verzeih/setz‘ eure Nachsicht mich nun frei. Sein Experiment ist gescheitert, es folgt der Rückzug in die Alte Welt, die Neue wird wieder sich selbst überlassen. Es flieht das ganze illustre Nebeneinander von Ständen, Charakteren, tragischer und komischer Elemente. Der ins Lächerliche verzerrte Aufstand der Säufer, die Liebesgeschichte Mirandas und Ferdinands, das tragische Scheitern eines unfreiwillig Diktator gewordenen Büchermenschen und Visionärs; alles löst sich auf in einer erlösungsgleichen, von Ariels magischen Winden begünstigten Einschiffung, die an die Reise nach Valionor am Ende von Tolkiens Der Herr der Ringe oder auch Finale von Wim Wenders In weiter Ferne, so nah erinnert.

Seiner diktierten Güte, seinem Racheverzicht und seiner umfassende Vergebung zum Trotz bleibt Prospero Erlösung versagt – der Vorhang senkt sich, ehe er ihn passieren konnte. Ohne Magie machtlos bleibt nur er zurück. Er mit Caliban. Caliban, der Sklave. Caliban, der „Vettelauswurf.“ Caliban, über den Prospero sagt: „This thing of darkness I acknowledge mine.“ Für dessen Düsternis er Verantwortung übernimmt als derjenige, durch dessen Liebesverbot an Caliban und Miranda die Verrottung des Sklaven erst einsetzte. Der Ureinwohner mystischen Ursprungs – Sohn der Hexe Sykorax – dessen Verwilderung, Rohheit und Düsternis die weißen Fremden verachten lernen. Obgleich sie selbst sie verursacht haben.

Die Fremden und die ihnen Fremden

Der Sturm ist sicher kein Stück über den interkulturellen Dialog. Über das, was Prospero vom vorher Dagewesenen übrig lässt, errichtet er eine Diktatur, die später wieder aufgegeben und einer Ungutes versprechenden Zukunft überlassen wird – nicht ohne Ekel vor den Schrecken, die die weißen Fremden selbst geschaffen haben. Fühlt man sich nicht unangenehm an Einmarsch in, Militärherrschaft über und überstürzten Rückzug der Amerikaner aus dem Irak erinnert? Wobei – Prospero vertrat immerhin hehre Interessen mit magischer Gewalt, während die guten Vorsätze und höheren Ziele dieses Krieges zumindest stark bezweifelt werden dürfen.

Shakespeares Blick ist der Blick des Entdeckerzeitalters, unser Blick kann nur einer sein, der um die Folgen von Entdeckung, Kolonisation und Zerfall der kolonialen Herrschaft weiß. Shakespeare schaut gewissermaßen vom Anfang der großen Umwälzungen, wir von ihrem vorläufigen Endpunkt. Das Ende von Prosperos Magie, die anderen den Blick auf die Wirklichkeit nun nicht mehr vernebelt, und Ariels befreites Entschwinden – ist es der Zerfall der die Menschen einschränkenden Herrschaftssysteme und Weltbilder der alten Zeit in der alten Welt? Ein Zerfall, der allem, was folgen muss – der befreiten Vernunft wie dem befreiten, vernünftelnden und frömmelndem Wahnsinn – den Weg freimacht?

„Oh, Brave New World, That has such people in’t!“ – dieser Ausruf, obwohl von Miranda ernst gemeint, kann ironisch gedeutet auf einen hinter überdrehter Freude verborgenen Pessimismus im Hinblick auf die Zukunft verweisen, der Shakespeare sicher zuzutrauen ist. Auch der Rückzug der weißen „Fremden“ aus den ihnen fremden Landen, die denen überlassen wird, die den weißen Fremden fremd waren und bleiben, kann so verstanden werden: als Verweis auf einen verzagten Rückzug und die Unmöglichkeit eines Gemeinsamseins der Kulturen, das auf die diktatorische Macht der einen und die Verelendung der anderen Seite beruht. Man hätte es ja gleich wissen können. Jahrhundertelang bluten Unschuldige für das scheiternde Experiment.

In Stroboskopgewittern

Was nun tun die Menschen, die von Prosperos Magie nicht mehr verwirrt werden? Im Stück wenden sie sich ab vom Inseltraum. Sie fliehen übers Meer. Nicht selten ist das Chaos anwesend, nicht nur in Form einer karikierten Revolte. In Stroboskopgewittern wird getanzt. Der Tod umflattert das junge Paar. Es dreht sich die Bühne, ein Kind wird geboren, ein Haus gebaut, es rotiert die Bühne als großes Rad der Zeit. Schwarz-Weiß-Filme flackern projiziert, antik aussehende Fotos, über die die Darsteller den Sand (der Zeit?) rinnen lassen, viel Blut, viel große Projektion, viel Bass. Die durch den Tanz im Angesicht des Unheimlichen zur Schau gestellte Ausgelassenheit verursacht in jenen Gewittern eine an David-Lynch-Filme (vor allem die späten) erinnerndes Unwohlsein. Nichts ist sicher außer der beständige Wandel. Die Insel, dieser vom Ozean ständig bedrohte Schutzraum. ist fragil. Pures Glück lässt die Insel existieren, pures Glück spült die Menschen an ihren Strand. Ein bisschen Pech, alles kann vorbei sein, da hilft auch keine Magie. In seiner dem Zufall verdankten Zeit hat der Mensch Gelegenheit, seine persönliche Insel zu gestalten, ob nun einem Traum oder einer bewussten Abgeklärtheit folgend. Die Protagonisten in Der Sturm nutzen genau diese Gelegenheit – und scheitern auf unterschiedliche Weise: die Säufer mit ihrer Revolte, die Intriganten mit ihren Plänen, den König zu stürzen, Prospero mit seiner Vision einer besseren Welt. Nur mit Miranda und Ferdinand und ihrer Liebe scheint es ein gutes Ende zu nehmen – vorläufig. Immerhin, Ariel erlangt seine Freiheit. Caliban ist und bleibt außen vor, und einer jener durch Unterdrückung deformierten Ausgestoßenen. Es ist ein höchst differenzierter Welteindruck – weder ein totales Scheitern noch eine vor Güte überschäumende Welt. Es gibt Gewinner und Verlierer, Erfolg und Misserfolg. Aus dem großem Inseltraum ist nichts geworden, doch der Liebestraum Mirandas und Ferdinands wird Wirklichkeit – erstmal. Es erfolgt ein Rückzug, der gleichzeitig ein Aufbruch ist – in eine ferne Neue Alte Welt mit ungewisser Zukunft.

Allein, auf die Führung durch die zauberkundige Philosophenkönige von Prospero-Format werden sich die Menschen in Zukunft nicht verlassen können – schon gar nicht auf deren unendlichen Bereitschaft zu Racheverzicht und Vergebung.


Der Sturm
von William Shakespeare
Regie: Armin Petras
Mit: Robert Kuchenbuch, Manja Kuhl, Manuel Harder, Abak Safaei-Rad, Manolo Bertling, Thomas Halle, Sandra Gerling, Horst Kotterba, Peter René Lüdicke, Julischka Eichel, Paul Grill, Stitch

Weitere Informationen und Karten hier

Foto: JU_OSTKREUZ

Holt sich gerade das Jahr zurück, das G8 ihm genommen und gleichzeitig geschenkt hat. Wird nach dem Jahr Philosophy&Economics in Bayreuth studieren. Ist theaterinteressiert. Ist noch nicht desillusioniert genug zu glauben, er könne nicht eines Tages als kreativer Schriftsteller überleben. Isst gern.

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