Nachgefragt

… zwischen dem Gestern und dem Heute

Pfisters Mühle ist der zweite Teil einer Trilogie, die Armin Petras auf der Bühne des Schauspiel Stuttgart realisiert: der Weg von Wilhelm Hauff zu Wilhelm Raabe führt vom romantischen Schwaben in die Gründerzeit.

Der Regisseur Armin Petras  im Gespräch:

Du hast im Februar 2014 Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ für die Bühne adaptiert, seit November ist am Schauspiel Stuttgart die Bühnenversion von Wilhelm Raabes „Pfisters Mühle“ zu sehen. Wo liegen die Unterschiede, wo die Parallelen zwischen diesen beiden Vorlagen?

Beide Wilhelms, Hauff und Raabe, verbrachten wichtige Lebensjahre in Stuttgart – und beides sind Autoren mit großem Gespür für die drängenden
Fragen der Zeit. Hauff widmet sich in Das kalte Herz den Anfängen des Kapitalismus hier in der Region, Raabe schreibt diese Geschichte im Jahr 1884 in seine Gegenwart fort. Zwischen den beiden Texten liegen genau fünfzig Jahre – und es ist erstaunlich, in welch rasendem Tempo sich die Welt in diesem halben Jahrhundert verändert. Hauff kleidet seine Analyse in das urromantische Sujet des Märchens, bei Wilhelm Raabe ist »das alte romantische Land« nur noch in der Erinnerung des Erzählers präsent: er reist an den Ort seiner Kindheit und Jugend – und findet dort statt der väterlichen Mühle nur noch die Baukräne der entstehenden Industrielandschaften.

„Pfisters Mühle“ gilt als erster Umweltroman der deutschen Literatur. Liegt darin die Relevanz des Stoffs?

Es gibt keinen anderen deutschen Autor, der derart früh und direkt auf das Problem der Umweltverschmutzung hingewiesen hat – insbesondere auf die industrielle Verwüstung von Flusslandschaften. Raabe hat damit ein Thema aufgegriffen, das bis heute aktuell geblieben ist – auch hier in der Nachbarschaft, entlang des Neckars. Pfisters Mühle ist aber nicht nur ein Umweltroman sondern auch ein Roman über eine Zeitenwende. Die Menschen schauen zurück in das Land ihrer Kindheit – und blicken in Gesichter, die ihnen fremd geworden sind. Der Fluss der Zeit ist über alles hinweggegangen. Die, die schwimmen konnten, sind Unternehmer oder Aktionär geworden. Die, die nicht schwimmen konnten, liegen als stille Verlierer im Schlamm. Die Zeitenwende zerstört also nicht nur die Landschaft sondern auch die Harmonie zwischen dem Gestern und dem Heute.

Der Roman trägt den Untertitel „Ein Sommerferienheft“. Das klingt zunächst sehr undramatisch.

Pfisters Mühle ist keine Kampfschrift. Wilhelm Raabe erzählt die Geschichte mit viel Humor und ohne jede Larmoyanz. Am Ende des Romans gibt es – scheinbar – nur Sieger und geläuterte Verlierer. Selbst der alte Pfister, der alles verloren hat, kommt am Ende fast lächelnd zu der Einsicht, dass er ein Leben lang an etwas Falsches geglaubt hat. Wenn etwas dramatisch ist an dieser Geschichte, dann die Tatsache, dass keiner der Handelnden ernsthaft aufbegehrt und dass die Menschen der neuen Zeit nichts entgegenzusetzen haben. Auch das macht die Protagonisten des Romans zu modernen Figuren.

Aus dem Journal Nr. 14 der Staatstheater Stuttgart …hier

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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