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Inszenierungen von Gewalt/ Staging Violence

Ein Gespräch mit Reinhold Görling, Professor für Medienwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf / An interview with Reinhold Görling, professor for media science at the Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Bernd Isele: Herr Görling, als Medienwissenschaftler sind Sie Spezialist für die Wirkung von Bildern. Was sind Bilder des Terrors und Bilder der Gewalt?

Bernd Isele: Herr Görling, as a media scientist, you are a specialist for images’ effect. What are images of terror and images of violence?

Reinhold Görling: Wir atmen, lieben, wir sind offen und verletzbar – körperlich und psychisch. Gewalt weiß von dieser Verletzbarkeit, nutzt sie aus. Ich glaube, es gibt keine Bilder des Terrorismus, die nicht auf die Verletzbarkeit des Körpers anspielen – und sei es symbolisch, etwa in der Zerstörung eines Bildes, einer Statue, eines Hauses.

Reinhold Görling: We breathe, love … we’re open and vulnerable – physically and psychologically. Violence knows of this vulnerability and exploits it. I believe that there are no images of terrorism that do not play on the body’s vulnerability – even if it is only symbolic, for example in the destruction of an image, statue or house.

B I: Und worauf zielen diese Bilder der Verletzbarkeit?

B I: And what is the target for these images of vulnerability?

R G: Wie fast alle Handlungen hat auch Gewalt eine kommunikative Dimension. Dem anderen, dem Opfer seine Verletzlichkeit zu zeigen, ihn zu ängstigen oder einzuschüchtern, ist Teil der Gewalt, auch dann, wenn der eigentliche Zweck der Gewalt ein anderer ist: etwa Unterwerfung oder Enteignung. Wenn Gewalt terroristisch wird, wird die Traumatisierung des anderen zum eigentlichen Ziel. Das Opfer wird dem Täter zum Mittel der Kommunikation, zum Zeichen, für alle, die sich dem Opfer nahe fühlen, aber auch für die, die sich mit dem Täter identifizieren.

R G: Just like most behavior, violence has a communicative dimension. Confronting the other – the victim – with his vulnerability, to frighten or intimidate him, is a part of the violence, even if the actual purpose of violence is different: either subordination or dispossession. When violence becomes terrorist, the traumatization of the other is the actual goal. The victim becomes a means of communication for the perpetrator, a sign for all who feel close to the victims – but also for those who identify with the perpetrators.

B I: Diese kommunikative Dimension terroristischer Gewalt richtet sich an Gruppen oder Gesellschaften. Wie inszeniert sind die Bilder, die auf diese Gesellschaften wirken – und wer inszeniert sie?

B I: This communicative dimension of terrorist violence is aimed at groups or societies. How staged are the images that affect these societies? Who stages them?

R G: Wir alle inszenieren. Die Täter, die Medien, wir, wenn wir darüber sprechen. Es gibt keinen „Krieg der Bilder“, aber sicher so etwas wie ein Kampf um die Vormacht von Inszenierungen. Das findet seinen extremen Ausdruck dann, wenn ein und dieselbe Tat von einer Seite als Widerstand und von der anderen als skrupelloser Akt des Terrorismus bezeichnet wird. Beides sind Inszenierungen.

R G: We all stage them. The perpetrators, the media – we do it when we talk about it. There is no “war of images”, but there is certainly something like a battle of dominance among stagings. This is expressed most extremely when one and the same act is termed resistance by one party, while the other calls it an unscrupulous act of terrorism. Both are staged.

B I: Sie haben eben davon gesprochen, dass Terrorismus auf Traumatisierung abzielt. Gibt es so etwas wie die Traumatisierung von Gruppen oder Gesellschaften?

B I: You just spoke of traumatization. Is there such thing as a traumatization of groups or societies?

R G: Trauma heißt ja Wunde. Traumatisierung ist eine nachhaltige Verletzung eines Lebenszusammenhangs, einer Kohärenz: der eines Menschen, der von Gruppen, Gesellschaften, Kulturen. Das bedeutet, dass etwas abgetrennt wird, abgespalten. Wenn wir intensive Angst haben, dann ist das, als ob wir aus der Welt fallen. Da wir nicht vergessen können, was wir erlebt haben, versuchen wir es wegzupacken, abzuspalten. Das kann das Erlebnis selbst sein, das kann aber auch das sein, was als Glück oder Hoffnung da war. Wir vermeiden dann, überhaupt in eine Situation zu kommen, die uns damit in Berührung bringen könnte.

