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Auf dem rechten Auge blind

Dirk Laucke über sein neues Stück Furcht und Ekel, sehr frei nach Brecht und Kroetz

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Franz Wille «Furcht und Ekel» handelt vom alltäglichen Rechtsextremismus und trägt den schönen Untertitel «Das Privatleben glücklicher Leute». Was ist das Glück dieser Leute?

Dirk Laucke Schon der Titel ist natürlich eine doppelte Anlehnung, einerseits an Brechts «Furcht und Elend im Dritten Reich» und Franz Xaver Kroetz’ «Furcht und Hoffnung in der BRD». Und der Untertitel von Brecht in der amerikanischen Fassung ist «Private Life of the Master Race», also das Privatleben der Herrenrasse. Das sind wir zwar immer noch, würden uns aber nie so bezeichnen. Was sind wir dann? Wir sind eben die glücklichen Leute. Mit all dem Alltagsrassismus, der uns in banalen Situationen über den Weg läuft.

FW Das dramaturgische Muster sowohl bei Brecht als auch bei Kroetz ist die locker zusammengestrickte Szenencollage: also der Versuch einer Sicht, die sich aus vielen Perpektiven und unterschiedlichen Konstellationen zusammensetzt. Man hätte das Thema auch anders in den Blick nehmen können. Indem man sich beispielsweise auf eine Figur konzentriert, also wie bei Elfriede Jelinek auf das titelgebende «Schweigende Mädchen» frei nach Beate Zschäpe oder die beiden Uwes, Bönhardt und Mundlos. Warum die eine Form und nicht die andere?

Laucke Die beiden Uwes kursierten natürlich zusammen mit der Dame in meinem Kopf. Sie sind aber für meine Begriffe nicht so interessant. Interessant für mich wäre an ihnen die Rolle des Verfassungsschutzes. Aber darüber weiß ich nicht genug – wissen wir alle nicht …

FW … also wie weit der Verfassungsschutz über V-Leute die Mordserie selbst unterstützt haben könnte …

Laucke … genau. Da scheint mir auch nach allen Ermittlungen vieles noch ungeklärt. Und ich warte natürlich darauf, wann diese Sachen über den Verfassungsschutz endlich herauskommen. Was zwingend zu Änderungen beim Verfassungsschutz führen müsste. Das war zwar schon vor dem Prozess klar, aber jetzt kann man, glaube ich, nicht mehr daran vorbeischauen. Denn die rechte Szene wurde mit der Praxis der V-Leute finanziell wie personell unterstützt. Dabei ist mir schon lange klar, dass diese V-Leute schwer durchschaubare Doppelspiele gespielt haben und der Staat auf dem rechten Auge oft blind war. Aber eben wegen der vielen Unklarheiten, die ich auch nicht selbst ausrecherchieren kann, habe ich die NSU in meinem Stück nur assoziativ angesprochen.

FW Also keine Leerstelle im Stück, dass in dem Szenengeflecht keine NSU-Szene vorkommt?

Laucke Ich habs versucht: Campingplatzszenen an der Ostsee zum Beispiel. Da gibts ja auch schöne Fotos, und sie haben sogar Besuch bekommen dort. Aber das brachte mich alles nicht weiter, weil es eben den Fokus auf dieses spezielle Trio richtet. Und worüber hätten die sich gestritten? Sie waren sich einig in ihrem Wahn. Man hätte unweigerlich nur deren Geschichte personalisiert und aus ihrer speziellen Privatheit erklärt. Außerdem bin ich immer noch viel zu geschockt – vor allem aber vom Versagen des deutschen Staates, denn von diesen Nazis wäre genau das, was sie über Jahre taten, zu erwarten gewesen. Über die NSU wird es sicher bald spektakuläre deutsche Filme geben, aber das ist nicht mein Bier.
14_11_Schauspiel-Stuttgart_Furcht-und-Ekel_0584_webFW Was hat Sie stattdessen interessiert?

Laucke Mein Anliegen war vielleicht viel einfacher, anhand der Beispiele die verschiedenen, oft wesentlich unspektakuläreren Erscheinungsformen faschistischer Ideologie im heutigen Deutschland zu zeigen. Und großes Obacht: Meist stehen nicht die Vorfälle selber im Zentrum, sondern der Umgang mit ihnen.

