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Fünf Städte, fünf Blicke

von Charlotte Wegen

Das Theaterfestival Scènes d’ Europe in Reims zeigte die Uraufführung von La Baraque von Aiyat Fayez. Eine französische Inszenierung der Comédie de Reims, die diesen Juni nach Stuttgart kommen wird: Während des TERRORisms-Festivals werden Gastspiele aus unterschiedlichen Ländern zu sehen sein.

Seit nunmehr zwei Jahren arbeiten die Theater aus Oslo, Belgrad, Reims, Tel Aviv und Stuttgart an einem internationalen Projekt der Union des Théâtres de l‘Europe. Als Mitglieder dieses besonderen Theaterbündnisses befassen sie sich thematisch mit einem Gegenstand, der vielschichtiger nicht sein könnte: Terror. Ein Begriff, der trotz seines Singulars ausschließlich Pluralität kennt, der trotz seiner Bilder des Schreckens im Wesentlichen verschwommen bleibt. Wie also sich solch einem delikaten Gegenstand nähern, ohne gewaltsam darüber hinweg zu bürsten? Und vor allem, wie sieht diese Annäherung bei jenen Theatern aus, die sich am TERRORisms-Festival beteiligen?

Diese Fragen, sie begleiten die Reise in die Champagne: Reims. Geradezu malerisch scheint die Stadt im Stillstand, ein Bild ferner Zeiten. Nur die Plattenbauten drum herum verraten den Spuk postmoderner Vereinzelung, der die Gegenwart prägt. Im verträumten Zentrum liegt auch das Theater „Comédie de Reims“, dessen Abendprogramm allerdings wenig Traumcharakter besitzt. Vielmehr steht hier eine Dystopie im Vordergrund, die längst nicht mehr nur fiktionale Zukunftserzählung ist. Diejenigen, die ihrem gewaltvollen Inhalt dennoch zuhören, stimmt sie an diesem Abend nachdenklich. So sind bei La Baraque auch Vertreter des TERRORisms-Festivals zu Gast; Mitwirkende eines Theaterprojekts also, die sich sehr ernsthaft mit einer Welt auseinandersetzen, die sprachlos scheint. Denn in ihr droht sich ein wie auch immer gearteter Terror lautzumachen. Der scharfe Ton, nach Ilan Ronen generiert er vor allem eines: Angst. Und genau hierin gründet sich laut des Präsidenten der UTE die Kraft von Kunst, von Theater. So spiele die israelische Inszenierung des Habima Nationaltheaters God Waits at the Station genau mit diesem verhängnisvollen Gefühl namens Angst, das wohl jeder, der in Israel lebt, kennt. Im theatralen Spiel gibt man damit dem eine Sprache, wofür es ansonsten kaum Worte gibt. Und diese Sprache berührt, gerade weil sie die Menschen auf der Bühne und im Zuschauerraum verbindet.

Den Projektbeteiligten an diesem Donnerstagabend in Reims zu begegnen, verdeutlicht aber auch die verschiedenen Blickwinkel. Allein, die Blicke treffen sich: Sie suchen nach einem spielerischen Umgang mit jenem Terrorbegriff, der sich auf unterschiedliche Weise in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben hat. Ebenso mannigfaltig wie das Phänomen Terror erscheint, ist dabei auch der spielerische Umgang. Denn der modernen Geschichte vom Terrorismus liegen verschiedenste Erzählperspektiven zugrunde. Die Gastspiele zeigen also bloße Fragmente eines Weltphänomens. Gleichberechtigt stehen sie nebeneinander. In ihren Erscheinungen machen sie keinen Anspruch auf Deutungshoheit geltend. Ohnehin verweisen Erscheinungen eines Phänomens nicht auf ein Ding, dessen verblassendes Abbild sie sind, sondern aufeinander. Das Phänomen selbst verbirgt nicht ein Wesen, sondern das Wesen wird enthüllt, indem es sich als Grund einer Reihe von Erscheinungen zeigt. Eine mögliche Antwort auf die einleitenden Fragen: Gerade in der Phänomenologie gründet sich die Dringlichkeit eines Festivals über Terror. TERRORisms ist also ein transkulturelles Theaterfest, das das Phänomen des Terrors durch die theatrale Darstellung seiner Erscheinungen enthüllt.