R G: Trauma means injury. Traumatization is a sustained injury of a life situation, a coherence: for people, for groups, societies, cultures. This means that something is severed, split off. When we experience intense fear, then it’s like falling off the world. Since we can’t forget what we have experienced, we try to store it away, split it off. It can be the experience itself, but it can also be what had been happiness or hope. We then avoid coming into a situation that could bring us into contact with it again.

B I: Wie äußert sich diese Wunde in einer Gesellschaft?

B I:: How does this injury express itself in a society?

R G: Für Gesellschaften bedeutet das zweierlei. Zum einen: Man sucht Halt in einer vermeintlichen Gemeinschaft, koste es, was es wolle. Wir unterwerfen uns der Überwachung. Wir leben und performen den Terrorismus jedes Mal, wenn wir uns am Flughafen durchsuchen lassen, wenn wir nicht dagegen protestieren, dass unsere E-Mails gelesen werden. Kontrolle und Überwachung zersetzen und ersetzen immer mehr die soziale Erfahrung. Und, zweitens, wir vermeiden alles, was uns daran denken lassen würde, dass es anders sein könnte. Die vollständige Utopielosigkeit, in der wir leben, hat hierin ihren Grund. Bloß nichts machen, von dem wir nicht wissen, wie es ausgeht.

R G: It means two things for society. One: you search for a hold in a supposed community, at whatever cost. We submit to surveillance. We live and perform terrorism every time when we allow ourselves to be searched at the airport, when we don’t protest that our e-mails are being read. Control and surveillance increasingly dissolve and replace social experience. Two: we avoid everything that would remind us that it could be different. A complete lock of utopia, the situation in which we live, has its foundations here. Let’s not do anything if we don’t know what will result.

B I: Wäre das Theater ein Ort für beides? Für soziale Erfahrung und für Utopien?

B I: Could theater be a location for both? For social experience and utopias?

R G: Theater ist, wie jede Kunst, eine Handlung, die das Urteil der anderen sucht: ein Urteil, das nicht schon feststeht, das keinem Gesetzbuch folgt, sondern etwas mit Freiheit zu tun hat, wie schon Kant schrieb. Die griechische Tragödie ist das Modell hierfür: etwas dem Chor darstellen, um dann vom Chor ein Urteil sprechen zu lassen. Der Chor stand für die Polis, die Gemeinde. Im modernen Theater sind es die Zuschauer, welche das, was ihnen vorgestellt wird, die je besondere Situation, die je besondere Geschichte, in einen anderen und vielleicht neuen Zusammenhang stellen. In diesem Sinne ist es für das Theater essentiell, auf aktuelle Geschehnisse zu reagieren – im Rückgriff auf alte, genauso wie mit neuen Stoffen. Theater kann zeigen, wie weit Gewalt schon Inszenierung ist, wie weit sie selbst schon Skripten folgt. Und weil Theater, weil Kunst das kann, macht es auch klar, dass es etwas jenseits der Inszenierung gibt – etwas, das nicht greifbar ist, ein „Mit“, das uns anspricht. Jacques Derrida hat einmal gesagt: „Wir können nicht nicht zusammenleben.“ Wenn wir das im Theater spüren, erfahren können, dann hat das Theater alles gemacht, was es kann. Weil wir dann auch wieder frei werden können, darüber nachzudenken, wie wir zusammenleben wollen.

R G: Theater is, like any art, an act that seeks the judgment of others: a judgment that has not yet been determined, that follows no book of rules; instead, it has something to do with freedom, as Kant has written. Here, Greek tragedy is the model: presenting something to the choir, in order to then receive a verdict from them. The choir represented the polis, the community. In modern theater, it is the audience who place what is presented to them – the respective special situation, the respective special narrative – into a different and possibly new context. In this sense, it is essential for theater to react to current events, in recourse to old pieces, as well as new material. Theater can show to what extent violence is already a staging, and to what extent it is already following scripts. And because theater, because art can do that, also make it clear that there is something beyond the staging – something that is not tangible, a “togetherness”, that speaks to us. Jacques Derrida once said: “We can’t not live together”. If we can feel and experience in the theater, then theater has done everything it can. Because then we can also become free again to think about how we want to live together.

Erschienen in dem Programmheft zu TERRORisms. Es steht hier als PDF bereit

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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