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Die Lücke im Herzen, die uns täglich antreibt

Ein Gespräch mit dem Regisseur Simon Solberg

Nach „Urgötz“ bringst du einen weiteren Sturm und Drang Text von Goethe in  Stuttgart auf die Bühne. Was reizt dich an Goethes frühen Texten?

Simon Solberg Die Radikalität und Sprengkraft, die diese Texte in sich tragen. Ich bin immer wieder fasziniert wie viel von unserem heutigen Lebensgefühl oder gesellschaftlichem Mangel Goethe damals schon beschrieben hat.

Was reizt dich daran, einen Briefroman auf die Bühne zu bringen?

Die Romanstruktur erlaubt es uns, über das Einzelschicksal von Werther hinauszugehen und ein gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben. Dadurch, dass alle fünf Schauspieler und der Musiker versuchen, sich Werthers Briefen zu nähern, beleuchten wir verschiedene Gruppierungen unserer Gesellschaft, ihre Sicht auf ihr Leben und ihre Suche nach der
Lücke im Herzen, die uns täglich antreibt.

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Der Abend beginnt in einem Büro. Woran wird gearbeitet?

Wir gehen von einer Grundsituation aus, in der Emotionen
aus ökonomischen Gründen komplett aus der Arbeitswelt, die unsere Gesellschaft bestimmt, verbannt wurden. Das Phänomen „Liebe“ wird anhand alter Fälle von Verbrechen aus Affekten untersucht. Die Forscher lassen sich zunehmend in den Fall hineinziehen und identifizieren sich mit den Figuren der Geschichte.

Ist Werther ein Aussteiger?

Werther fühlt sich in der Gesellschaft, die ihn umgibt und die auf Arbeit und Leistung basiert, fremd und unverstanden. Mit Homers Odyssee im Gepäck macht er sich auf eine Reise nach Wahlheim – bei uns in seine Seelenlandschaft.

Wo liegt dieses Wahlheim für dich?

Goethe beschreibt die Faszination Werthers an den einfachen Menschen, der Wildheit der Natur, und den Wunsch „an einem vertraulichen Orte ein Hüttchen aufzuschlagen“. Daher liegt Wahlheim bei uns in den letzten Flecken unberührter Natur der Welt, irgendwo zwischen dem Kongo und Amazonien.
Dort trifft Werther auf Einheimische, indigene Völker und in Person von Lotte und Albert auf Europäer, die sich selbst verwirklichen.

Werthers Briefe sind radikal und emotional. Haben wir heute größere Schwierigkeiten unsere Emotionen zu formulieren?

Emotionen sind bei uns so lange formulierbar, so lange damit ein Produkt verkauft werden kann oder sie zum persönlichen Vorteil verhelfen. Ab dem Moment, in dem sie in Verbindung mit Problemen oder Verantwortung stehen, vermeiden wir mehrheitlich das Verlautbaren von Emotionen, obwohl sie doch omnipräsent sind.

Was fasziniert Werther an Lotte?

Ihre Bereitschaft sich ganz in den Dienst einer Sache zu stellen und ihr Herzblut zu opfern auch auf die Gefahr hin, dabei selber zu Grunde zu gehen.

Eine Art Mutter Theresa?

Für mich ist Lotte Europa: aufgerieben zwischen humanistischen
Grundwerten, dem Wunsch nach Wertschätzung und dem kompletten Ausverkauf der totalen Marktwirtschaft. Lotte ringt mit ihren Emotionen und ihrem schlechtem Gewissen und doch gelingt es ihr am Ende nicht, sich in letzter Konsequenz einem Wandel zu stellen, und dafür Sicherheit und Status aufs Spiel zu setzen.

Und was reizt Lotte an Werther?

Das Gleiche, was sie auch ängstigt – die Radikalität seiner Emotionen und Sichtweisen. Werther weigert sich den Regeln unserer Sozialisation länger zu folgen, deswegen auch sein Hang zu Kindern; er lebt seine Gefühle aus und lässt sich ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen oder Marktfähigkeit von ihnen leiten.

Welche Rolle spielt Albert in diesem Spiel? Produziert unsere Gesellschaft Figuren wie Albert?

Albert ist WIR, die Erste Welt, der Westen, mit allen Vor- und Nachteilen. Von der Krankenversicherung bis zu wirtschaftlich motivierten Kriegen, von der Demokratie bis zur Ausbeutung der Dritten Welt und dem Massenmord an den Grenzen Europas.

Also der Status quo, den wir mit allen Mittel zu verteidigen suchen?

Albert ist die Konstante, die Sicherheit und zugleich der Grund warum so viele langsam und stetig vor die Hunde gehen. Er verkörpert das, was Heinz Bude in seinem neuen Buch unsere Gesellschaft der Angst nennt. Unsere Gesellschaft wurde so lange zu wirtschaftlicher Rentabilität versozialisiert, dass sie nur noch in ihren Mechanismen denken kann und fehlende Arbeitsplätze und Rezession der Wirtschaft eine kollektive Depression und Lähmung verursachen. Ihm und uns fehlt der positive Gegenentwurf von Europa, der Mut zur Veränderung auf Grund von Angst vor Statusverlust und genährt durch die Angst, dass der jahrhundertelang ausgebeutete Süden irgendwann auch etwas von ihren vom Westen geraubten Wirtschaftsgütern abhaben will. Es ist die
„Lücke“, die wir alle in uns tragen, die uns die Grenzen um den Reichtum der EU immer höher ziehen und das Arbeitspensum für alle ansteigen lässt, anstatt anzufangen uns der Frage zu stellen, was das Leben eigentlich sein kann außer Arbeit und Konsum.

Ist Werther krank oder der einzig Gesunde?

Diese Antwort würde ich gerne dem Publikum überlassen …

Die Fragen stellten Anna Haas und Mona Rieken.


Die Leiden des jungen Werther
nach dem Briefroman von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Simon Solberg
Mit: Ole Lagerpusch (Werther), Julischka Eichel (Lotte), Gunnar Teuber (Albert), Hanna Plaß (Base), Matti Krause (Bauersbursch), Sven Kaiser, Sven Kaiser (Wilhelm/ Live-Musik), Emma Oberpaur/ Anna Gesche (Herz)

Fotos: JU_OSTKREUZ
Weitere Informationen und Karten …hier

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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