Nachgefragt

Nachgefragt #1: „Der Tod ist die Schweinerei“- Interview mit Frank Castorf

Ein Auszug aus einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten von Nicole Golombek vom 19.10.2015

Sie inszenieren hier „Tschewengur“ des russischen Autors Andrej Platonov – ein Roman, der nicht einmal im Antiquariat zu kaufen ist.

Natürlich ist es ein hoffnungsloses Unterfangen, einem Zuschauerkreis eine Literatur aus den 1920er Jahren beizubringen, die er nicht kennt. Aber wie soll man sie auch kennen, wenn sie erst seit Ende der 80er Jahre überhaupt zu lesen ist. Diese späte Veröffentlichung wird auch Teil der Inszenierung sein.

Inwiefern?

Ich muss dazu etwas ausholen. Um das Jahr 1988 herum fragte man sich: Wie lange macht es Staatspräsident Gorbatschow noch, und wann putschen die Militärs? In dieser Zeit haben es ein paar Schriftsteller geschafft, in die Archive des KGB zu kommen. Dort haben sie das perfide und hochlogische und brutal physisch folternde Instrumentarium der Geheimdienste analysiert – die Vernehmungsprotokolle. Und sie haben das auferstandene Wort wieder entdeckt. Man hat Literatur wiedergefunden, die beschlagnahmt worden war. Wunderbare Literatur, auch von Platonov, von Bulgakow oder Mandelstam, die durch diesen Umweg der Negation der Geheimdienste wieder an die Öffentlichkeit gekommen ist. Ich werde in der Inszenierung einige dieser Schriften auch einblenden lassen, um die historische Ebene klarzumachen. Wir haben über Guido Knopp jetzt ein bisschen Auschwitz kennengelernt. Aber Auschwitz ohne Öfen – was in Sibirien war –, das kennt kaum noch jemand.

Der Tod ist allgegenwärtig in „Tschewengur“. Es wird viel gestorben, während man den neuen Menschen, den Kommunismus errichten will.

Der Roman handelt ganz tief davon, dass die Schweinerei der Tod ist. Das Phänomen Tod wird in keinem mir bekannten Roman so häufig verhandelt. Platonov geht davon aus, dass der Tod zu überwinden ist. Dafür gab es sehr viele Versuche in den 20er Jahren. Der Aufbruch nach dieser Revolution ist etwas sehr Merkwürdiges. Der Stand der Produktivkräfte und der Produktivität der Arbeit war ausgesprochen niedrig. Aber es gab zugleich eine ungeheure intellektuelle Ballung von Physikern, Medizinern, Futurologen, Raketenforschern. Dazu gehörten auch Stalin und Trotzki, die Experimente mit dem Menschen für die Zukunft machen wollten, die uns manchmal paradox erscheinen. Aber mit unserer Gentechnologie sind wir auf einem Weg in eine ähnliche Zukunft, zumindest versuchen wir das Leben zu vitalisieren. Mit dem Tod ist es anders, wir lassen den Menschen mit dem Tod ziemlich allein.


Den vollständigen Artikel gibt es bei den Stuttgarter Nachrichten.

Foto: Thomas Aurin

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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