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90 Minuten

_SIG1673 Ein Doppel-Pass von Sport und Kultur zur Fußball-WM in Brasilien

Erste Halbzeit

 

Anpfiff:
Welchen Bezug habt ihr zum Fußball?
Sandra Ich bin eigentlich nicht gerade der super Fußball-Fan. Aber ich habe als kleines Mädchen immer mit den Nachbarjungs Fußball gespielt. Ich wollte auch unbedingt in den örtlichen Fußball-Club. Da durften Mädchen allerdings nicht mitmachen. Dann war ich mal mit der Familie im Urlaub an der Ostsee. Dort gab es eine Fußball-Schule mit Dieter Burdenski. Kennt ihr den?

Klar, Budde, ehemaliger Torhüter von Werder Bremen.
[Daniel K. nickt, Daniel C. blickt fragend in die Runde]
Sandra Ja, genau. Weil ich damals kurze Haare hatte und ein bisschen aussah wie ein Junge, durfte ich mitmachen. Ich war ganz gut, richtig begabt. Ganz gleich, mit welcher Ballsportart ich zu tun hatte, irgendwie konnte ich damit was anfangen. Später bin ich dann zum Tennis.
Daniel K. [im Trikot der argentinischen Nationalmannschaft]
Na ja. Ich bin in Argentinien geboren. Da gehört der Fußball einfach dazu. Bei mir war es wie bei allen Jungs. Fußball ist eben der Mannschaftssport schlechthin. Da musste man einfach dabei sein.
Daniel C. Bei mir war es in Brasilien ganz ähnlich. Nach der Schule kurz die Hausaufgaben machen, dann auf den Bolzplatz zum Kicken. Wir haben überall gespielt, wo und wann es nur ging. Manchmal auch mit leeren Getränkedosen.

Die Liebe zum Fußball drückt sich anders aus als die Liebe zur Kunst. Passt aber trotzdem ganz gut zusammen, oder?
Daniel K. Eigentlich schon. Als kleiner Junge träumt man natürlich davon, irgendwann mal Profi beim VfB Stuttgart zu werden. Ich habe aber früh meine Liebe zur Musik und zum Gesang entdeckt. Da muss man sich dann entscheiden. Bei den Aurelius Sängerknaben in Calw haben wir aber auch gekickt, wir hatten sogar eine eigene Mannschaft. Es gab Turniere für Knabenchöre.

Und ab und zu hat sich auch jemand im Ton vergriffen?
Daniel K. [lacht] Das konnte schon mal passieren. Trotzdem bin ich dem Fußball immer treu geblieben. Seit ich hier in Stuttgart bin, spiele ich beim TSV Uhlbach in einer Ü-30-Freizeitmannschaft. Nur so zum Spaß.

Weder im Fußball noch im Gesang darf man zimperlich sein …
Daniel K. … ich bin linker Verteidiger, Abräumer und so. Mit dem Gefühl für den öffnenden Pass.

Und welche Position spielst du beim Singen?
Daniel K. Schau’n mer mal. Ich bin ja hier noch am Anfang und mache als Tenor die netten, kleinen Buffo-Rollen. Auf dem Weg in die Stammelf, also.
Daniel K. So könnte man das sagen. Kommt ganz darauf an, wohin ich mich stimmlich noch entwickle.

Welche Klasse spielt ihr hier bei der Oper?
Daniel K. Bundesliga, ganz klar. Mit der Champions League immer im Blick.

Wer ist Stürmer, wer der Abwehrchef?
Daniel K. Hmm, ich sehe mich da eher im Mittelfeld. Die Stürmer sind natürlichen die lyrischen Größen, wie Tamino in der Zauberflöte oder wie Cavaradossi in Tosca, der da vorne dann das hohe C reinknallt.
Sandra Interessant, so habe ich das noch gar nie gesehen.

