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TERRORisms. Ein Festival der Widersprüche

Richtet man von Stuttgart aus den Blick in die Vergangenheit, sind mit dem Schlagwort „Terrorismus“ sehr konkrete Erinnerungen verbunden: Der Südwesten war in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einer der Hauptschauplätze terroristischer Gewalt. Viele Mitglieder der RAF stammten aus Baden-Württemberg, die Stammheim-Prozesse rückten Stuttgart in den Fokus eines weltweiten Medieninteresses, die mit Stammheim verbundenen Einlassungen des damaligen Stuttgarter Schauspielintendanten Claus Peymann polarisierten (nicht nur) das Theaterpublikum.

Seither sind fast vierzig Jahre vergangen – und unser Blick auf das Themenfeld „Terrorismus“ hat sich grundlegend verändert. Der Begriff ist vielschichtiger und unschärfer geworden. Er bezeichnet Gewaltphänomene, die sich nicht mehr in erster Linie gegen ausgewählte Vertreter von Staat oder Wirtschaft richten; terroristische Gewalt zielt in die Breite, äußert sich global und tritt uns in einer verwirrenden Vielzahl von Ausprägungen entgegen. Attentat und Bürgerkrieg, Flucht und Vertreibung, Drohnenkrieg und die Einschränkung bürgerlicher Rechte sind Facetten eines Begriffs, der vom Nahost-Konflikt über die Ukraine-Krise bis hin zur Anti- Terror-Allianz der westlichen Welt vor allem dazu dient, Gewalt und Gegengewalt wechselseitig zu delegitimieren. Das Festival begibt sich auf die Suche nach den Bedeutungsebenen dieses Kampfbegriffs.

Der Titel TERRORisms / Terrorismen verweist bewusst auf die Missverständnisse, die dem Begriff eingeschrieben sind. Was den einen als Terrorismus gilt, gilt den anderen als Freiheitskampf; der Krieg gegen den Terror und der Vorwurf des Staatsterrorismus bezeichnen zwei Sichtweisen auf dasselbe Phänomen. Diese unauflösbaren Widersprüche sind dem Festivalprogramm eingeschrieben. Das Festival versteht sich als Forum, zeigt subjektive Zugänge und stellt kontrastierende Schlaglichter und unvermittelbare Positionen nebeneinander.

Im Zentrum stehen fünf Uraufführungen, die über die Dauer von zwei Jahren im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts der Union des Théâtres de l’Europe (U.T.E.) am norwegischen Nationaltheatret Oslo, dem Jugoslovensko Dramsko Pozoriste Belgrad, dem Habima National Theatre Tel Aviv, an der Comédie de Reims und am Schauspiel Stuttgart entstanden sind. Die einmalige Gesamtpräsentation der Produktionen findet im Rahmen des Festivals in Stuttgart statt. Die Sichtweisen auf das Thema, die historischen und aktuellen Bezüge sind so unterschiedlich wie die Theaterländer selbst: in Norwegen ist der öffentliche Diskurs zum Thema stark mit dem im Jahr 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya verübten Anschlag verbunden. In die Probenzeit des französischen Festivalbeitrags fielen die Anschläge auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hébdo und auf einen jüdischen Supermarkt im Osten von Paris. Der serbische Beitrag widmet sich ausgehend vom Attentat von Sarajevo 1914 der Geschichte des Freiheitskampfs, während der Beitrag aus Tel Aviv von Gewalt und Kontergewalt zwischen Israel und Palästina erzählt.

Den Fokus weiten will das Festival zum einen durch Installationen, Buchvorstellungen, Filmpräsentationen und Vorstellungen aus dem Stuttgarter Repertoire. Was bedeutet „Terrorismus“ mit Blick in die Gefängniszellen von Abu Ghuraib und Guantanamo, nach Indonesien, nach Syrien und auf die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer, ins Feld der Bildenden Kunst und des Films, und wie steht es um die deutsche Perspektive und den Blick auf die RAF und die Morde des sogenannten NSU? Zum anderen diskutieren in einer Reihe von Gesprächen Experten, Wissenschaftler und politische Akteure die Zusammenhänge, etwa von Kunst und Terror, von Terror und Theater, von persönlicher Freiheit und innerer Sicherheit. In der Reihe der Ländergespräche, in Autoren- und Intendantenrunden stellen sich schließlich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler den Fragen, die das vor zwei Jahren gemeinsam verabredete Thema im Hier und Heute aufwirft: fünf Tage Begegnung, fünf Tage für künstlerischen Austausch – mit den internationalen Gästen und mit dem Publikum.

Armin Petras,
Intendant des Schauspiel Stuttgart

Erschienen im Programmheft zum internationalen Theaterfestival TERRORisms. Dieses ist hier als PDF verfügbar

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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