FW Nämlich?

Laucke Verschiedene Dinge führen zu einem mäßig bis schlechten Umgang mit faschistischer Ideologie bzw. Handlungen, die aus ihr resul tieren. Zum Beispiel Angst, wie in Szene 11: Die Uckermärker haben schlicht und ergreifend Angst, wenn sie sich gegen Braun engagieren, und das leider zu Recht; genauso der Antifa Fabian, der sich von seiner Freundin trennt in Szene 14. Dann Abwehr und Leugnen aus Selbstschutz und Verantwortungsverschiebung, zum Beispiel das Verhalten der U-Bahngäste in einer Kinder-Kino-Szene; die Lehrer in der 15. und Karl in der 1.; die Kita-Erzieherin, der der 9. November egal ist; der Bio-Bauer in Szene 4. Dann haben wir die Mittäterschaft von Danny, der sich lediglich nicht gegen den Gruppenzwang stellen kann.

FW Und die Rolle des Staates?

Laucke Da gibt es die Wegbereitung durch Pseudo-Konservatismus und offene Verteidigung faschistischer Ideologie: Die Richterin aus Freiburg in Szene 17 oder die ressentimentgeladene Sozialarbeiterin in Schneeberg. Das sind die wesentlichen Fakten, die ich darstellen wollte. Hinzu kommt vielleicht die tatsächliche Ohnmacht der Journalistin, für deren engagierte Features sich kein Sender interessiert.
FW Nicht zu vergessen das deutsche Stadttheater in der letzten Szene, das sich nicht für eine menschliche Geschichte interessiert, wenn sie nicht mindestens den Nahost-Konflikt mitverhandelt.

Laucke Das ist eben die Gefahr: Einerseits besonders kritisch sein wollen, andererseits sich gemein machen mit dem Publikum unter dem Vorzeichen, das moralisch Richtige zu tun, quasi ein kultureller Aufstand der Anständigen. Aber auch der Zwang zu Aktivität und Engagements, wo weder hinreichend Reflexion noch ein tatsächlicher Radius dafür besteht.

FW Das provoziert natürlich die Gegenfrage, ob «Furcht und Ekel» das nicht auch tut?

Laucke Manchmal, ja. Aber hoffentlich frech genug.

FW Wie entsteht eine rassistische, rechtsextreme Einstellung?

Laucke Da gibt es viele Theorien über mögliche Ursachen. Labile soziale Lage, unsichere ökonomische Verhältnisse, beschädigte Familien, Identitätskrisen, Bildungsdefizite, ein latenter autoritärer Charakter, die Überidentifikation mit Führerpersönlichkeiten und Abwertung niederer oder anders erscheinender Personen und noch vieles mehr. All dies habe ich in meinem Stück aber nicht analysiert und durchdekliniert. Ich glaube auch nicht, dass der alte Kommentator Brecht dies getan hat. Nein, seine Leistung, und gerade sie wollte ich würdigen, bestand doch darin, dass er ein recht wenig erklärerisches Stück geschrieben hat.

FW Die Fakten sprechen lassen. Wie sieht die Recherche aus? In der Vorbemerkung zum Stück steht: «Das Stück beruht auf Augenzeugenberichten und Zeitungsnotizen aus den Jahren 2007 bis 2013.»

Laucke Ich sammle das seit geraumer Zeit, es gibt auch im Netz Orte, wo man vieles findet. Zum Beispiel die Internetseite der Amadeu-Antonio-Stiftung. Antonio Amadeu wurde 1990 von Nazis ins Eberswalde erstochen. Dann lese ich natürlich Zeitung, und so kommt einiges zusammen: das ganze deutsche Haus. Aber es gibt auch Geschichten, die mir zugetragen werden. Ich habe einen Freund, der ist Buchhändler in der Uckermark, und was er mir erzählt hat, ist dann in die Szene über den drohenden Naziaufmarsch dort eingeflossen. Wie kriegt man die Uckermärker in Bewegung? Solche Gespräche regen dann meine dramatische Fantasie an. Da brauche ich dann keine Zeitung.