_SIG1584Führungsspieler gibt es doch auch auf der Schauspielbühne?
Sandra Das kommt natürlich ganz auf das Stück an, seinen Sinn und auf den Regisseur. Manchmal dominieren die Individualisten. Andererseits entwickelt man als Team zusammen eine Atmosphäre. Da gibt es schon Ähnlichkeiten. In jedem Ensemble gibt es unter den Schauspielern auch Leitwölfe, so wie in jeder Mannschaftssportart.
Daniel C. Es ist auch im Ballett so, dass dem einen Tänzer etwas leichter fällt als dem anderen. Aber die Herausforderung besteht darin, möglichst vielseitig zu sein. Jeder bringt nach Möglichkeit seine individuelle Klasse ein, damit das Ensemble als Ganzes überzeugen kann.

Pause: Der Fotograf unterbricht. Taktische Besprechung für die Fotos. Er wünscht ein »Fußballerlächeln«. Kein Problem.

Zweite Halbzeit

Anpfiff:
Und wann fällt ein Tor?
Daniel C. [überlegt] Ich habe so etwas mal erlebt. Meine Partnerin und ich haben Don Quijote getanzt und am Ende brach ein Orkan des Jubels aus. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Die spontane Begeisterung der Menschen, das Strahlen in ihren Gesichtern, die unglaubliche Lautstärke, das war überwältigend. Es gibt nichts Schöneres. Ich denke, so muss es sein, wenn man in einem vollen Stadion ein Tor schießt.
Sandra Man steckt ja viel Liebe in seine Rolle. Wenn ich zum Beispiel nach Maria Stuart donnernden Applaus bekomme, nachdem ich den ganzen Abend geführt habe, dann ist das Bestätigung und Anerkennung, Lohn für ein hartes Stück Arbeit.
Daniel K. Dafür lebt man ja auch als Künstler.

Wer ist eigentlich der Trainer?
Daniel C. Der Ballettmeister, der Choreograph.
Sandra Der Regisseur.
Daniel K. Bei der Entwicklung einer Oper ist das eine spannende Frage: Eigentlich ist der Dirigent der Coach. Aber der Sportdirektor, der Regisseur des Stücks, spricht immer auch ein Wörtchen mit. Da können sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander treffen. Ich denke da zum Beispiel an Daniel Barenboim und August Everding. Das waren hochinteressante Duelle.

Gibt es auch Spielerberater?
Daniel K. Agenten, einer hat mich noch vor Abschluss meines Studiums zum Vorsingen nach Stuttgart eingeladen. Am Abend hatte ich einen Vertrag in der Tasche.

Wie funktioniert die Talentsichtung?
Daniel C. Ähnlich wie im Fußball. Meine Ballett-Lehrerin in Brasilien, in Curitiba, schickte mich zu einem berühmten Talent-Wettbewerb in New York. Dort wurde ich entdeckt und von der John Cranko Schule eingeladen. Mit 14 Jahren bin ich nach Stuttgart gekommen. Zwei Jahre lebte ich dann noch im
Internat.

Du bist jetzt acht Jahre hier, nie Heimweh gehabt?
Daniel C. Am Anfang schon. Es war ja alles ganz anders. Die Sprache, das Wetter, die Kultur. Inzwischen ist Stuttgart aber mein zweites Zuhause. Ich habe hier viele Freunde.
Daniel K. Mein Elternhaus ist sehr musikalisch. Wir haben schon in Argentinien immer gesungen. Aber richtig los ging es erst, als wir 1987 nach Deutschland kamen. Der Stimmbildner der Aurelius Sängerknaben kam in die Grundschule und ließ uns vorsingen. Danach bekam ich eine Einladung in die
Schnupperstunde. Da hat es mich dann voll erwischt – ich war damals sieben Jahre alt.

_SIG1803Man sieht: Sport und Kunst haben noch etwas gemeinsam. Es sind Arten von Sprachen, die man überall auf der Welt versteht.
Daniel C. Der Tanz ist nicht an eine bestimmte Sprache gebunden. Wenn wir zum Beispiel John Crankos Romeo und Julia in China tanzen, versteht das Publikum alles ohne Probleme.
Daniel K. Mit Gesang ist es total einfach. Das funktioniert überall auf der Welt. Wie Fußball.
Sandra Es treffen sich Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Gesellschaften, mit unterschiedlicher Geschichte und Kultur. Und sie kreieren durch das, was sie tun, immer wieder etwas neu Erlebbares. Das ist faszinierend und unterscheidet uns von anderen Berufen.
Daniel C. So eine Fußball-Weltmeisterschaft ist dafür ein gutes Beispiel.