„Plötzlich gab es da eine andere, tiefergehende Ernsthaftigkeit, die Erfahrung nämlich, dass Terror nicht nur den Einzelnen betroffen macht, sondern jeden betrifft.“ Ludovic Lagarde

Doch wie genau werden die Erscheinungen des Phänomens Terror hier theatral dargestellt? Grand und Petit sind die beiden Protagonisten in La Baraque. Nicht nur ihre Namen verraten die stilistische Entindividualisierung derer sich der Autor Aïat Fayez bedient. Die Figuren, sie sind Platzhalter: Haben die beiden zunächst den Plan eines Attentats qua selbstgebauter Bombe gesponnen, so sollen sie sich alsbald im Netz politischer Forderungen verstricken. Ex negativo schärft sich hier die Kontur der Ideologien, die sie selbst nicht verfechten: Denn Klein und Groß mangelt es an einem politischen Bewusstsein, das die Tragweite menschlichen Handelns zu reflektieren sich anmaßt. Sie werden zu Marionetten unhinterfragter Mächte, an deren seidenem Faden gleichzeitig ihr Profitgedanke hängt. Was einst als hauseigene Bombe konzipiert war, akkumuliert zum Waffenhandel gesichtsloser Opportunisten. »Im Takt des Geldes« tanzt das gewissenslose Kriegsgeschäft und gleicht dabei einer Maskerade. Dass La Baraque in Zeiten der Pariser Anschläge auf Charlie Hebdo erarbeitet wurde, hat nicht nur die Dringlichkeit aufgezeigt sich mit Terrorismus auseinanderzusetzen. Es habe auch die Stimmung innerhalb der Proben verändert, so der französische Regisseur. „Plötzlich gab es da eine andere, tiefergehende Ernsthaftigkeit, die Erfahrung nämlich, dass Terror nicht nur den Einzelnen betroffen macht, sondern jeden betrifft“, erzählt der Regisseur der Inszenierung Ludovic Lagarde sehr eindringlich.

Die norwegische Performance We chew on the bones of time des Nationaltheaters aus Oslo hingegen zeigt eine Arbeit, deren Text der Autor und Regisseur Jonas Corell Petersen in die metaphorische Gestalt einer Arche Noah-ähnlichen Apokalypse kleidet: Vier junge Personen sind es, die noch einmal die großen Fragen menschlicher Existenz aufwerfen. Sie richten sich an eine denkwürdige Entwicklungsgeschichte, deren Inhalt der Mensch selbst ist. Dabei sind sie selten einer Meinung, immer wieder entzünden sich Streitigkeiten, die zwar komisch scheinen, aber doch auch die Tragik menschlicher Kommunikation bergen.

Petersens Figuren tun dabei weitaus mehr als in launigen Gesprächen nach den Zuständen längst vergangener Zeiten zu fragen: Der phantasmagorische Entwurf einer früheren, wie auch immer gearteten Welt, impliziert die desillusionierende Faktizität der jetzigen. Abermals verweist das Andere auf das Eigene, die dezidierte Frage auf das Enigma der Antwort. Banalitäten des Lebens stehen so einer Tiefsinnigkeit des Seins entgegen, das im Schatten einer grausamen Welt gleichzeitig auch ihr Licht sucht.

 „Man könnte etwas sarkastisch sagen, dass ein ordentlicher Angriff des Gegners beim Auffinden der eigenen Frontlinie hilfreich sein kann.“ Fritz Kater

Mit Geschichte befasst sich auch Milena Markovic´. Als Autorin des serbischen Beitrags, der vom Belgrader Theater Yugoslav Drama Theatre stammt, widmet sie ihr Stück der serbisch-nationalistischen Unabhängigkeitsbewegung: Gavrilo Princips Hand, die die Kugel auf Franz Ferdinand abfeuerte, hielt auch jenen Stift, der Weltgeschichte schrieb. The Dragonslayers ist also ein Stück, in dessen Zentrum ein Freiheitspostulat steht, das in erster Linie kein patriotisches, sondern ein philosophisches ist.

