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Die Schlange im Ornament

– The Snake in the Ornament

Ein Gespräch mit Hans D. Christ, Direktor des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart

Pfingstsonntag. Terrasse des Kunstvereins. An der Außenwand eine Skulptur des Münchner Künstlers Olaf Metzel: ein aus Beton gegossener Kranz; daneben in weißen Lettern das Wort „Stammheim“.

Bernd Isele: Können wir über diese Skulptur reden?

Hans D. Christ: Klar, sie hat sich über die Zeiten gerettet. Sie ist 1984 im Rahmen der Gruppenausstellung Kunstlandschaft Bundesrepublik entstanden. Der Schriftzug „Stammheim“ wurde noch während der Ausstellung von Unbekannten teilweise übermalt. Olaf Metzel hat das als Reaktion auf seine Arbeit akzeptiert und die Übermalung nicht rückgängig machen lassen. 2001 sollte die Skulptur dann auf Betreiben des baden-württembergischen Finanzministeriums abgerissen werden – vorgeblich um das Gebäude wieder in seinen Originalzustand zurückzuversetzen. Erst durch eine große Protestwelle konnte die Entfernung verhindert werden.

B I: Ansonsten erinnert hier im Schlossgarten wenig an die Lokalgeschichte des Terrorismus.

H C: Das stimmt. Andererseits sind Orte wie der Schlossgarten politisch sehr signifikante Plätze. Seitdem es die ersten Siedlungen gibt, definieren Menschen, die Macht an sich binden, durch Architektur einen Raum. Schon die Errichtung der ersten Kornspeicher definierte Machtverhältnisse. Der Landtag hier gegenüber wird gebaut in einer demokratisch-transparenten Geste – gleichzeitig wird ein ehemaliger Marinerichter Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Das heißt: an einem Ort wie dem Schlossgarten, an der repäsentativen Oberfläche, zeichnen sich konkurrierende Erzählungen ab – und man muss selbst entscheiden, welche Erzählung man favorisiert. Alle repräsentativen Plätze bilden Herrschaftsstrukturen ab und verweisen damit auf ein politisches System – und damit auch auf ein Definitionsproblem, das mit dem Reden über Terrorismus verbunden ist.

B I: Inwiefern?

H C: Allein, dass der Eckensee, der den Württembergischen Kunstverein vom Schauspielhaus trennt, nach dem Krieg nicht mehr oval sondern polygonal angelegt wird, ist eine Geste: im Zuge des Wiederaufbaus galt alles, was symmetrisch war, als anrüchig: genauer gesagt als faschistisch. Was der See räumlich abbildet, ist also die Ablösung einer Herrschaftsstruktur durch eine neue. Dass diese neue Struktur sich nicht nur in Baden-Württemberg, hier aber sehr explizit in der Figur von Hans Filbinger, der Altnazis bedient hat – bis hin zu den Seilschaften des Bundesnachrichtendienstes – sagt erstmal nichts darüber aus, dass die ideologischen Parameter gleich geblieben wären. Aber es zeigt das Problem, das der Bezeichnung „Terrorismus“ innewohnt. Wäre beispielsweise Hans Martin Schleyer, der seit seiner Jugend eng in das System integriert war, während seiner Tätigkeit im deutschbesetzten Prag ums Leben gekommen, wären die tschechischen Widerstandskämpfer in der Zeit des Faschismus als Terroristen hingerichtet worden. Historisch allerdings sind sie legitimiert durch die Tatsache, dass der Staat Deutschland die Integrität eines anderen Landes aufgehoben hat und diese Kämpfer mehr oder minder aus einer Kriegssituation heraus agiert haben. Nun ist es aber so, dass sich nach 1945 eine andere staatliche Rechtsform gründet, innerhalb derer der Terrorismus der Roten Armee Fraktion sich nicht mehr darüber legitimieren kann, dass er um die Rückgewinnung der Integrität eines Staatsgebietes kämpft. Die Parameter sind andere. Was wir als Terrorismus bezeichnen und was nicht, steht deshalb immer in einem Verhältnis zu einer bestimmten Staatsformation, die sich an Plätzen wie diesen abbildet.

B I: Eine von Euch koproduzierte Ausstellung heißt Die Bestie und der Souverän. Sie zitiert einen Aufsatz von Jacques Derrida, der genau dieses Verhältnis zwischen Staat und Macht beschreibt.