Schauspiel, Oper, Ballett, Fußball – unterschiedliche Formen des Menschen, um seine Gefühle, sein spezifisches Können und seine Identität zum Ausdruck zu bringen.

Sandra Jeder bringt seine Mentalität und seinen Charakter mit ein.

Und der Fußball gibt eine klare und nachvollziehbare Struktur vor – ähnlich wie auf der Bühne. Es gibt eine Saisonvorbereitung, Spielzeiten, Pausen, einen Spielplan, Sieger und Verlierer, Aufsteiger und Absteiger …
Daniel C. [lacht] … aber zum Glück noch keine Tabelle.
Sandra Es gibt den »Kicker« und »Theater heute«.
Daniel K. Und es gibt Preise, die man gewinnen kann.
Sandra Mit Onkel Wanja sind wir zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen worden.

Das ist dann wie der Einzug ins DFB-Pokalfinale.
Sandra Stimmt, ein netter Vergleich.

Es gibt auch auf dem Fußballfeld Schauspieler, die mit viel Talent eine Schwalbe auf die Bühne zaubern, es gibt Choräle auf den Rängen und es gibt begabte Tänzer wie Pelé, Beckenbauer, Maradona oder Messi.
Sandra [spontan] Schade nur, dass wir nicht so viel verdienen wie sie!
Daniel C. Guter Fußball ist auch ein Stück Körperkunst. Aber man darf sich nicht täuschen. Das größte Talent hilft dir wenig, wenn du nicht täglich sehr hart trainierst.

Und dabei Verletzungen riskierst.
Daniel C. Das stimmt. Jeder von uns Tänzern hat sich schon mal verletzt. Unter Schmerzen zu trainieren ist fast schon Alltag. Und was wir im Ballett mit den Fußball-Profis auch gemeinsam haben: Höchstleistungen bringen wir nur in einem begrenzten Zeitraum. Im Alter zwischen 35 und 40 Jahren ist meistens Schluss.
Sandra Das ist echt krass, was ihr Tänzer leistet.

Das erfordert Disziplin. Habt ihr schon mal eine Nacht durchzecht vor einem wichtigen Auftritt?
[alle drei schauen ein wenig verlegen]
Daniel C. Ganz sicher nicht. Darunter leidet die Qualität.
Sandra Wenn die Premiere gut gelaufen ist, dann kann es schon mal passieren, dass man ein wenig zu intensiv feiert. Dann kann der Auftritt am Abend danach zur Herausforderung werden. Das gibt es aber sehr selten.
Daniel K. Man darf es mit den Bierchen eben nicht übertreiben. Ich habe selber die Erfahrung gemacht, dass ich eine durchzechte Nacht am nächsten Tag bereue. Generell kommt es auf die Konstitution des Sängers an. Manche rauchen und trinken und singen trotzdem mit ganzer Lunge.

Das Publikum spürt, wenn die Leistung nicht stimmt.
Daniel K. Oh, ja. Sofort.

Es gibt Pfiffe?
Daniel K. Nein, aber keine Bravo-Rufe.
Sandra Bei uns ist es immer so still. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum rennen die Leute in Scharen zum Fußball und nicht ins Theater?

Vielleicht, weil sie im Fußball eher ihre Instinkte und Emotionen in der Masse ausleben können. Anonym, moralisch unsanktioniert.
Sandra Ich habe mal erlebt, dass ein Regisseur bei einer Premiere ausgebuht wurde. Aber ein Schauspieler, der ausgebuht wird? Na, ja. Wäre ja auch schrecklich.

