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„Im Stein muss ich graben“

Im Gespräch mit Clemens Meyer

Im Sprechen über den Roman tauchte die Frage auf, was man eigentlich kauft, wenn man zu einer Prostituierten geht. Wie würdest du aus dem Text heraus diese Frage beantworten?

Sexus. Manchmal Nähe. Auslebung von Trieben und Phantasien, eigentlich ist es immer verschieden. Manche denken, sie würden die Frau kaufen, das Fleisch, die Seele, aber das weisen die Frauen ja von sich.
Die Männer nutzen im besten Falle ein Angebot, bekommen eine sexuelle Dienstleistung. Im besten Falle wohlgemerkt.

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Wir haben in der Probenzeit über das Motiv des Todes debattiert – auch darüber, wer von den Figuren überhaupt tot bzw. lebendig ist, wer wiederkehrt usw. Ist der Roman mehr noch als ein Buch über Prostitution auch ein Buch über den Tod geworden?

Sexus und Tod, Eros und Thanatos. Es funktioniert auf mehreren Ebenen, sie sind in einer Realität und in einem Totenreich zugleich. Orpheus steigt herab und hinauf. Die Frauen sind die Lebenden, die Säulen dieser Welt. AK ist gestorben, Hans berührt den Tod und wird ihn nicht mehr los.
Wie lebt man und vor allem wie stirbt man.

Um uns dem Roman und den Strängen zu nähern haben wir versucht, eine Zeitleiste zu erstellen, dann aber festgestellt, wie sehr der Roman sich immer wieder dem chronologischen Erzählen verweigert. Du hast nicht nur montiert und umgestellt, es gibt auch Zeiten, die nicht klar zu fassen sind. Inwiefern ist der Roman nicht nur „im Stein“, sondern auch „im Fluss“ beziehungsweise sogar ein „freier Fall durch die Zeiten“?

Es gibt zwei Romane von Thomas Wolfe, Of time and the River und The Web and the Rock, da sind diese Motive aus Im Stein in den Titeln drin. Jedes Kapitel kann man zwar zeitlich irgendwie einordnen, manchmal erst nach zwei, drei Seiten, aber sie sind dennoch in einem Strom, die „Silberfäden“, wie es im Roman heißt, führen hin und zurück, in the Year 2525 und in die Schichten von Zeit und Stein.

_DSC8669Immer wieder hat man das Gefühl beim Lesen des Romanes schwindelig, fast betrunken zu werden. War das eine deiner Intentionen?

Naja, das weiß ich nicht so genau, aber einen Rausch aus Sprache wollte ich auf jeden Fall erzeugen. Einen Gesang der Nacht, eine Odyssee, von Sexus zu Marx zu Cygnus X-1, dem schwarzen Loch. Sternennebel und Kanackenattacken, Mythos und Realität … Aber dazu braucht es Säulen, AK, Hans, die Frauen, die das alles irgendwie tragen.

Welche Texte und Erzählungen haben dich beim Schreiben von „Im Stein“ stark inspiriert?

Oje, das sind viele, ich habe ja Jahre an dem Roman gearbeitet. Da ist natürlich Das Kapital von Marx. Dann Alice im Wunderland und Alice im Spiegelland, aus denen ich sogar einige Sätze zitiere. Celines Reise ans Ende der Nacht, Wolfgang Hilbig war immer da, Hubert Fichtes Die Palette und überhaupt Hubert Fichte … Die Märchen der Grimms, Science Fiction
Literatur und die Edda

Während wir unseren Alltag gewöhnlich chronologisch ordnen und strukturieren, scheint die Zeit für die Figuren Im Stein zu zerfließen. Gestern und Heute prallen aufeinander. Welche Bedeutung nimmt Zeit für die Figuren des Romans ein? Haben sie ein anderes Verhältnis zu Zeit und Ordnung, als die Menschen, die du in deiner Umgebung täglich beobachtest?

Schwer zu sagen. Es sind eher die Räume, die sich um sie verändern oder eben nicht verändern und das ist dann Zeit. Sitze ich fünf oder mehr Jahre in einer Wohnung und warte auf Gäste, also als Frau, als Hure, dann ist der Prozess der Zeit sicher ein anderer, ein gedehnter. Es ist nicht so, dass die Figuren des Romans nur nachts unterwegs sind, aber sie bewegen sich manchmal wie in Zeitlupe, wie durch Nebel, „der weiße Nebel wunderbar“ taucht ja auch auf. Sie sind müde, erleben aber gleichzeitig einen Exzess. Gewalt, Gier, Macht, dennoch suchen sie Regeln. Versuchen sich im Chaos Regeln zu schaffen. Ist es der „Augenblick verweile doch“ oder ist es das „Weiter, immer weiter, immer höher“, ich weiß es nicht._DSC8581

Die Lebensläufe deiner Figuren wirken sehr detailliert und genau. Allerdings schildern sie dem Leser nur Bruchstücke und Ausschnitte ihrer Leben. Teilst du noch Geheimnisse mit deinen Figuren, die nicht im Roman benannt werden?

Nein. Manchmal ist es nur ein Satz, der etwas Elementares über eine Figur sagt. Oder die Geste einer Figur, die in den Schnee greift. Oder den Tod sieht oder einen Traum. Sie haben Geheimnisse, Leerstellen, aber die braucht es.

Der Titel spielt für die Inszenierung eine große Rolle, im Roman taucht die Formulierung „im Stein“ mehrfach auf und wird von verschiedenen Figuren unterschiedlich verwendet – was verbindest du damit?

Die Idee von Figuren, Menschen, die wie in einem Bernstein gefangen sind. Die hatte ich schon bei Gewalten, wo ein Kapitel, ein Text, „Im Bernstein“ heißt. „Im Stein“ ist dann noch archaischer, aber auch zärtlicher, im Bernstein sieht man sie ja, im Stein muss ich graben. Wie Urzeitfische sind sie da und
so werden auch wir sein. Der Stein ist das Bergwerk, die Immobilie, das Grab, das versteinerte Herz aus dem Märchen, und die Erde ist ja auch ein Stein der sich im Raum bewegt.

Im Stein_Foro Ilja-Duron_honorarfrei-2_kleinWas erwartest oder wünschst du dir von einer Umsetzung deines Romans im Theater?

Ich erwarte alles und nichts, das macht es ja so spannend. Eine Transformation. Stimmen. Musik. Ein Angriff. Etwas Neues. Den Roman wegwerfen und dann wiederfinden. Geister und Gier. Ich freue mich und bin gespannt.

Ecki sagt einmal im Roman sinngemäß „ich mache hier ja modernes Theater, ich muss mich nicht um Zeiten oder Quoten kümmern“.Was magst du am Theater?

Das es mich ergreift. Das es mich angreift. Herausfordert. Beschäftigt. Mich auch mal verhöhnt. Ich liebe ja die Montage, das Schneiden, ja, man muss auch zertrümmern, der Hardcore Detektiv MIKE HAMMER trifft Heiner Müller
oder wen auch immer.

Die Fragen stellten Jeffrey Döring und Katrin Spira


 

Im Stein
Nach dem Roman von Clemens Meyer
Regie/Bühne: Sebastian Hartmann

Uraufführung am 18. April 2015 im Schauspielhaus
Weitere Informationen …hier

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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