H C: Ja, genau. In diesem Aufsatz entwirft Derrida das Bild eines auf leisen Sohlen heranschleichenden Wolfs. Diese Bestie ist durch kein Recht gedeckt. Der Souverän steht allerdings in der Macht, genau dasselbe wie die Bestie zu tun – aber sich dabei mit dem Raum des Rechts auszustatten. Ich habe vor einiger Zeit im Naturhistorischen Museum in Wien das Skelett von einer Riesenschlange fotografiert: in der Mitte hängt die Riesenschlange, darum ein opulenter Rahmen. Die Schlange wird darin selbst zum barocken Zierrat. Die Tötung oder das Verbrechen verschwinden im Ornament.

B I: Und jede Veränderung der Staatsform verändert auch das Ornament …

H C: Ja, meistens ist das so. Die Zeichen des Nationalsozialismus wurden nach 1945 sehr schnell abgeschafft; nach der Wiedervereinigung wurde vieles getilgt, was an die Ideologien Ost-Europas erinnerte. Es gibt aber auch Gegenbeispiele: Die Künstlerin Peggy Buth hat eine Arbeit über das Königliche Museum für Zentralafrika in Tervuren bei Brüssel gemacht. Das Museum steht exemplarisch für die belgische Kolonialgeschichte, die 1884/1885 mit der Berliner Afrikakonferenz beginnt, auf der der Kongo zum Privateigentum des belgischen Königs Leopolds II. erklärt wird. Dieser König steht in Belgien noch immer an jeder Straßenecke. Weil seine Söldner im Kongo den erschossenen Aufständischen die Hände abhackten, um den Mord belegen zu können, werden den Statuen des Königs in Brüssel bis heute regelmäßig die Hände abgeschlagen. In das offizielle Herrschaftsbild schreibt sich damit ein anderes ein.

B I: Die Bilder, die wir heute vom Phänomen des Terrorismus haben, erreichen uns über die Medien. Was erzählen sie – und was nicht?

H C: Sie erzählen, was wir wissen sollen, zum Beispiel dass der sogenannte Islamische Staat in einem Rechtsraum tötet, den wir als Terrorismus bezeichnen – und der das natürlich auch ist. Andere Informationen werden eher versteckt: Wir bekommen keine Informationen darüber, dass der IS mit jedem Stützpunkt der irakischen Armee auch US-amerikanische Waffen erbeutet. Ähnlich ist es bei den Bildern von 9/11. Wenn wir die Bildsuche bei Google anschmeißen, sehen wir hunderte Bilder der rauchenden Zwillingstürme. Die für die USA schmerzlichere Wunde, die auf die Integrität des Staates zielende Attacke auf das Pentagon, taucht dagegen wenig auf.

B I: Angesichts der großen ästhetischen und emotionalen Kraft gerade dieser Bilder. Was ist die Funktion des Bildenden Künstlers?

H C: Ich glaube, dass die Fernsehbilder, beispielsweise der Anschläge von Manhattan, das eigentliche Ereignis eher überblenden und damit ungreifbarer machen. Der Bildende Künstler hat andere Möglichkeiten. Eine der besten Historienmalereien zu 9/11 stammt von Mark Tansey. Die drei auf vier Meter große Ölmalerei trägt den Titel Trio. Dieses Trio wird hergestellt durch zwei Schatten. Erst nach und nach wird deutlich, dass es die Schatten der Zwillingstürme sind, die über dem Hudson River liegen. Das World Trade Center als Schatten. Das beschreibt das Problem, dass in den medialen Bildern der zusammenfallenden Türme das Ereignis nicht fassbar wird.

B I: Muss man wegschauen, um etwas wahrnehmen zu können?

H C: Ja, vielleicht.


 

A conversation with Hans D. Christ,
director of the Württembergischer Kunstverein Stuttgart

It’s Whitsunday on the Kunstverein’s terrace. On the outside wall, there is a sculpture by artist Olaf Metzel from Munich: A wreath cast in concrete, with the word “Stammheim” in white letters beside it.

Bernd Isele: Can we talk about this sculpture?

Hans D. Christ: Sure, it withstood the times. It was created in 1984 as part of a group exhibition called “Kunstlandschaft Bundesrepublik”. While the exhibition was still running, the legend “Stammheim” was partly painted over by unknown perpetrators. Olaf Metzel accepted this as a reaction to his work and chose not to undo the overpainting. In 2001, there were plans to destroy the sculpture at the instigation of Baden-Wuerttemberg’s ministry of finance – allegedly in order to return the building to its original state. Only a massive wave of protest was able to prevent its removal.

B I: Otherwise, there is not much about the Schlossgarten, the palatial gardens, that reminds us of the local history of terror.