Der Respekt des Publikums vor eurer Leistung ist groß. Es gibt in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer, aber nicht 80 Millionen Schauspieler, Tänzer und Sänger.
Daniel K. Und die Identifikation mit den Spielern ist enorm. Wenn der VfB spielt, dann sind das die Jungs des Publikums. So oder so. Diesen Grad der Identifikation müsste man eigentlich auch als Dreisparten-Haus anstreben. Die Zuschauer müssten sagen: Das ist unser Staatstheater, das sind unsere Künstler.
Daniel C. Na ja, wir im Ballett haben das eigentlich schon. Das Stuttgarter Ballettpublikum ist auf der ganzen Welt berühmt: Langer Applaus, Offenheit für Neues, vor allem für neue Tänzer, und dennoch fähig, Kritik zu üben. Wir haben nicht oft Gasttänzer, aber wenn, dann sind sie jedesmal erstaunt über
unser tolles Publikum.

Die Emotionen, die geweckt werden, sind allerdings ganz andere als im Stadion. Fußball hat viel mit Kampf und Aggressionsbereitschaft zu tun. Menschliche Urinstinkte, die sonst kaum mehr bedient werden.
Daniel K. Diese unverbrauchten Reaktionen erleben wir am ehesten noch im Kindertheater. Da dominiert die Emotion über die Rationalität. So wie bei Peter Pan, als die Kinder bei jeder lustigen Szene lauthals gelacht und applaudiert haben. Das ist dann wie im Stadion.
Daniel C. Bei uns war das so bei Krabat. Da wurden die guten Figuren beklatscht, die bösen ausgebuht und ausgepfiffen. Herrlich. Ähnliche Gefühle weckt wohl auch eine Fußball-Weltmeisterschaft. Das ist eben auch ein Wettbewerb unter Nationen. Brasilien ist sehr stolz auf seine Selecao.

Wer ist dein Lieblingsspieler?
Daniel C. Neymar.
Nicht alle in Brasilien sind begeistert von der WM im eigenen Land.
Daniel C. Ja, es gibt noch immer große soziale Ungerechtigkeiten. Und es gibt Menschen, die wegen der Neubauten ihre Wohnquartiere verlassen müssen. Der Staat gibt sehr viel Geld für die WM aus. Klar ist: Brasilien muss sich weiter zum Wohle seiner Menschen entwickeln. Ich hoffe, die WM trägt
mit ihren Impulsen dazu bei.
Sandra Tut mir leid. Ich muss gehen. Zur Probe. Wollt ihr mitkommen?
Übrigens: Ich will euch mal auf der Bühne sehen.
Daniel K. Wir machen was aus.
Daniel C. Ich bin bei fast jedem Stück dabei.

Wer wird Weltmeister?
Daniel C. Brasilien. Aber nur, wenn wir so gut spielen wie vergangenes Jahr im Confederations-Cup. Deutschland hat zwar nicht die Superstars, ist aber als Mannschaft unheimlich stark.
Daniel K. Der größte Spieler nach Maradona ist für mich Messi. Für mich als gebürtigen Argentinier waren die vergangenen beiden Weltmeisterschaften fürchterlich. Beides mal ist Argentinien gegen Deutschland ausgeschieden. Mein Herz schlägt für Argentinien, aber ich lebe in Deutschland. Ich
spreche Deutsch, ich denke Deutsch. Das deutsche Team ist bärenstark. Jogi Löw wird die Mannschaft wieder sehr gut einstellen. Ich sehe eigentlich keinen Grund, warum es diesmal nicht klappen sollte.
Sandra Deutschland!
Schlusspfiff!

 

Im Spiel

ANGRIFF
Sandra Gerling (Schauspiel), stark im verbalen Dribbling, zielstrebig im Abschluss

ABWEHR
Daniel Kluge (Oper), engagiert im Zweikampf, viel Gefühl für Tempo und Rhythmus. Im Argentinien-Trikot mit Stutzen und Schienbeinschoner

MITTELFELD
Daniel Camargo (Ballett), Denker und Lenker, zieht feinsinnig die Fäden mit Blick für die Möglichkeiten in der Tiefe des Raumes. Im Brasilien-Trikot.

SCHIEDSRICHTER
Gunter Barner (Sportredaktion Stuttgarter Nachrichten), Moderator

Der Artikel ist erschienen im Journal Nummer 12. –> hier zum runterladen

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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