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FW Wenn man sich Handlungsorte der Szenen ansieht, ist der rechte Alltagsrassismus ziemlich ostlastig. Es gibt auch einzelne Szenen, die im Westen spielen, aber die Mehrzahl zeigt Situationen aus den neuen Ländern. Ist das ein biografischer Recherchezufall, oder ist Ostdeutschland rechter gestrickt?

Laucke Die Lage ist leider so, dass im Osten mehr faschistische Stimmung herrscht, besonders in den abgehängten Gebieten, aber nicht nur dort. Die Wahlen in Sachsen haben es ja klar gezeigt, wie die Stimmung dort ist. Die Normalbevölkerung hat eine alternative rechte Partei gesucht: Das ist der Nährboden.

FW Was ist genau der Nährboden dieser normalen Leute?

Laucke Es ist auch eine Mentalität. Nicht nur eine soziale Frage oder eine Identitätsfrage, wie der Ossi in der Welt zurechtkommt. Nee, es ist eine Mentalität, die ihre Wurzeln in einem nicht aufgearbeiteten Nationalsozialismus hat. Die DDR hat einen Teufel getan, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Sie hat dekretiert: Wir sind alle Antifaschisten. Es wurden ein paar wichtige Präzedenzfälle mit SS-Leuten juristisch verfolgt und auch härter bestraft als in Westdeutschland, aber danach konnte sich der kleine Parteigenosse einfach in die SED eintragen. Da wurde dann nicht mehr weiter drüber geredet oder analysiert, was den Nährboden für rechtes Denken ausmacht. Victor Klemperer beschwert sich ja zu Recht in «LTI», dass auch in der DDR der alte Heroismus wieder angesagt war. Ob als Held der Arbeit oder als heldenhafter kleiner Pionier. Und das Delegieren von Verantwortung an eine größere Gemeinschaft oder den Staat herrscht nach meiner Erfahrung und auch nach statistischen Erhebungen in Ostdeutschland weiter vor.

FW Ist der Osten Deutschlands immer noch ein autoritäreres Land als der Westen?

Laucke Würde ich so sehen. In der Kita meiner Schwester mit ihrem Sohn bei Bitterfeld läuft Erziehung anders als bei mir und meinem Sohn in Kreuzberg. Aber Mentalität ist auch nicht alles. Die hardcore-rechte Szene ist zum Beispiel gerade in Nordrhein-Westfalen sehr im Vormarsch.

FW Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert? Der Buchhändler Daniel versucht im Stück ja, eine Gegendemo gegen Rechts auf die Beine zu stellen, was ihm nicht gelingt. Er meint, 1994 wäre das noch kein Problem gewesen.

Laucke Die linke Szene ist meines Wissens nicht mehr so geschlossen und aktiv wie früher. Das hat auch ideologische Gründe, man ist gerne zerstritten – für die Linken gab es schon immer keinen schlimmeren Feind als die anderen Linken. Oder man beschäftigt sich lieber mit anderen Themen wie Gender. Und die Leute sind auch älter geworden oder wurden klein gemacht.

FW Als wir vor ein paar Jahren über «alter ford escort dunkelblau» sprachen, meinten Sie über die Figuren: «Ich kenne diese Leute.» Und diese Leute in «Furcht und Ekel» jetzt?

Laucke Ich kenne nicht alle. Und nicht alle gleich gut. Die Typen aus Halle/Silberhöhe habe ich erlebt, bin aber nicht lange mit ihnen abgehangen; die Kindergärtnerin kenne ich natürlich, linksökologisch Bewegte wie den Biobauern habe ich kennengelernt; die Hools aus Magdeburg kenne ich nicht, aber es ist eine sehr ähnliche Klientel wie die Hools aus Halle, mit denen ich ja mal ein Stück gemacht habe, «Ultras». Die Journalistin kenne ich nicht. Oder vielleicht doch: Sie ist ein karikiertes Abziehbild von mir.

FW Und die Theaterleute?

Laucke Die kenne ich auch! (lacht) Werde ja gerne angefragt: Wir haben da eine Vorstadt, willste nicht mal was schreiben? Und ich sage dann: Ja, habe ich schon ein bisschen was dazu geschrieben. Vielleicht guckt ihr mal rein?

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Dieses Interview ist aus der November Ausgabe von Theater Heute. Sie können diese Ausgabe und weitere hier beziehen.

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Fotos: Conny Mirbach

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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