H C: That’s true. On the other hand, places like the Schlossgarten are of high political significance. Ever since the first settlements, the people who hold power have defined space through architecture. Even the first construction of granaries was a definition of power structures. The state parliament opposite to us was built as a democratic, transparent gesture – while at the same time, a former navy judge was appointed Minister-President of the state of Baden-Wuerttemberg. This means that in places like the Schlossgarten, at the representative surface, the outlines of competing narratives are visible – and everyone has to decide for themselves which of these narratives they favour. All representative places map hegemonic structures and refer to a political system – and thus to a problem of definition which is linked to the difficulty of talking about terrorism.

B I: In what way?

H C: The very fact that the Eckensee, the lake dividing the Wuerttembergischer Kunstverein from the theatre, was reconstructed after the war as a polygon rather than in its original oval form is a gesture: In the course of reconstruction, everything symmetrical was thought to be dubious, or fascist, to be precise. So the spatiality of the lake illustrates the supersession of one hegemonic structure by another. The fact that this new structure used former Nazis like Hans Filbinger, Minister-President of Baden-Wuerttemberg or the cliques surrounding the Bundesnachrichtendienst (Federal Intelligence Service), in itself does not specify whether the ideological parameters remained the same or not. It does, however, illustrate the problem inherent in the term ‘terrorism’. If, for instance, Hans Martin Schleyer who was closely integrated into the NS-System from his youth, had died in the course of his activities in occupied Prague, Czech resistance fighters would have been executed as terrorists in the fascist era. Historically, however, they are legitimized by the fact that the state of Germany had overridden the integrity of another country and these fighters were acting more or less in a war situation. But after 1945, a different national legal form had been founded, within which the Red Army Faction’s terrorism could no longer claim its legitimization by stating that it was fighting to regain the integrity of national territory. The parameters are different. What we call terrorism and what we do not is always relative to a specific state formation, which finds illustration in places like these.

B I: An exhibition which you coproduced is called Die Bestie und der Souverän (The Beast and the Sovereign). It quotes an essay by Jacques Derrida, describing precisely this relationship between state and power.

H C: Yes, exactly. In this essay, Derrida sketches the image of a wolf, softly creeping closer. This beast is not covered by any law. The sovereign has the power to do exactly what the beast does – except that he is able to claim the sphere of the law. Some time ago I took a photo at the Museum of Natural History in Vienna that shows the skeleton of a giant snake. The huge snake is surrounded by an opulent frame. The snake itself becomes a baroque embellishment. All killing or crime vanish in the ornamentation.

B I: And each variation in the form of government also changes the ornament …

H C: Yes, in most cases it does. After 1945, the insignia of National Socialism were rapidly removed. Following the German reunification, much of what evoked Eastern European ideologies was erased. But there are examples of the contrary: Artist Peggy Buth made a piece about the Royal Museum for Central Africa in Tervuren near Brussels. The museum is exemplary for Belgian colonial history, which began at the Berlin Congo Conference in 1884 / 1885, where the Congo was declared to be the private property of Belgium’s King Leopold II. To this day, there are statues of this king all over Belgium. His mercenaries used to cut off the hands of the insurgents they had killed in order to prove the murders – and so the hands of the king’s statues are regularly cut off. The official image of sovereignty is superscripted by another.

B I: Our images of the phenomenon of terror come to us via the media. What stories do they tell – and what don’t they tell us?

H C: They tell us what we are meant to know, for instance that the so-called Islamic State kills within a legal sphere that we call terrorism – and which it is, of course. Other information tends to stay hidden: We don’t hear that the IS captures US-American weapons at every raid on Iraqi army bases. The same goes for images of 9/11. When we fire up Google’s image search, we see hundreds of images of the smoking twin towers. The other, more painful wound, the attack aimed at the integrity of the state, at the pentagon, hardly ever comes up.

B I: In the face of the enormous aesthetic and emotional power of these pictures in particular: What is the visual artist’s function?

H C: I feel that television images of the attacks on Manhattan, for instance, superimpose the actual incident and end up making it less tangible. Visual artists have other possibilities. One of the best historical paintings about 9/11 was created by Mark Tansey. The oil painting, which measures three by four metres, is called Trio. This trio is formed by two shadows. Only gradually, it becomes clear that they are the shadows of the twin towers, lying across the Hudson River. The World Trade Center as a shadow. It highlights the fact that the media’s images of the collapsing towers don’t help to grasp what happened. You have to look away from something to be able to perceive it.

B I: Do you have to look away from something to be able to perceive it ?

H C: Yes, maybe.

Übersicht zum internationalen Theaterfestival TERRORisms: http://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/projekte/terrorisms-festival/
und hier zum Festivalblog.

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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