Dabei verwendet auch die Regie (Iva Miloševic´) die Form einer reflexiven Geschichtsstunde. Sie desavouiert ihren Inhalt nicht mit edukatorischen Instanzen, sondern kristallisiert Bedeutung(en) heraus; „die Welt beruht nicht auf Tatsachen, sondern auf Interpretationen.“ Protagonist ist ein bewaffneter junger Mann, der zugleich Sinnbild ist, für einen Freiheitsgedanken, der zeitlos scheint. Das Gewesene, es tritt hier mit der Jetzt-Zeit in eine Konstellation und zeigt als Bild Büchnerische Automaten, deren Determination – statt im Defätismus zu erkalten – absolute Emanzipation entzünden möge.

Weitaus direkter in seiner politischen Formulierung stellt sich God Waits at the Station von Maya Arad dar, referiert das Stück aus Tel Aviv doch sehr explizit auf palästinensische Terrorakte. Gleichzeitig vergisst die Perspektive nicht die israelische Kontergewalt, die sich mit dem Feindeslager assoziiert. So leuchtet Maya Arads Text letztlich eine fragmentierte Wirklichkeit aus, die sich in unverbindliche Steinchen von Wahrheiten zersplittert hat. Ihre Figuren suchen nach der Schuld, nach dem Terroristen und verlieren sich im zirkulären Tötungskreislauf, der jede eigene Gräueltat in Beziehung zu einer fremden setzt. Jedes Schicksal verweist auf ein anderes, gefangen in Relationen sind die Trennlinien längst dissimulierte und zeigen eine Kette von Stellvertretern auf, die auch keine weitere Bombe zu sprengen vermag. Ihr Zentrum ist seit jeher leer. Die Welt, bei Arad hat sie einen Riß und offenbart einen Kern, der beiden Seiten innewohnt: Im Benjaminschen Sinne sind sie mythische Gewalt.

Was in den anderen Gastspielen pessimistisch anklingt, findet in 5 morgen seinen apokalyptischen Schlusspunkt. Der deutsche Beitrag zu TERRORisms stammt aus der pseudonymen Feder eines Fritz Kater und zeichnet ein synoptisches Gesellschaftsbild, in das eine tödliche Epidemie sich fräst. Doch ist das Fleisch längst ein krankes, zermürbt von jenem parasitären Zeitgeist, der es bislang bewohnte. Der virale Befall ist dabei ebenso toxisch wie sein Wirt: Beide mehren sie sich auf dem trüben Grund der Undurchsichtigkeit, allerdings mit unterschiedlicher Saat. Denn die kursierende Seuche generiert Menschlichkeit, während die andere, implizitere Krankheit bei Kater den Namen Postmoderne trägt. Aus dem Bodensatz dieser spätkapitalistischen Welt weissagt er. Wie die Autos vom Fließband, strömen nicht nur die Menschen in die Revue, sondern sie tanzen auch zum synthetisierten Elektroklang, der sich in die bereits mechanisierten Köpfe hämmert.

Die Gastspiele des TERRORisms-Festivals entfalten dabei in der Summe ihrer Teile eine besondere Wirkung. Indem das Phänomen Terror in der Reihe seiner theatralen Erscheinungen unterschiedliche Ausleuchtung erlangt, offenbart sich das verbindende Element. Ein Dazwischen, aus dessen Abgrund das Dunkel menschlichen Daseins irrlichtert.

Allein, was ist wirksamer, als dem archaischen Theater von Gewalt, wie Jacques Derrida den Terroranschlag von 2001 einst bezeichnete, ein Theater(festival) entgegenzusetzen, das die wohl archaischste Ausdrucksform des Menschen manifestiert? Ein Spiel mit Festcharakter. Im Juni ist es ein Zusammenspiel, das Grenzen von Kulturen aufhebt. Grenzen, die Terror benötigt, um den Menschen in Angst einzuhegen.

Karten und eine Programmübersicht auf der Homepage des Schauspiel Stuttgart und weiterführende Informationen auf dem TERRORisms-Blog.

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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